BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission will die Regeln für die Heringsfischerei in der westlichen Ostsee verschärfen. Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus kritisiert dabei vor allem, dass die kleine Küstenfischerei stärker getroffen werden könnte, obwohl ein Großteil der relevanten Fänge an anderen Fanggründen anfällt. Zudem soll die Ausnahme für passive Fangmethoden mit Stellnetzen nach Angaben der Kommission bis 2027 wegfallen. Verbände warnen, das wäre ein falsches Signal für den Bestandsschutz und die wirtschaftliche Existenz der Betriebe.

EU plant strengere Regeln für Heringsfischerei – Kritik aus Fischwirtschaft
EU plant strengere Regeln für Heringsfischerei – Kritik aus Fischwirtschaft (Foto: IT BOLTWISE)
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Die geplanten EU-Einschränkungen bei der Heringsfischerei in der westlichen Ostsee stoßen in der Praxis auf Widerstand – nicht, weil sich niemand Bestandsschutz wünscht, sondern weil die Ausgestaltung laut Kritikern den ökonomischen Effekt unterschätzt und den ökologischen Nutzen verfehlt. Die EU-Kommission hat dabei vor allem Maßnahmen im Blick, die die Zuteilung und Verfügbarkeit von Fangmöglichkeiten steuern. In Mecklenburg-Vorpommern wird die Debatte dabei unmittelbar mit der Frage verknüpft, wie stark die kleinen, meist handwerklich geprägten Betriebe tatsächlich belastet werden, wenn Quoten oder Ausnahmen reduziert werden. Die politische Linie dahinter lautet: Bestandsschutz soll wirksam sein, aber nicht durch eine Symbolmaßnahme auf dem Rücken der Küstenfischerei umgesetzt werden.

Im Zentrum der Diskussion steht eine Ausnahme, die bisher das Fischen in Küstennähe ermöglicht – allerdings nicht als gezielte Heringsjagd, sondern über passive Fangmethoden. Für die westliche Ostsee gilt demnach: Gezieltes Heringsfangen ist weitgehend nicht erlaubt, gleichzeitig existiert aber eine Sonderregel für Fischer, die in Küstennähe passiv Hering fangen, etwa mit Stellnetzen. Genau diese Ausnahme steht nach den Vorstellungen der EU-Kommission zur Änderung: Sie soll ab 2027 wegfallen. Damit würden jene Betriebe betroffen, die in Deutschland einen großen Teil der Ostseefischerei ausmachen. Ein Sprecher des Deutschen Fischerei-Verbandes ordnet die Maßnahme dementsprechend als potenziell unverhältnismäßig ein, weil die aus dieser passiven Fischerei entnommenen Mengen laut Verband für die Bestandsentwicklung keine entscheidende Rolle spielen, für die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Unternehmen aber sehr wohl.

Auch der Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, setzt seinen Fokus auf das Verhältnis zwischen biologischem Ziel und regulatorischer Wirkung. Backhaus argumentiert, dass Bestandsschutz dann ansetzen müsse, „wo er tatsächlich etwas bewirkt“ – andernfalls drohe eine Korrektur, die zwar auf dem Papier streng wirkt, aber an der falschen Stelle ansetzt. Konkret verweist er darauf, dass die Heringsquote für die kleine Küstenfischerei weiter gekürzt werden würde, während ein erheblicher Teil der Fänge auf denselben Bestand in anderen Fanggebieten erfolgt, etwa im Skagerrak und in der Norwegenrinne. Der politische Impuls dahinter ist, dass sich die Lastenverteilung nicht nur nach Regeln, sondern nach realen Fangstrukturen richten sollte: Wer an anderer Stelle deutlich stärker beiträgt, sollte auch dort stärker adressiert werden. Genau diese Ungleichheit sehen Kritiker als Kernproblem der EU-Planung.

Die Kritik entzündet sich nicht nur am Heringsregime, sondern auch an der vorgesehenen Verschärfung bei der Beifangsteuerung – also jener Fanganteile, die bei der Verfolgung bestimmter Zielarten unvermeidlich mitentstehen. Nach den Angaben der EU-Kommission sollen Zuteilungen für unvermeidbaren Beifang von Dorsch in der westlichen und in der östlichen Ostsee deutlich sinken. Als Größenordnung werden dabei 88 Prozent auf 31 Tonnen beziehungsweise 51 Prozent auf 211 Tonnen genannt. Die Beifangfrage wird im EU-Ansatz als ökologisch relevant beschrieben, weil gefährdete Arten wie Dorsch in der Ostsee durch solche unbeabsichtigten Anteile bedroht werden können. Gleichzeitig wird die praktische Konsequenz deutlich: Wenn Beifangquoten fallen, wird das Risiko größer, dass Betriebe ihre Fahrten, Fangmischungen oder Zielarten anpassen müssen, um nicht dauerhaft in Konflikt mit den neuen Grenzen zu geraten.

Hinter diesem Mechanismus steht ein etabliertes Quoten- und Beratungsmodell in der EU-Fischereipolitik: Die Kommission erarbeitet demnach jährlich Vorschläge auf Basis wissenschaftlicher Empfehlungen des Internationalen Rates für Meeresforschung. Final beschlossen werden die Mengen aber von den Fischereiministerinnen und -ministern der EU-Länder. Für die nationale Ebene bedeutet das einerseits, dass Empfehlungen einen starken Input liefern, andererseits aber keine starre Vorgabe sind. Die Gesamtmenge wird in nationale Quoten aufgeteilt, wobei die politische Frage in den jeweiligen Gremien lautet: Wie wird das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen Bandbreiten und Verteilungslogik übersetzt, wenn unterschiedliche Regionen sehr unterschiedlich viele Betriebe mit unterschiedlichen Fangmethoden betreffen. Genau in diesem Spannungsfeld verlagern Kritiker die Debatte: Die Regeln sollen zwar die Zielarten schützen, aber dabei die regionale Struktur nicht „abwürgen“, ohne klare messbare Effekte zu liefern.

Backhaus verbindet die Linie außerdem mit einem Gedanken, der in der Fangpraxis zentral ist: Wirksamer Artenschutz entsteht nicht durch pauschale Kürzungen, sondern durch eine ausreichende Beifangquote, damit der Fischfang nicht nur eingeschränkt, sondern überhaupt noch möglich bleibt. Er betont, dass die tatsächlichen Fänge inzwischen verschwindend gering seien und eine ausreichende Beifangquote nötig ist, damit überhaupt noch auf andere Arten gefischt werden könne. Dieser Ansatz zielt auf die Funktionsfähigkeit der Flotten ab: Wenn Regulierung zu eng gefasst ist, kann das dazu führen, dass Betriebe ihre Tätigkeit einstellen oder in inoffizielle Umgehungsmechanismen gedrängt werden. Für den politischen Betrieb heißt das, dass Deutschland im Fischereirat gezielt für seine Interessen eintreten soll. Backhaus nennt dabei ausdrücklich Alois Rainer als Bundeslandwirtschaftsminister und erwartet, dass diese Position im Ministerrat gestärkt wird, um „keine Symbolpolitik“ zu betreiben, die die letzten Küstenfischer trifft, ohne den Beständen messbar zu helfen.

Aus Marktsicht folgt daraus eine ganz konkrete Frage, wie sich regulatorische Lasten auf Betriebsklassen verteilen. Die kleine Küstenfischerei ist in vielen Regionen ein Stabilitätsfaktor: Sie ist häufig stärker in lokale Wertschöpfungsketten eingebettet und weniger diversifiziert als große Akteure. Wenn Ausnahmen entfallen und gleichzeitig Beifangregeln verschärft werden, steigt der Anpassungsdruck auf die reale Betriebsplanung, etwa bei Fangreisen, Netzauswahl und Sortimentslogik. Gleichzeitig zeigt die EU-Mechanik, dass die Debatte nicht bei der Wissenschaft stehen bleibt: Am Ende entscheidet die Verhandlung der Mitgliedsstaaten. Damit wird aus einem ökologischen Ziel schnell ein Verteilungsproblem, und genau hier entsteht der politische Streit. Für die weitere Entwicklung entscheidend wird sein, wie die Minister im Oktober die Empfehlungen aufgreifen und welche Spielräume sie nutzen, um die Balance zwischen Schutzwirkung und regionaler Umsetzbarkeit zu treffen.


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