LONDON (IT BOLTWISE) – Die AfD in Sachsen-Anhalt will den erwarteten Arbeitskräftenotstand bis 2035 mit einer Mischung aus KI, mehr Automatisierung und einem Bürokratieabbau lösen. Der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund setzt dabei auf die Rückkehr ausgewanderter Deutscher statt auf Zuwanderung. In der Debatte widersprachen CDU-Ministerpräsident Sven Schulze und SPD-Vertreter Armin Willingmann, die Zuwanderung als unverzichtbar ansehen. Gleichzeitig bleibt offen, wie die Rückkehrer-Pipeline organisatorisch und rechtlich konkret umgesetzt werden soll.

In Sachsen-Anhalt steht der Arbeitsmarkt laut politischer Debatte unter Druck: Bis 2035 soll ein Mangel von rund 200.000 Arbeitskräften entstehen. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, hat dafür in einer TV-Wahlarena einen Maßnahmenmix skizziert, der bewusst nicht bei zusätzlicher Zuwanderung ansetzt. Stattdessen nennt er die Rückkehr von Menschen, die Deutschland verlassen haben, plus eine höhere Produktivität durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI), flankiert von einer „radikalen Verschlankung“ der Verwaltung. Damit wird das Thema Fachkräfte nicht nur als demografische Herausforderung, sondern als Steuerungsfrage der öffentlichen Hand gerahmt.
Der Kern seiner Logik ist dabei die Annahme, dass sich ein Teil der Auswanderer grundsätzlich umstimmen ließe, wenn die Rahmenbedingungen im Herkunftsland als attraktiver wahrgenommen würden. Siegmund argumentiert, viele Deutsche würden trotz höherer Löhne im Ausland ihre Heimat vermissen und aus persönlichen Gründen zurückkehren. Im selben Atemzug nennt er als Beispiele Anfragen von Menschen aus Ungarn, Norwegen und den Kanarischen Inseln. Technisch betrachtet ist an diesem Punkt vor allem die Datenlage entscheidend: Wie groß ist die tatsächlich „aktive“ Rückkehrbereitschaft, wie schnell würde sie in konkrete Bewerbungs- und Vermittlungsprozesse übergehen, und welche Qualifikationen bringen die Rückkehrer mit?
Parallel verknüpft Siegmund den Rückkehr-Ansatz mit KI und Automatisierung. Hier verschiebt sich die Diskussion von der reinen Personalplanung hin zu Prozess- und Einsatzplanung in Unternehmen, zum Beispiel in Verwaltung, Industrie und Dienstleistungen. KI kann Arbeitskräfte dort entlasten, wo Routineentscheidungen, Dokumentenbearbeitung und Wissenssuche viel Zeit fressen – etwa durch semantische Suche in Akten, automatische Vorprüfungen in Genehmigungsprozessen oder Assistenzsysteme in der Produktion. Doch je stärker Automatisierung in den Vordergrund rückt, desto stärker steigen auch die Anforderungen an Infrastruktur (Datenqualität, Schnittstellen, IT-Sicherheit) und an die Qualifizierung bestehender Teams. Genau diese praktische Frage, wie aus „mehr KI“ messbare Kapazität ohne Qualitätsverlust entsteht, entscheidet in der Realität über die Wirksamkeit.
Widerspruch kam aus der Regierungs- und Oppositionslogik der etablierten Parteien. Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) stellte Siegmunds Plan in der Logik der Arbeitsmarktströme infrage: Wenn aktuell zwei Personen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, während nur eine nachkommt, sei Zuwanderung unverzichtbar. Armin Willingmann (SPD) schloss sich dieser Linie an. In dieser Perspektive wird der Fachkräftemangel weniger als einmalig lösbares Projekt behandelt, sondern als fortlaufender Saldo aus Demografie, Erwerbsmigration und Erwerbsbeteiligung. Gleichzeitig kritisierte Schulze implizit eine Annahme, die auch in anderen Debatten auftaucht: Dass sich der Bedarf allein über Rückkehrer aus dem Ausland und regionale Nachwuchsquellen decken ließe.
Für die Wirtschaftspolitik in Sachsen-Anhalt bedeutet das einen deutlichen Unterschied im Schwerpunkt: Die AfD setzt stärker auf marktwirtschaftliche Hebel wie Effizienzgewinne, während CDU und SPD Zuwanderung als notwendige Ergänzung sehen. In der Praxis kann beides zusammenlaufen – selbst wenn die Parteien es unterschiedlich gewichten. Unternehmen brauchen jedoch planbare Rahmenbedingungen, damit KI-Investitionen nicht an fehlender Systemintegration, unklaren Zuständigkeiten oder uneinheitlichen Verwaltungsprozessen scheitern. Wenn eine „Verschlankung“ der Verwaltung nur als politische Forderung bleibt, entstehen zusätzliche Übergangskosten: Reorganisationen dauern, Prozesse werden neu beschrieben, und Verantwortlichkeiten müssen neu definiert werden.
Damit rückt die eigentliche Hürde näher an das, was Fachkräfteplanung in der Umsetzung auszeichnet: nicht der politische Slogan, sondern die Mechanik. Wie wird der Bürokratieabbau konkret priorisiert – zuerst bei Genehmigungen, Förderverfahren oder Vergabeverfahren? Welche KI-Anwendungsfälle werden mit welcher Zielkennzahl pilotiert, um Produktivitätsgewinne nachweisbar zu machen? Und wie sieht die Brücke von potenzieller Rückkehrbereitschaft zu tatsächlicher Beschäftigung aus, etwa über Anerkennung von Qualifikationen, Vermittlungswege und regionale Ansprache? Genau diese Detailarbeit entscheidet, ob der Ansatz bis 2035 tatsächlich die Lücke von rund 200.000 Personen schließen kann oder ob sich die Wirkung auf einen Teilbereich beschränkt.
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