BAUNATAL / LONDON (IT BOLTWISE) – Rund 6000 Beschäftigte erwarteten bei einer außerordentlichen Betriebsversammlung Antworten zum Sparkurs von Volkswagen. Der Konzern betonte, am Sparprogramm festzuhalten, während der Betriebsrat Zusagen zu Investitionen, Produkten und Arbeitsplätzen einforderte. Im Raum steht auch die Ausgliederung einzelner Bereiche, die das Werk Kassel direkt betreffen könnte. Thomas Schmall verwies zugleich auf die Notwendigkeit, Kosten weiter und schneller zu senken, um die Wettbewerbsfähigkeit von E-Antrieben zu sichern.

Die Stimmung in Baunatal war vor allem deshalb angespannt, weil die angekündigten nächsten Schritte des Volkswagen-Konzerns in der konkreten Auswirkung noch offen wirkten. Etwa 6000 Beschäftigte folgten am Freitag einer außerordentlichen Betriebsversammlung, um Antworten auf den Sparkurs zu bekommen, der deutschlandweit Druck auf Arbeitsplätze, Investitionen und mögliche Werksentscheidungen ausüben soll. Der Betriebsrat stellte dabei nicht nur das Thema Stellenabbau in den Vordergrund, sondern pochte explizit auf bestehende Zusagen zu Investitionen, Produkten und Arbeitsplätzen. Damit verschob sich die Diskussion von einer generellen Spar-Rhetorik hin zu der Frage, was im Werkalltag nach der Versammlung wirklich anders sein wird.
Technisch und industriepolitisch ist bei Volkswagen vor allem entscheidend, wie sich die Kosten- und Produktionslogik entlang der Wertschöpfungsketten verändert. Laut Angaben von Vorstandsmitglied Thomas Schmall bleibt der Konzern beim Sparkurs, weil die aktuell verfügbaren Margen keine nachhaltige Grundlage bieten: „Von 100 Euro Umsatz bleiben uns heute keine vier Euro. Das reicht nicht, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.“ Der Kern der Aussage ist im Grunde eine operative Gleichung aus Umsatz, Kosten und notwendiger Marge – und daraus leitet sich der Handlungsdruck ab. Schmall stellte außerdem eine „klare Zukunft in der Elektromobilität“ für den Standort Baunatal in Aussicht, während Kassel als Entwicklungszentrum für den elektrischen Antriebsstrang positioniert werden soll. Damit würde sich das Profil der Werke verschieben: Weg von rein mechanisch geprägter Getriebefertigung hin zu Komponenten, die ein Elektrofahrzeug antreiben.
Für Baunatal heißt das in der Logik der Versammlung: Der Transformationspfad soll nicht als reine Umbau-Phase verstanden werden, sondern als industrielle Spezialisierung. Schmall nannte als Perspektive, dass Kassel sich vom Zentrum der Getriebefertigung zum konzernweiten Standort für den elektrischen Antriebsstrang entwickeln soll. Zudem soll der Standort künftig Leistungselektronik entwickeln und produzieren, also jene Bauteile, die den Stromfluss zwischen Batterie und Elektromotor steuern. Solche Komponenten sind nicht nur „Add-ons“, sondern sie bestimmen maßgeblich Effizienz, Regelgüte und Systemstabilität eines Antriebsstrangs. Gleichzeitig wurde aber auch betont, dass der Kostendruck hoch bleibt: „Das aktuelle Umfeld erlaubt allerdings keine Ruhepausen.“ In der Praxis bedeutet das, dass Produktions- und Engineering-Organisationen parallel auf Effizienz, Durchsatz und schnellere Kostenreduktion ausgerichtet werden müssen.
Genau hier liegt der Knackpunkt für die Beschäftigten: Die strategische Zielrichtung zur Elektromobilität ist zwar skizziert, die konkreten Personal- und Strukturfolgen bleiben jedoch weitgehend vage. Die Arbeitnehmerseite hatte zwar deutschlandweit zu Betriebsversammlungen eingeladen und Antworten zum angekündigten Sparprogramm eingefordert, doch zu den Details etwa bei möglichen Jobverlusten in Baunatal gab es nach der Versammlung „nicht viel zu erfahren“. Eine Arbeiterin aus der Getriebefertigung brachte die Lage auf den Punkt: „Es wurde viel gesagt, aber nichts erklärt“, zudem sei sie unsicher, wie es weitergeht. Auch die Frage, wie viele Arbeitsplätze möglicherweise wegfallen könnten, blieb offen. Neben Stellenabbau und möglichen Werkschließungen steht zudem die Ausgliederung einzelner Bereiche aus dem Konzern im Raum, was laut Bericht das Werk Kassel direkt betreffen könnte; wie genau das umgesetzt werden soll, wurde im Nachgang offenbar nicht ausreichend konkretisiert.
Markt- und Konzernkontext liefern dabei den Rahmen, in dem interne Diskussionen oft härter und schneller werden. Volkswagen und die Arbeitnehmerseite haben laut Bericht bereits vereinbart, bis 2030 konzernweit 50.000 Stellen abzubauen. Konzernchef Oliver Blume sprach darüber hinaus jüngst von einem „weltweiten Anpassungsbedarf“ von weiteren 50.000 Stellen. Solche Zahlen wirken im Alltag häufig wie ein Zeit- und Umsetzungsdruck, weil sie eine Richtung vorgeben, während operative Details wie Standortzuschnitt, Übergangsmodelle oder Qualifizierungsprogramme erst danach ausgearbeitet werden. Interessant ist außerdem, dass es im Anschluss anders als bei regulären Betriebsversammlungen keine Pressekonferenz gab und Medienvertreter vor der Veranstaltung zudem nicht ins Werk durften; der Betriebsrat verwies auf ein konzernweit einheitliches Vorgehen. Für die Beschäftigten bedeutet das: weniger öffentliche Zwischenstände, mehr Intransparenzzeit – zumindest solange interne Folgeschritte nicht präzise benannt werden.
Dass das Thema nicht nur intern, sondern auch politisch begleitet wird, zeigt die Teilnahme Hessens Wirtschaftsministers Kaweh Mansoori (SPD). Er bekräftigte seine Unterstützung für den Standort und äußerte Kritik am VW-Management. Mansoori forderte vom Management eine Zukunftsvision, die über Stellenabbau und mögliche Werksschließungen hinausgeht. Aus Unternehmenssicht ist diese Forderung mehr als Rhetorik: Eine belastbare Vision muss im Transformationsprozess erklären, wie Produktplanung, Qualifizierung, Investitionsrhythmus und Produktionsausbau zusammenspielen. Für die Region Baunatal und das Zusammenspiel mit Kassel wäre deshalb entscheidend, ob Volkswagen die angekündigte Elektrifizierungsstrategie mit klaren Meilensteinen untermauert – etwa, wann neue Fertigungsanteile starten, wie Beschäftigte in die neuen Wertschöpfungsbereiche hineinwachsen und welche Investitionen konkret zugesagt werden.
Unabhängig vom weiteren Verlauf steht die technische Ausgestaltung im Vordergrund, weil sie direkt beeinflusst, welche Fähigkeiten gefragt sind. Leistungselektronik, Systemintegration und die durchgängige Optimierung von Kosten pro Antriebseinheit verlangen andere Kompetenzen als klassische Getriebefertigung. Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Realität bestehen, die Schmall mit der Marge-Argumentation („Von 100 Euro Umsatz…“) betont hat: Ohne schnelle Kostensenkung droht selbst ein funktionierender Produktplan an der falschen Stelle zu scheitern. Darum werden die kommenden Betriebsrunden und internen Kommunikationsschritte wahrscheinlich über Erfolg oder Enttäuschung entscheiden. Gerade für Unternehmen und Zulieferer in der Region wirkt die Frage nach Klarheit bei Stellen und Struktur als Frühindikator: Wo Transformation greifbar wird, lassen sich Investitionen in Weiterbildung, Prozesse und neue Fertigungsketten planbarer machen.
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