LONDON (IT BOLTWISE) – Techem beschleunigt die personelle Neuausrichtung an der Unternehmensspitze und stellt die Weichen für eine konsequente Strategie Richtung digitale Energie- und Gebäudedienstleistungen. Matthias Hartmann und Dr.-Ing. Carsten Sürig scheiden mit Wirkung zum 27. August 2026 vorzeitig aus. Bis zur dauerhaften Neubesetzung führt eine interimistische Doppelspitze die Gruppe: Ulrich Schiller und Michael Nilles übernehmen die Co-CEO-Rolle. Im Zentrum steht der Ausbau von Smart-Metering-Lösungen und die KI-gestützte Optimierung der Gebäudeenergiesteuerung.

Der Wechsel an der Techem-Spitze kommt nicht als „Abriss“ der bisherigen Linie, sondern als Beschleunigung einer bereits laufenden Neuausrichtung. Der Aufsichtsrat der Techem GmbH hat sich mit Matthias Hartmann, dem bisherigen CEO und Vorsitzenden der Geschäftsführung, sowie Dr.-Ing. Carsten Sürig, dem CFO, einvernehmlich auf den Austausch verständigt. Laut Angaben des Unternehmens scheiden beide Führungskräfte mit Wirkung zum 27. August 2026 vorzeitig aus, nachdem Hartmann zuvor angekündigt hatte, seinen Vertrag nicht über das Frühjahr 2027 hinaus verlängern zu wollen. Damit bleibt zwar Zeit für eine geordnete Übergabe, organisatorisch dürfte der Schritt aber deutlich früher als in einer klassischen, bis zum Laufzeitende gestreckten Planung erfolgen.
Für die Übergangszeit sieht Techem eine Doppelspitze vor: Ulrich Schiller, aktuell CEO der Techem Deutschland, und Michael Nilles, Mitglied des Advisory Boards, übernehmen die Gruppe als Co-CEOs. Diese interimistische Lösung zielt erkennbar darauf, Kontinuität mit zusätzlichem strategischen Fokus zu verbinden. Schiller wird dabei besonders als Führungskraft mit Erfahrung aus dem Wohnungsbaukontext positioniert, was zur erklärten Priorität passt, Techem-Angebote stärker an den Anforderungen der Immobilienwirtschaft auszurichten. Nilles bringt ergänzend langjährige Digitalisierungserfahrung aus mehreren etablierten Industriefirmen mit, wodurch die digitale Produkt- und Serviceentwicklung in der Übergangsphase organisatorisch nicht ausgebremst wird.
Damit rückt auch die technische und betriebliche Ausrichtung der Gruppe näher an die Themen heran, die in der Immobilienbranche derzeit als „Zentralhebel“ gelten: Mess- und Abrechnungsprozesse werden in vielen Projekten zunehmend von datengetriebenen Energie-Services überlagert. Techem beschreibt die strategische Transformation explizit als Weg vom klassischen Mess- und Abrechnungsdienstleister hin zu einem digitalen Anbieter für Energie- und Gebäudemanagement. In diesem Kontext wird die Doppelrolle der Interim-Manager plausibel: Einerseits braucht es Know-how, um fachliche Anforderungen aus dem Wohnungsbestand in Produkte zu übersetzen. Andererseits geht es um die Fähigkeit, digitale Services zuverlässig zu skalieren – von der Datenverarbeitung bis hin zur Integration in bestehende Betriebs- und Abrechnungslandschaften von Eigentümern und Verwaltern.
Der angekündigte Ausbau digitaler Leistungen betrifft vor allem zwei Schwerpunkte: Smart Metering und die Nutzung von Künstlicher Intelligenz zur Optimierung der Gebäudeenergiesteuerung. Techem nennt dabei die Skalierung von Smart-Metering-Lösungen als konkreten Wachstumsbereich und positioniert KI als Werkzeug, um Steuerungsentscheidungen für Gebäudeenergiesysteme besser zu treffen. Technisch betrachtet heißt das in vielen Implementierungen nicht, dass allein ein KI-Modell „die Steuerung übernimmt“, sondern dass aus Mess- und Betriebsdaten eine Prognose- und Optimierungsschicht entsteht: Datenquellen müssen zusammengeführt, Qualität und Plausibilität geprüft und Modelle so in den Produktbetrieb integriert werden, dass Latenz, Wartbarkeit und Nachvollziehbarkeit stimmen. Für Unternehmen in der Immobilien- und Energiewertschöpfung ist diese Kette entscheidend, weil Effizienzgewinne nur dann stabil werden, wenn die Daten kontinuierlich konsistent ankommen und die Systeme im Feld zuverlässig funktionieren.
Ein weiterer konkreter Baustein ist der Erwerb der Mehrheit an inexogy smart metering im September 2025. Der Deal unterstreicht, dass Techem den Zugang zu relevanten Messstellen- und Messdatenstrukturen nicht nur über Kooperationen lösen will, sondern durch strukturelles Eigentum. Für den Markt bedeutet das potenziell höhere Geschwindigkeit bei der Umsetzung, weil Entscheidungen über Produktroadmaps, Plattformintegration und Service-Level in der Gruppe gebündelt werden können. Gleichzeitig steigt mit solchen Beteiligungen die Verantwortung für Betriebs- und Datenstandards, etwa bei der Vereinheitlichung von Schnittstellen und Prozessen zwischen Organisationen. Genau hier entscheidet sich in der Praxis, ob Smart Metering nur „mehr Geräte“ bedeutet oder ob daraus wirklich bessere Abrechnungsqualität, effizientere Betriebsführung und planbarere Energieanalysen entstehen.
Auch die Kommunikation des Aufsichtsrats legt die Stoßrichtung offen: Der Vorsitzende Tom Blades würdigte die scheidenden Führungskräfte und betonte, sie hätten die strategische Transformation maßgeblich vorangetrieben. Blades hebt zudem hervor, dass Techem heute wirtschaftlich solide aufgestellt sei, um den Wandel fortzusetzen und profitabel zu expandieren. Dieser Punkt ist für die IT- und Digitalabteilungen insofern relevant, als digitale Produktentwicklung in der Regel nicht nur Budgets, sondern auch belastbare Betriebs- und Finanzierungskapazitäten benötigt: etwa für Plattformbetrieb, Datenintegration, Sicherheitskonzepte und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Modellen und Service-Workflows. In einer Umbruchphase ist das besonders wichtig, weil sich Produktanforderungen, Organisationsprozesse und technische Zielbilder gleichzeitig anpassen müssen.
Für Kunden der Wohnungswirtschaft dürfte die interimistische Doppelspitze vor allem eine Erwartung erfüllen sollen: Der laufende Aufbau digitaler Angebote soll nicht mit der Führungskurve „mitziehen“, sondern strukturiert weitergehen. Das gilt auch deshalb, weil Smart Metering-Projekte typischerweise über Zeiträume geplant werden, in denen operative Übergaben sonst schnell zu Reibungsverlusten führen. Techem formuliert den Schwerpunkt „bis zur dauerhaften Neubesetzung“ als bewusst gewählte Stabilitätsmaßnahme. Gleichzeitig bleibt offen, wie die spätere, dauerhaft verantwortliche Führung die KI-Strategie konkret operationalisiert – etwa durch Priorisierung bestimmter Use Cases in der Gebäudesteuerung, durch den Umgang mit Datenverfügbarkeit im Bestand oder durch die Frage, wie eng KI-Optimierung mit den Prozessen von Eigentümern, Verwaltern und technischen Dienstleistern verzahnt wird. Bis dahin sollen Schiller und Nilles offenbar die Brücke schlagen: fachliche Tiefe aus dem Wohnungsbau treffen auf Digitalisierungskompetenz und die Fähigkeit, Smart-Metering- und KI-gestützte Serviceelemente zu einem in sich stimmigen Produktportfolio zusammenzuführen.
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