UNTERALLGÄU / LONDON (IT BOLTWISE) – Helsing hat bei Grob Aircraft in Mattsies rund 18 Millionen Euro investiert, um den Standort nach der Übernahme auszubauen. Der Schwerpunkt liegt nicht nur auf Infrastruktur, sondern auch auf Entwicklung, Sicherheit und Ausbildung für das wachsende Team. Parallel entsteht die KI-gestützte Kampfdrohne CA-1 Europa: Für das nächste Jahr wird ein Start des Flugprogramms angestrebt. Als technischer Schlüsselschritt gilt dabei die Critical Design Review (CDR), bevor weitere Umsetzungsschritte folgen.

In Mattsies im Unterallgäu verändert sich das Bild eines Unternehmens spürbar, wenn ein Rüstungs-Startup die Mehrheit übernimmt und den eigenen Entwicklungsplan auf einen etablierten Luftfahrtstandort überträgt. Schon knapp ein Jahr nach der Übernahme durch Helsing ist bei Grob Aircraft eine ganze Reihe sichtbarer Anpassungen abgeschlossen: Das bisher stark auffällige, grelle Farbschema weicht einer zurückhaltenderen Gestaltung in Schwarz, Weiß und Dunkelgrau. Diese Wechsel sind jedoch nur die Kulisse. Aus technischer und organisatorischer Sicht entscheidet vor allem, wie schnell Personal, Prozesse und Sicherheitsstrukturen mit den Anforderungen an ein unbemanntes System zusammenwachsen.
Für die unmittelbare Umsetzung nennt Geschäftsführer Wolfgang Gammel als zentrale Zahl rund 18 Millionen Euro Investitionsvolumen, die Helsing seit der Übernahme in Mattsies gesteuert hat. Interessant ist dabei, dass der Ausbau nicht ausschließlich an Liegenschaften hängt. Im Interview betont Gammel, dass es um eine belastbare Entwicklungsfähigkeit für das Projekt CA-1 Europa geht und nicht um punktuelle kosmetische Maßnahmen. Dazu passen die Angaben, dass Grob Aircraft heute rund 320 Mitarbeitende beschäftigt, nachdem es bei der Übernahme noch etwa 260 waren. Gleichzeitig laufen Einstellungsbemühungen, insbesondere in Fertigung, Einkauf und Engineering – grob 30 zusätzliche Kräfte werden laut Gammel gesucht. Für die Entwickler von Helsing und den Partnerfirmen sei zudem eine eigene Containersiedlung entstanden, was in der Praxis oft der schnellste Weg ist, kurzfristig Kapazitäten zu bündeln, ohne sofort das gesamte Standort-Layout umzubauen.
Auch bei den Rahmenbedingungen für Produktion und Sicherheit setzt der Standort nicht auf Symbolik, sondern auf bauliche und organisatorische Redundanz. Ein neuer, rund 4,3 Kilometer langer Zaun entsteht derzeit um das Firmengelände; er ist mannshoch ausgelegt und soll nach Angaben des Geschäftsführers verhindern, dass Tiere die Flugbahn kreuzen – zugleich soll er die physische Sicherheit des Unternehmens erhöhen. Zusätzlich investiert Grob Aircraft den Angaben zufolge zwischen zehn und 15 Millionen Euro weitere Summen in Trainings und Sicherheitsmaßnahmen. Bemerkenswert ist dabei auch die Rückkehr einer Kantine: Sie war während der Pandemie unter anderem zur Produktion von Atemmasken genutzt und anschließend geschlossen worden. Die Wiedereröffnung samt subventioniertem Essen wirkt im ersten Moment wie ein Detail, ist aber in Übernahmesituationen ein realer Faktor für Teamkohäsion und Akzeptanz. Genau in diese Richtung argumentiert Gammel: „Man muss mit den Leuten vernünftig reden“, und er stellt klar, dass Mitarbeitende die Strategie verstehen und mittragen sollen – weil ein Projekt wie die CA-1 nur funktioniert, wenn „der komplette Standort“ mitzieht.
Technisch ruht die Basis dafür bei Grob Aircraft weiterhin auf dem Bestandsgeschäft. Rund 80 Prozent der Arbeit in Mattsies entfällt aktuell auf den Bau und Verkauf von Trainingsflugzeugen, inklusive zugehöriger Systeme wie Simulatoren und Trainingsprogrammen. Der Verkaufsschlager ist dabei die G120 TP, die nach Kundenwünschen kontinuierlich weiterentwickelt wird. Gammel beschreibt den Entwicklungsmodus anschaulich: „Das Flugzeug schaut anders aus als vor zwei Jahren und wird auch in zwei Jahren wieder anders ausschauen.“ Bislang wurden über 200 Stück der G120 TP gefertigt und in unterschiedliche Regionen exportiert; als Abnehmer werden unter anderem die deutsche Luftwaffe sowie die britische Royal Air Force und die United States Army genannt. Für die Zukunft setzt Grob Aircraft auf europäische Länder wie Schweden, Finnland, Norwegen und Italien. Gerade weil solche Verkaufszyklen bis zu zweieinhalb Jahre dauern können, ist die Kontinuität im Bestandsgeschäft für die Liquidität und für die Planbarkeit der Entwicklungsressourcen entscheidend.
Der strategische Zubau für Helsing liegt dagegen bei der Kampfdrohne CA-1 Europa. Etwa 20 Prozent der Arbeitskraft in Mattsies sollen in den Bau des Prototyps fließen. Die Designstudie wurde im September des vergangenen Jahres im Beisein von Ministerpräsident Markus Söder öffentlich vorgestellt. Laut Gammel soll die CA-1 „im nächsten Jahr“ zum Fliegen kommen; im Entwicklungsprozess liege man derzeit im Plan. Der nächste operative Meilenstein ist die Critical Design Review (CDR), also die „kritische Entwurfsprüfung“, bevor das Projekt in weitere Umsetzungsschritte übergeht. An dieser Stelle wird ein typischer Engineering-Konflikt greifbar: Eine unbemannte Plattform benötigt nicht nur reines „Design“, sondern eine belastbare Entwurfsreife, damit spätere Integrations- und Testphasen weniger Iterationen brauchen. Dass Helsing dafür in Mattsies zusätzliche Kapazitäten aufbaut, passt ins Muster von Migrationsprojekten, bei denen reale Tests schneller starten sollen, wenn die Designprüfung sauber abgeschlossen wird.
Bei der Testlogik nennt Gammel außerdem ein Vorgehen, das die Hürde zwischen Konzept und Serienumsetzung reduziert: Zwei Prototypen sollen zunächst mit einem „Safety pilot“ – also einem Menschen – in die Luft gehen, um mehr Testflugstunden zu generieren. Für die deutsche Luftwaffe sieht er „hohe Chancen“, weil es um nationale Souveränität geht. Auch politisch wird dieser Fokus sichtbar: Bei der Präsentation zeigte sich Ministerpräsident Markus Söder beeindruckt. Welche Produktionsgröße und welcher Standort für die spätere Fertigung der KI-Drohne festgelegt werden, werde letztlich die Nachfrage entscheiden. Für das Übernahme-Setup formuliert Gammel zum Abschluss eine pragmatische Leitlinie: „Ein gemeinsames Projekt sei das Beste, um zusammenzuwachsen.“ Auf die Frage, ob das bei Grob Aircraft und Helsing bereits geklappt habe, kommt als Fazit mit augenzwinkerndem Tonfall: „Das passt scho.“ In Summe zeigt der Fall Mattsies, wie sich KI-gestützte Verteidigungsvorhaben nicht allein über Algorithmen, sondern über Standortfähigkeit, Produktionskontinuität und Engineering-Reviews realisieren.
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