LONDON (IT BOLTWISE) – Wer stärker an den freien Willen glaubt, berichtet häufiger von positiven Gefühlen im Alltag. Eine neue Studie mit täglich wiederholten Messungen in mehreren europäischen Ländern findet den Zusammenhang auch nach Kontrolle von Lebenszufriedenheit und anderen Merkmalen. In einem zusätzlichen Experiment zeigt sich außerdem, dass die Perspektive auf freien Willen die Stimmung tatsächlich verändern kann. Damit rückt ein eher psychologisches Ressourcenmodell in den Fokus statt nur eine Frage nach Philosophie und Verantwortung.

Glaube an den freien Willen ist in der Philosophie seit Jahrhunderten ein Streitpunkt. In der psychologischen Forschung taucht er inzwischen auch als Faktor auf, der beeinflussen könnte, wie Menschen sich in ihrem täglichen Leben fühlen. Genau hier setzt eine Arbeit an, die in der Fachzeitschrift Social Psychological & Personality Science veröffentlicht wurde: Die Autorinnen und Autoren fragen nicht nur, ob Menschen mit stärkerem freien-Willen-Glauben insgesamt zufriedener sind, sondern ob sie auch von Moment zu Moment eher positive Affekte erleben.
Freier Wille wird in der Studie als Überzeugung verstanden, dass Menschen Handlungen frei wählen und damit für ihre Entscheidungen Verantwortung tragen. Das ist wichtig, weil frühere Arbeiten den Glauben an freien Willen bereits mit Urteilen über Absichtlichkeit, Verantwortungszuschreibungen und sogar mit strafbezogenen Entscheidungen sowie Tendenzen zu Opferzuschreibungen in Verbindung gebracht hatten. Auch prosociales Verhalten wurde in diesem Kontext beobachtet. Gleichzeitig sagen solche „Breitband“-Erhebungen über Lebenszufriedenheit nur indirekt etwas über das unmittelbare Erleben. Positives Erleben – etwa Freude oder Glück – ist jedoch ein eigenständiger Bestandteil von Wohlbefinden, der unter anderem mit Gesundheit, Beziehungen und Sinnwahrnehmung zusammenhängt.
Die Studie nutzt drei unterschiedliche Designs, um die Frage sowohl korrelativ als auch experimentell zu beleuchten. In Studie 1 fließen sekundäre Analysen aus einem Erfahrungssampling-Datensatz ein: Insgesamt wurden 429 Erwachsene in Deutschland in einem Panel-Umfeld rekrutiert und in einem ersten Schritt mit einem Free Will Inventory befragt. Danach folgten sechs Tage mobiler Erfassungen, bei denen die Teilnehmenden fünfmal täglich zwischen 10 Uhr morgens und 10 Uhr abends ein Feedback zu ihrem aktuellen Gefühl gaben – jeweils mit einer einfachen Einschätzung, ob sie sich „gut“ oder „schlecht“ fühlten. Insgesamt entstanden 9.229 Berichte über momentane Affekte. Das Ergebnis: Ein stärkerer Glaube an den freien Willen hängt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zusammen, sich im Alltag gut zu fühlen. Dieser Zusammenhang blieb bestehen, nachdem unter anderem deterministische und dualistische Überzeugungen, Selbstkontrolle, moralische Identität, religiöse Überzeugungen, politische Orientierung sowie soziodemografische Variablen berücksichtigt wurden. Im umfassendsten Modell führte ein Anstieg der freien-Willen-Überzeugung um einen Punkt in der Skala zu einem 15-prozentigen Anstieg der Wahrscheinlichkeit positiver Affekte. Zusätzlich deutete eine explorative Beobachtung darauf hin, dass die Beziehung bei sehr hohen Werten des freien-Willen-Glaubens möglicherweise schwächer wird.
Studie 2 repliziert den Kernbefund über mehrere Länder hinweg. Dafür wurde ein separater, vorbestehender Datensatz aus einem größeren Projekt zu täglichem Wohlbefinden während der UEFA EURO 2024 genutzt. Die Stichprobe umfasste 952 Teilnehmende aus England, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Polen. Insgesamt lagen 3.627 tägliche Bewertungen vor, in denen die Personen zu Beginn ihren Glauben an den freien Willen auf einer Skala von 1 („kein Glaube an freien Willen“) bis 7 („absoluter Glaube an freien Willen“) einordneten. Ergänzend wurden demografische Angaben, politische Orientierung und Lebenszufriedenheit erhoben; nach jedem Spiel der jeweiligen Nationalmannschaft beurteilten die Teilnehmenden, wie glücklich sie sich fühlten und wie zufrieden sie mit ihrem Leben waren. Auch hier zeigt sich: Stärkerer freier-Willen-Glaube geht mit mehr täglicher Glücks- und Wohlbefindenswahrnehmung einher. Entscheidend ist zudem, dass der Zusammenhang auch nach Berücksichtigung von demografischen Faktoren sowie sowohl allgemeiner als auch tagesbezogener Lebenszufriedenheit sichtbar bleibt. Die in Studie 1 mögliche Abschwächung bei sehr hohen Werten konnte in diesem Datensatz jedoch nicht repliziert werden.
Während die ersten beiden Studien damit einen robusten Zusammenhang im Alltag stützen, bleibt eine zentrale Frage offen: Ursachen oder Zufall? Studie 3 liefert dazu experimentelle Evidenz. In einem preregistrierten Experiment nahmen 1.053 englischsprachige Erwachsene teil, rekrutiert über Prolific. Die Teilnehmenden erhielten zufällig einen Text, der vermeintliche wissenschaftliche Befunde präsentiert – entweder zugunsten oder gegen die Existenz eines freien Willens. Anschließend sollten sie drei Aussagen auswählen, die zu der jeweiligen Perspektive passten, und jeweils eine persönliche Erfahrung beschreiben, die dazu „erklärt“ werden konnte. Direkt nach jeder Beschreibung bewerteten sie ihre Gefühle auf einer Skala von 1 („extrem schlecht“) bis 7 („extrem gut“). Die Manipulation funktionierte: Personen in der Bedingung „pro-freier Wille“ interpretierten das Material tatsächlich als unterstützend. Ebenso berichteten sie deutlich mehr positive Gefühle zu den eigenen Erlebnissen als jene in der „anti-freier Wille“-Gruppe, mit Mittelwerten von 5,20 gegenüber 3,25. Der berichtete Effekt lag bei d = 1,77. Genau das ist der entscheidende Schritt über die Korrelation hinaus: Die Perspektive auf den freien Willen kann die Stimmung messbar beeinflussen.
Damit ergibt sich ein konsistentes Bild über alle drei Studien hinweg. Die Ergebnisse passen dazu, dass ein „freier-Wille-Selbstbild“ – also die Vorstellung, Handlungen selbst frei auswählen zu können und Verantwortung zu tragen – als psychologische Ressource fungiert. Diese Ressource würde dann nicht nur in globalen Urteilen über Lebenszufriedenheit aufscheinen, sondern sich auch in kurzfristigen positiven Affekten niederschlagen. Wichtig bleibt dabei auch die Abgrenzung zur reinen Philosophie: Die Arbeit demonstriert nicht, dass der freie Wille „objektiv“ existiert oder nicht existiert, sondern sie zeigt, dass der Glaube daran psychologisch wirksam sein kann. Für die Praxis ist vor allem die Erkenntnis relevant, dass Überzeugungen über Handlungsfähigkeit Gefühle im Moment lenken können – und dass diese Wirkung über ein reines „glückliche Menschen glauben eher“ hinausgeht.
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