INTERNATIONAL SPACE STATION / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehrere Startups und Technologiefirmen wollen künftig Medikamente, Halbleiterrohstoffe und Spezialfasern teilweise oder ganz im All herstellen. In der Mikrogravitation lassen sich Kristalle laut beteiligten Entwicklern gleichmäßiger und mit weniger Verunreinigungen aufbauen. Besonders BioOrbit und Space Forge setzen dafür auf autonome Experimente und später auf kommerzielle Produktionsplätze an Raumstationen. Entscheidend wird zugleich, wie sich die fertigen Materialien zuverlässig und wirtschaftlich zur Erde zurückbringen lassen.

Im Zentrum der aktuellen Welle zur Fertigung im Weltraum steht eine sehr konkrete Idee: Wenn Kristalle unter Mikrogravitation entstehen, können sie geordneter wachsen als unter 1g auf der Erde. Genau diese Eigenschaft treibt die Investoren, aber auch die Produktteams hinter mehreren „in-space manufacturing“-Vorhaben. Denn geht es um spürbar bessere Ergebnisse, dann sind es häufig nicht spektakuläre Neuentwicklungen, sondern kleine Qualitätsgewinne bei genau den Werkstoffen, die in der Praxis den Unterschied machen – etwa bei Arzneimittel-Kristallen, bei Wafern für Chips oder bei optischen Fasern. Der BBC-Text ordnet das Ganze als aufkommende Industrie ein, die in den nächsten Jahren von Pilotexperimenten zu wiederholbarer Produktion übergehen könnte.
Bei Pharma setzt Varda nach Beschreibung der Quelle auf Mikrogravitation als „Low-Hanging Fruit“: In Labors werden Seed-Kristalle zunächst durch chemische Reaktionen erzeugt, anschließend in Lösung gebracht, eingedampft und wieder aufgearbeitet. Der Engpass sind dabei Verunreinigungen aus dem irdischen Herstellungsumfeld, die spätere Kristallreifung und Reinheitsgrade beeinflussen. Im Orbit sollen sich die Moleküle laut den Angaben aus der Quelle langsamer und gleichmäßiger zusammenfügen, wodurch hoch geordnete Kristallstrukturen entstehen, die sich auf der Erde teils nur schwer herstellen lassen. Michael Reilly, Chief Strategy Officer bei Varda, bringt den Effekt auf den Punkt: „Microgravity allows molecules to assemble more slowly and uniformly, producing highly ordered crystal structures that are difficult or impossible to create on Earth“, heißt es in der Darstellung. Für den Produktpfad nennt die Quelle sogar eine zeitliche Leitplanke: Varda „hope[s] to have a space drug in a human in the next five years.“ Parallel verfolgt BioOrbit ein ähnliches Zielbild, jedoch mit eigener Hardware: Die Firma, 2023 in UK gegründet und von Katie King (CEO) mitbegründet, hat laut Quelle in der Seed-Finanzierungsrunde 9,8 Mio. Pfund (13,2 Mio. US-Dollar) eingesammelt und arbeitet an einer „pharmaceuticals factory in microgravity“, um Kristalle zu erzeugen, die sich „can’t make here on Earth“ herstellen lassen.
Wie aus einer reinen Konzeptphase ein belastbarer Herstellungsprozess wird, zeigt die Quelle am Beispiel konkreter Flug- und Rückkehrhardware. BioOrbit brachte 2026 das Box-E genannte Experiment zur International Space Station (ISS) und ließ es dort autonom laufen, bevor die Kapsel laut Text im Juni mit einer SpaceX Dragon-Capsule wieder zur Erde zurückkam. Die vollständigen Ergebnisse seien noch nicht veröffentlicht; Katie King spricht hingegen von „preliminary results“ und stellt den Scale-Up in Aussicht: anfangs Milligramm-Kristalle, später bis zu hunderte Kilogramm. Genau diese Skalierung ist für eine industrielle Wertschöpfung entscheidend, weil selbst starke Qualitätsvorteile nur dann wirtschaftlich werden, wenn Menge und Prozessstabilität zusammenpassen. Um das Umfeld für Produktionsanlagen aufzubauen, werden zudem kommerzielle Raumstationen ins Spiel gebracht: Voyager entwickelt nach Quellenangaben die Starlab-Station, plant das Hosting weiterer In-space-Manufacturing-Teams und verweist auf ein großes Interesse; Paul Tilghman, Chief Technology Officer von Voyager, sagt laut Text: „our bookings are over capacity for our first year of operation“ und sieht darin „a really strong sign that there’s unmet need“. Das ist wichtig, weil Produktionsausrüstung im All nicht nur in die Umlaufbahn muss, sondern auch dauerhaft Kapazitäten und Logistik braucht, die mehr als nur einen einmaligen Demonstrator liefern.
Während die Medizinroute auf kontrolliertes Kristallwachstum in Abwesenheit von Schwerkraft setzt, wählt Space Forge für Halbleiter einen anderen Hebel: synthetische Diamantstrukturen und besonders reine Silizium-Kristalle. Laut Quelle verfolgt Space Forge das Ziel, Silizium-Kristalle züchten zu lassen, die später zu Wafern geschnitten werden können. Der Text verknüpft das mit einer Effizienzstory, weil sauberere Materialien die Leistungsfähigkeit von Elektronik verbessern und damit Energieverbrauch in Alltagstechnik, Rechenzentren und Stromnetzen reduzieren könnten – genannt werden bis zu 60 Prozent. Technisch differenziert sich der Ansatz dadurch, dass nicht wie in der Pharma-Welt primär Flüssigkeiten und Lösungsmittel die Kristallbildung treiben, sondern Temperaturen über 1.000 °C in einem Ofensystem. Als Nachweis verweist die Quelle auf Dezember 2025: Dort erzeugte Space Forge mit dem ForgeStar-1-Raumfahrzeug hochtemperiertes Plasma, um die wachsenden Prozesse im Orbit präziser steuern zu können. Andrew Bacon erklärt dazu den Prozessmechanismus über sehr kleine Wachstumsraten; in der Darstellung nennt er „micrometres per hour“ und hebt hervor, dass ForgeStar-1 vor allem den stabilen, sauberen Plasmabetrieb im All demonstriert habe: „What we demonstrated in ForgeStar-1 is the most important part of this process: generating a stable, clean plasma in orbit.“ Parallel nennt die Quelle ein weiteres britisches Projekt: OrbiSky will in Mikrogravitation bessere optische Fasern herstellen, indem sie gleichmäßiger erstarren und dadurch bessere optische Eigenschaften liefern.
So überzeugend die Herstellungsseite wirkt, der Flaschenhals liegt bislang in der Rückführung. Die Quelle beschreibt, dass Unternehmen und staatliche Akteure seit Jahrzehnten an Transport- und Re-entry-Konzepten arbeiten, aber Profitabilität und Regelmäßigkeit bisher zu selten erreicht wurden. Damit eine Mikrogravitation-Produktion tatsächlich skalieren kann, muss jede Charge auch wieder planbar zur Erde. Die Quelle kontrastiert zwei Wege: Varda setzt auf ein Rückkehrsystem mit W-Series-Kapseln und berichtet, dass bereits sechs solcher Kapseln gestartet und erfolgreich zurückgeholt wurden. Space Forge entwickelt hingegen ein „collapsible heat shield“ namens Pridwen, das laut Beschreibung an nahezu jeden Satelliten montiert werden kann und beim Eintritt in die Atmosphäre Schutz bietet. Für den ersten Testflug nennt der Text einen Zeitraum „in the next couple of years“ sowie als Startpunkt eine Bergung per Splashdown nahe den Azoren, wobei Infrastruktur und Rückholbarkeit eine Rolle spielen. Zusätzlich zeigt die Quelle, dass Rückkehrkapazitäten auch von anderen Akteuren adressiert werden: SpaceX plane laut Text mit Starfall ein Kapselkonzept für Rücktransporte; Einzelheiten seien noch unklar, aber die Größenordnung wird mit „roughly the size of a car“ umschrieben. Für die Marktsicht zählt dabei weniger die exakte Geometrie als die Frequenz, mit der sich ein „in-space“ Prozess anstoßen und testen lässt.
Auch das regulatorische Umfeld wird als Faktor genannt, der über technische Hürden hinausgeht. Im Kern geht es laut Quelle um Fragen, die entstehen, wenn Material von einem Land startet und in einem anderen endet – insbesondere wenn die Fracht im Orbit an Wert gewinnt. Lewis D’Ambra, Director of Communications and Public Policy bei Space Forge, wird mit einem Überblick über offene Punkte zitiert, darunter Status des Materials, Besteuerbarkeit und Klassifizierung: „It’s a bit of a mixed picture“, und es gebe „some questions to be answered“. Zusätzlich nennt die Quelle Sicherheits- und Rückkehrregeln, die je nach Land unterschiedlich weit entwickelt seien; sie erwähnt etwa die Situation in UK als „slightly behind the curve“. Für Unternehmen heißt das in der Praxis: Wer kommerziell produzieren will, benötigt planbare, wiederholbare Landungen und ein belastbares Rechts- und Sicherheitsrahmenwerk für Transporte. Passend dazu verweist die Quelle auf einen Bericht des House of Lords zur Space Economy, der in-space manufacturing als Wachstumsfeld einordnet und auf Marktpotenziale bis 2033 sowie Beiträge zur globalen Wirtschaft in den nächsten 20 Jahren hinweist. Während der endgültige Business-Case noch nicht „fertig gerechnet“ ist, deutet die Entwicklungslinie in der Quelle dennoch darauf hin: Die nächste industrielle Stufe könnte weniger vom Raketenstart als von der Produktionskette abhängen – von der Mikrogravitation bis zum sicheren Rücktransport.
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