BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – An der Ganghoferstraße 10 im Neukölln wächst das Quartier spürbar: Zum 1. September öffnen mit Bar Clay und den neuen Rough-Trade-Räumlichkeiten zwei Betriebsstätten. Rough Trade verlegt seinen Standort von der Karl-Marx-Straße an die Ganghoferstraße und schafft auf über 400 Quadratmetern mehr Fläche für Store und Lager. Im gleichen Umfeld startet Clay mit rund 100 Quadratmetern Kapazität für etwa 70 Gäste sowie DJ-Abenden und Performances. Damit bündeln sich Musikhandel, Live-Programm und Gastronomie an einem Ort stärker als bisher.

Die Ganghoferstraße wird im Berliner Musikleben gerade von zwei Seiten gleichzeitig verstärkt: mit einem neuen Retail-Setup für Rough Trade und mit einem Bar-Konzept, das bewusst weniger nach „klassischer Kiezkneipe“ wirkt. Dass das Kalle Neukölln diese beiden Eröffnungen am 1. September an der Adresse Ganghoferstraße 10 bündelt, ist mehr als bloße Standortpflege. Es geht um eine Verdichtung von Kulturangeboten in einem Viertel, in dem Besucher ohnehin regelmäßig zwischen Szenetreffpunkten wechseln. Hans Stier, Partner des Immobilienentwicklers MREI, ordnete die Erweiterung deshalb auch als Beitrag zur kulturellen Infrastruktur des Quartiers ein.
Rough Trade, der unabhängige Plattenhändler, hatte bereits 2024 als erster Mieter im Kalle Neukölln begonnen. Der jetzt erfolgte interne Umzug führt von der Karl-Marx-Straße an die Ganghoferstraße und beendet dort zum 27. August den bisherigen Standort. Inhaltlich ist das neue Setup als „unter einem Dach“-Modell ausgelegt: Auf über 400 Quadratmetern laufen Verkaufsbereich und Lager nun räumlich zusammen. Der Store selbst umfasst dabei 160 Quadratmeter, während die Erweiterung vor allem die Operations im Hintergrund und die Warenlogistik effizienter verzahnen soll. Entscheidend ist zudem die Bühne, die Rough Trade im Konzept verankert: Sie ist für Veranstaltungen mit bis zu 250 Personen ausgelegt und macht den Laden damit zu einem Ort, der nicht nur verkauft, sondern auch aufführt.
Das Ladenbild soll dabei sichtbar anders wirken. Genannt werden eine reorganisierte Ladenfläche, eine großzügige Glasfront zur Ganghoferstraße sowie eine integrierte Bar. Gerade die Kombination aus Glasfront und Bar ändert die Wahrnehmung des Stores: Außen wird er eher als durchlässiger Treffpunkt lesbar, innen wird der klassische Plattenkauf stärker an Aufenthaltsqualität gekoppelt. Ergänzt wird das durch den Veranstaltungscharakter des Konzepts, zu dem Live-Auftritte, Signierstunden, DJ-Sets und Listening Sessions gehören. Curt Keplin, Managing Director Europe bei Rough Trade, verwies darauf, dass der Store seit der Eröffnung vor zweieinhalb Jahren zu einem bedeutsamen Treffpunkt der Berliner Musikszene gewachsen sei und der neue Standort zusätzliche Möglichkeiten für besondere Erlebnisse bietet, ohne die Verwurzelung in Neukölln aufzugeben.
Mit Bar Clay kommt parallel eine Gastronomie-Instanz hinzu, die den Musikfokus im Gebäude nicht nur flankiert, sondern programmatisch unterstützt. Clay belegt knapp 100 Quadratmeter und bietet Platz für rund 70 Gäste. Zum Start arbeitet das Team mit sechs Mitarbeitenden, und geöffnet ist an sechs Abenden pro Woche. Die Planung geht dabei über reinen Barbetrieb hinaus: DJ-Abende und Performances sind ausdrücklich vorgesehen. Betreiber John Hasler beschreibt das Konzept als „offenen Raum“, der sich mit den Abenden und den Besuchern verändert. Inhaltlich steckt in dieser Formulierung ein klares Zielbild: Clay will weder als klassische Kiezkneipe funktionieren noch als Bar auftreten, die sich selbst überhöht. Stattdessen soll Offenheit das wiedererkennbare Merkmal sein.
Damit entsteht im Kalle Neukölln ein Modell, in dem Handel, Bühnenformat und Gastlichkeit ineinandergreifen. Rough Trade und Clay ergänzen bereits bestehende Institutionen wie Paradox Music Hall, das Prachtwerk und SchneidersLaden, wodurch das Haus insgesamt stärker als kultureller Anker wirkt und weniger als „Ansammlung einzelner Gewerbe“. Für Immobilienentwickler wie MREI ist das auch eine praktische Blaupause dafür, wie sich urbane Flächen über Nutzungsvielfalt kuratieren lassen: Der Effekt entsteht nicht allein durch mehr Quadratmeter, sondern durch eine Abstimmung, die Besuchsgründe bündelt. Wenn ein Plattenladen gleichzeitig Bühne bietet und eine Bar zeitlich und inhaltlich anschließt, verkürzt sich der Weg zwischen „Kommen“ und „Bleiben“.
Technisch betrachtet steckt in solchen Konzepten auch eine operative Herausforderung, die im Tagesgeschäft nicht triviale Schnittstellen betrifft: Warenfluss, Eventbetrieb und Gastronomie müssen in der gleichen physischen Infrastruktur funktionieren. Dass Rough Trade Verkaufsbereich und Lager unter einem Dach vereint, wirkt hier wie eine Voraussetzung, um Veranstaltungen mit geringerem organisatorischem Reibungsverlust zu ermöglichen. Gleichzeitig erhöht Clay als Abend-Location die Frequenz zu späteren Tageszeiten, was wiederum die Frage nach Abstimmung von Personalplanung, Raumwechseln und Lautstärke- bzw. Nachbarschaftslogik aufwirft. Ob das Zusammenspiel langfristig genauso reibungsarm bleibt, zeigt sich typischerweise in den ersten Monaten, in denen sich Routinen für Veranstaltungsformate stabilisieren.
Ein Blick auf den Fahrplan macht außerdem klar, dass die Eröffnungen nicht im „Schaufenster-Modus“ enden. Für Rough Trade ist die offizielle Eröffnungsparty für den 8. Oktober vorgesehen. Für Clay startet der Betrieb bereits mit fest eingeplanten Öffnungsabenden, an denen DJ- und Performance-Elemente hinzukommen sollen. Zusammen mit dem bereits vorhandenen Live-Programm im Umfeld entsteht damit ein klarer Takt: Musikliebhaber können dort weiterhin entdecken, aber auch gezielt nach Erlebnissen kommen, während Künstler und Labels planbare Formate vorfinden. Für das Kalle Neukölln und die Ganghoferstraße bedeutet das: Der kulturelle Fokus wird nicht nur beworben, sondern über Räume, Bühne und Abendprogramm erfahrbar gemacht.
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