LONDON (IT BOLTWISE) – Thyssenkrupp hebt den Ausblick für das Geschäftsjahr 2025/26 beim bereinigten EBIT auf 600 bis 900 Millionen Euro an. Parallel laufen Gespräche über angepasste Förderbedingungen für das 3-Milliarden-Euro-Grünstahlwerk in Duisburg, das bisher stark an Wasserstoffnutzung gekoppelt war. An der Börse geht die Kursfantasie deutlich schneller voran als die fundamental angezeigte Prognosekorrektur. Gleichzeitig liegen die Analystenziele zwischen 12,80 und 19 Euro weit auseinander.

Die Rally um Thyssenkrupp wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Fall von „gute Zahlen, guter Kurs“. Beim zweiten Hinsehen fällt allerdings auf, dass der operative Kern nur einen Teil der Geschichte erklärt. Der Konzern hat für das Geschäftsjahr 2025/26 den bereinigten EBIT-Korridor angehoben und erwartet nun 600 bis 900 Millionen Euro statt zuvor 500 bis 900 Millionen Euro. Genau diese Verengung der oberen und unteren Erwartungsspanne ist mehr als eine bloße Feintuning-Runde nach oben, weil sie die Planungsunsicherheit reduziert.
Im laufenden Jahr zeigt sich die Verbesserung zugleich in den Quartalsdaten, die den Wandel im Tagesgeschäft erkennbar machen. Im dritten Quartal stieg der Umsatz auf 8,8 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT lag bei 183 Millionen Euro. Unter dem Strich blieb ein Nettogewinn von 34 Millionen Euro, und für viele Investoren ist diese Kombination der entscheidende Spannungsbogen: Auf der Umsatzseite sieht es stabil aus, aber die Ertragskraft bleibt in Teilen des Konzerns noch nicht dort, wo eine dauerhaft überzeugende Ergebnisstory eigentlich hinführen müsste. Über die ersten neun Monate summiert sich der Umsatz auf 24,4 Milliarden Euro, der Nettogewinn wird dabei in der Erzählung als Hinweis genutzt, dass die Margen zwar besser werden, aber noch nicht in allen Geschäftsbereichen gleichziehen.
Mindestens ebenso wichtig wie die Gewinnkennzahlen ist der Finanzierungsbaustein des grünen Stahlprojekts in Duisburg, weil hier die Bewertungsprämie für die Transformation hängt. Thyssenkrupp führt nach Berichten Gespräche mit der Europäischen Ebene über angepasste Förderbedingungen für das Werk, dessen Kosten mit 3 Milliarden Euro beziffert werden. Der zentrale Punkt: Die ursprüngliche Förderung war an die Wasserstoffnutzung gekoppelt, die unter den heutigen Bedingungen offenbar als unrealistisch bewertet wurde. Diese Anpassungslogik klingt nach strategischer Nüchternheit. Entscheidend ist aber, dass sich damit ein Teil des größten Unsicherheitsfaktors von „technisch und finanziell schwer vorhersagbar“ hin zu „laufend verhandelbar“ verschiebt.
Genau hier entsteht die Lücke zwischen Fundament und Kurs. Der Aktienkurs steht bei 14,85 Euro und liegt nur noch 0,7 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. In den vergangenen 30 Tagen verbuchte die Aktie laut Angaben einen Anstieg von 22 Prozent, seit Jahresbeginn sogar 59 Prozent und auf Zwölfmonatssicht rund 65 Prozent. Solche Geschwindigkeiten sind schwer ausschließlich durch die reine Prognoseanhebung zu erklären. Technische Indikatoren liefern zumindest einen Hinweis auf kurzfristige Überhitzung: Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt liegt bei 43 Prozent, der RSI wird mit 71,5 angegeben. Für eine Investmentthese taugen diese Signale zwar nur begrenzt, sie zeigen aber, dass sich der Markt bereits deutlich nach vorne bewegt hat.
Besonders aufschlussreich ist zudem die Spaltung der Analystenhäuser, weil sie den Unterschied zwischen „Turnaround bestätigt“ und „Wachstum sauber bewertet“ sichtbar macht. Deutsche Bank Research bestätigt ein Kaufvotum mit einem Kursziel von 16 Euro, BofA erhöhte das Ziel von 18 auf 19 Euro. Beide Positionen signalisieren noch mehr Potenzial als das aktuelle Kursniveau, allerdings auf unterschiedlichen Pfaden. JPMorgan blieb bereits am 13. August bei Neutral und nennt ein Kursziel von 12,80 Euro. Die Spanne von fast sieben Euro zwischen den Zielen wirkt wie ein Proxy für zwei verschiedene Risikomodelle: Wie wahrscheinlich ist es, dass die operative Verbesserung in eine belastbare Margenentwicklung übergeht? Und wie stark darf die Bewertung im Licht der Stahl-Transformation nach oben ziehen, ohne dass die Rechnung in der Umsetzung wieder wackelt?
Unterm Strich spricht für Thyssenkrupp vor allem die Tatsache, dass die operative Verbesserung nicht nur „gefühlte Fortschritte“ sind, sondern mit einer echten Anpassung der EBIT-Bandbreite untermauert werden. Die Annäherung an Förderbedingungen für das Duisburger Projekt nimmt außerdem einen Unsicherheitsfaktor aus dem Bewertungskalkül, was kurzfristig auch Kapital in die Aktie zieht. Gleichzeitig bleibt das Tempo der Kursbewegung hoch und lässt damit das Risiko eines Rückschlags nicht verschwinden, falls der Markt zu viel Erholungserzählung im Voraus einpreist. Wer die Aktie bereits hält, kann sich auf die inzwischen konkretisierte Entwicklung beim EBIT und den entlastenden Effekt der Förderverhandlungen stützen. Wer neu einsteigt, sollte dagegen damit rechnen, dass ein erheblicher Teil der positiven Nachrichten bereits im Kurs enthalten ist und künftige Erwartungen entsprechend anspruchsvoll bleiben.
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