LONDON (IT BOLTWISE) – Der Philosoph Slavoj Žižek setzt die üblichen Antworten auf drei Weltgefahren in den Kontext. Er kritisiert das mediale Leitwort „Eindämmung“, weil sie im Extremfall nicht stabil genug sei. Bei KI verweist er auf die fehlende globale Instanz für Moratorien und auf das Risiko einer Eigendynamik. Zur Klimakrise nutzt er eindringliche Bilder von Feuerstürmen, die sich selbst anfachen.

Slavoj Žižek: Eindämmung reicht nicht – KI, Krieg und Klimakrise als Systemrisiko
Slavoj Žižek: Eindämmung reicht nicht – KI, Krieg und Klimakrise als Systemrisiko (Foto: IT BOLTWISE)
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Slavoj Žižek ordnet Umweltkrise, Künstliche Intelligenz und Krieg nicht als drei getrennte Problemfelder ein, sondern als zusammenhängende Herausforderung für die Art, wie Gesellschaften Risiken managen. Im Zentrum steht dabei das Wort „Eindämmung“: Während die Bedrohungen als solche weithin akzeptiert seien, drehe sich die Sorge vor allem darum, ob ihre Eskalationskräfte im Krisenfall kontrollierbar bleiben. Žižek schiebt diese Logik in eine Art Gedankenexperiment und fragt indirekt, was passiert, wenn alle Beteiligten zwar über Grenzen sprechen, aber jede Seite die Grenzziehung der anderen als taktische Ausrede interpretiert. Genau hier, so die Stoßrichtung, entsteht eine Stabilitätslücke – nicht nur technisch, sondern politisch und psychologisch.

Für den Kriegsteil argumentiert Žižek mit der bemerkenswerten Sprachstrategie von Akteuren, die „Krieg“ vermeiden, um die Schwelle zur offenen Eskalation zu verschieben. Er beschreibt, wie Putin die Auseinandersetzung mit Blick auf die Ukraine als „begrenzte Militäroperation“ rahmt und wie Trump einen Angriff gegen den Iran als „Exkursion“ bezeichnet habe, jeweils mit dem Zweck, einen „echten großen Krieg“ zu verhindern. Der Paradoxie-Gedanke ist dabei zentral: Die Zurückhaltung bei der Benennung dient nicht dem Abbau von Eskalationsrisiken, sondern kann dazu beitragen, dass der bereits erreichte Kriegszustand normalisiert wird. Žižeks eigentliche Sorge lautet, dass selbst eine Aktion, die eine Seite als begrenzt versteht, bei der anderen Seite als Überschreitung einer roten Linie gelesen und dann mit maximaler Gegenreaktion beantwortet wird.

Um die Konsequenz dieser Logik greifbar zu machen, entwirft Žižek einen extremen Extremfall: Er stellt sich einen Staatschef einer Supermacht vor, der nach Angaben seiner Geheimdienstquellen weiß, dass „Hunderte von Atomraketen“ auf sein Land zusteuern und „in etwa einer Stunde“ das eigene Ende bedeuten würden. Wenn der Angreifer gleichzeitig genügend eigene Atomwaffen besitze, um den Feind zu vernichten, müsse der Verteidiger zwischen zwei Arten von Katastrophen entscheiden: dem Untergang ohne Gegenstoß oder dem höchstwahrscheinlichen Ende der Zivilisation durch eine Rückschlagsentscheidung. Die von Žižek benannte „ethische“ Alternative besteht darin, vom Gegenschlag abzusehen – mit dem Gedanken, dass zwar das Land ausgelöscht wird, die Zivilisation aber überlebt. Entscheidend sei jedoch, dass diese Entscheidung nur dann als stabil und rational wirken kann, wenn der Feind die Haltung nicht antizipieren kann; sobald er sie kennt, wird das System „erpressbar“ und zwingt zur Teilnahme am Wettrüsten.

Als nächstes schwenkt Žižek zur rasanten Entwicklung der KI und legt den Fokus auf die Kontrollfrage. Er nennt als Ausgangspunkt eine Aussage von OpenAI-Chef Sam Altman: Dort sei die Rede davon, Künstliche Intelligenz habe die „Singularität“ erreicht. Für Žižek beschreibt Singularität nicht nur eine technische Stufe, sondern einen Punkt, an dem es für Menschen schwer wird, Entwicklung zu kontrollieren oder umzukehren. Er bleibt dabei nicht bei einer einzelnen Prognose, sondern bindet sie an weitere Aussagen von Altman ein, darunter die Erwartung, KI werde bis 2030 die menschliche Intelligenz in allen Bereichen übertreffen. In dem Kontext zitiert der Text Altman zudem mit einer wörtlichen Passage aus einem Podcast: „Wir befinden uns jetzt sozusagen in der Singularität. Jetzt sind wir tatsächlich in dem Moment angekommen, über den wir früher am Mittagstisch auf sehr lockere Weise gesprochen haben. (…) Ich habe mein ganzes Leben lang darauf gewartet, und ich glaube, es wird unglaublich, enorm positiv und großartig für die Welt sein.“ Dass eine so optimistische Sicht auf Geschwindigkeit und Nutzen mit wachsender Unsicherheit kollidiert, macht Žižek daran fest, dass es für ein weltweites Moratorium keine durchsetzbare Instanz gebe.

Die Gegenposition kommt in seinem Text über eine konkrete Organisationslinie: Er verweist auf Anthropic als kritische Stimme, die – laut Darstellung – fortschrittliche KI-Systeme vorübergehend stoppen wollte und vor dem Verlust der Kontrolle warnte. Žižek verallgemeinert das Problem: Wenn viele Staaten und Organisationen KI entwickeln, wird ein öffentlich vereinbartes Pausensignal erfahrungsgemäß Misstrauen auslösen. Akteure müssten dann befürchten, dass andere „insgeheim mit voller Kraft weitermachen“, woraufhin die eigene rationale Reaktion lautet: selbst weitermachen. Genau deshalb, so seine Diagnose, liege ein Teil der KI-Gefahr weniger in der Technologie selbst als in den sozialen Bedingungen, unter denen sie vorangetrieben wird. Ergänzend grenzt er das Konzept Singularität ein und stellt es in Gegensatz zu Vorstellungen von „viel mächtigeren Ebenen“: etwa KI-Systeme, die Menschen nicht nur nicht eindämmen können, sondern die Kontrolle über das Leben übernehmen, oder die Idee einer direkten Gehirn-Computer-Verbindung, bei der Gedanken gelesen beziehungsweise gesteuert würden.

Bei der ökologischen Krise setzt Žižek nicht auf abstrakte Kennzahlen, sondern auf eine Dramaturgie der Dynamik: Er greift den Hinweis von Victor Resco de Dios auf, wonach man „in eine Ära der unlöschbaren Brände“ eingetreten sei. Entscheidend ist für ihn die Selbstverstärkung durch Physik und Prozesskaskaden, die er über das Beispiel der „Pyrocumulonimbus“ erklärt: Besonders intensive Brände erzeugen eine Hitzesäule, die aufsteigt, Gewitterwolken kondensieren lässt und dabei Wind, Regen und Blitzschlag hervorbringen kann. Dadurch werde aus einem Flammenmeer ein „unberechenbarer, sich selbst anfachender Feuersturm“ – ein Mechanismus, der Eindämmung als reines Management von Symptomen entwertet. In der Argumentationslogik folgt daraus auch das größere Modell: Unterbrechungen wie ein globales CO₂-Moratorium wären zwar wünschbar, aber nicht durchsetzbar, weil die zugrunde liegenden Koordinaten des Systems nicht angetastet werden.

Žižeks Schlussfolgerung zielt daher nicht auf ein weiteres Optimierungsprogramm innerhalb der bestehenden Ordnungslogik, sondern auf eine Veränderung der „grundlegenden Koordinaten“: Nicht nur tödliche Auswüchse eindämmen, sondern die Ursachen so verschieben, dass sich die Krisen gar nicht in der gleichen Form stabilisieren können. Um die Idee zu plausibilisieren, verknüpft er historische Beispiele aus dem Bereich des „real existierenden Sozialismus“: Versuche, brutale Auswüchse einzudämmen, hätten stets einen Rückkehrdruck zur harten Linie erzeugt; erst als die Notwendigkeit, die Systemlogik zu konservieren, entfiel, habe das System zerbrechen können. Diese Analogie überträgt er auf Umwelt, Krieg und KI, allerdings mit einer zusätzlichen Warnung: Die Transformation dürfe keine neue Katastrophe nach dem Muster der Roten Khmer in Kambodscha oder des Kim-Regimes in Nordkorea auslösen. Praktisch bedeutet das für Unternehmen und Technikverantwortliche vor allem eine andere Art von Risikogovernance – weg von reinem „Containment“ und hin zu Reflexion darüber, wie Wettbewerb und Misstrauen Entscheidungen beschleunigen.


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