LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Verbraucher geben 2025 weniger Geld für Schuhe aus, vor allem bei Sandalen. 548 Millionen Euro für klassische Modelle stehen 621 Millionen Euro in 2019 gegenüber, während der Gesamtmarkt nur um 5,5 Prozent zurückgeht. Sneaker und Smart-Casual verdrängen den früheren Saisonwechsel, weil viele Käufer einen Allrounder statt mehrere Paare suchen. Für 2026 sieht die Branche laut Einordnung von IFH-Expertise keine schnelle Erholung, da weniger Kinder nachwachsen und die Nachfrage sich weiter verlagert.

Im Sommer heißt es im Handel traditionell: Sandale raus, neues Paar rein. Genau dieses Muster verliert im deutschen Schuhmarkt seit Jahren spürbar an Zugkraft, und die aktuellen Zahlen zeigen, dass es sich dabei nicht nur um eine einzelne Saison handelt. 2025 gaben Verbraucher für klassische Modelle insgesamt 548 Millionen Euro aus, nach 621 Millionen Euro im Jahr 2019. Der Rückgang liegt damit bei knapp 12 Prozent, während der gesamte Schuhmarkt im gleichen Zeitraum „nur“ um 5,5 Prozent schrumpfte. Der Kerntrend dahinter ist eindeutig: Käufer bevorzugen Komfort und Alltagstauglichkeit so stark, dass der saisonale Schrankwechsel weniger nötig wird.
Technisch betrachtet ist diese Verschiebung im Einkaufsmuster vor allem ein Ergebnis veränderter Nutzungsprofile. Ein Paar Schuhe wird heute häufiger so verstanden, dass es mehrere Tages- und Einsatzszenarien abdeckt: Weg zur Arbeit, Freizeit, Besorgungen. Im Segment, das früher vom Sommergeschäft lebte, fehlt dadurch der „Anker“ für zusätzliche Käufe. Sneaker übernehmen diese Rolle als Alleskönner, weil sie sich vom sportlichen Look hin zu Smart-Casual verlagern lassen und zugleich einen hohen Tragekomfort bieten. Der IFH-Experte Hansjürgen Heinick bringt den Zusammenhang dabei auf eine einfache Formel: Wer Sneaker hat, braucht weniger oder gar keine Sandalen mehr.
Auch die Preisentwicklung liefert einen wichtigen Hinweis darauf, warum es nicht als reines „Teurerwerden“-Problem zu erklären ist. Seit 2020 sind Preise für Schuhe nur moderat gestiegen: Kinderschuhe um 7 Prozent, Sportschuhe um 6 Prozent, klassische Modelle um 9 Prozent. Gleichzeitig lagen Lebensmittel im gleichen Zeitraum bei 37 Prozent Preissteigerung. Wenn trotz relativ stabiler Schuhpreise weniger Paare verkauft werden, verschiebt sich die Ursache von Kostenfaktoren hin zu Nachfrage- und Strukturthemen. Dabei spielt die Haushaltsdynamik eine direkte Rolle: Weniger Haushalte mit Kindern und geringere Käufe pro Kind treffen besonders das Kinderschuh-Segment, weil dort die Wiederholungskäufe statistisch höher sind als bei Erwachsenen.
Der Strukturwandel verstärkt diese Entwicklung zusätzlich. Seit 2000 ist die Zahl der Schuhhändler von 7.247 auf etwa 2.420 gesunken; das ist ein Rückgang um mehr als zwei Drittel. Parallel wächst der Online-Anteil deutlich: 38 Prozent des Umsatzes laufen inzwischen über digitale Kanäle, nach 24 Prozent vor der Pandemie. Für den stationären Handel bedeutet das nicht automatisch, dass jedes Sortiment „schlecht“ ist, sondern dass die Kundenentscheidung häufiger über Verfügbarkeit, Beratung per digitaler Vorprüfung und Liefergeschwindigkeit fällt. Wer nicht liefert, was im Alltag wirklich gebraucht wird – also Komfort, Vielseitigkeit und Alltagstauglichkeit –, verliert Marktanteile. In diesem Sinne ist das Problem strukturell: Es entsteht aus veränderten Erwartungen und einer anderen Vertriebsmatrix.
Für 2026 erwartet Heinick keine schnelle Erholung. Mehrere Faktoren greifen dabei ineinander: Die Geburtenrate sinkt weiter, Eltern kaufen tendenziell weniger Schuhe pro Kind, und der Trend zu weniger, aber „besseren“ Paaren bleibt erhalten. Genau diese Logik begünstigt Formen von Sandalen, die sich optisch und funktional näher an „ganzjährig“ bewegen lassen – etwa Pantoletten mit breiter Riemen-Optik. Dagegen verlieren klassische Sandalen mit mehreren schmalen Riemen an Boden, weil sie weniger als dauerhafte Alltagslösung wahrgenommen werden. Die Nachfrage verlagert sich damit weg von saisonalen Artikeln hin zu Schuhen und Modellen, die als Allrounder durch den Kalender getragen werden können.
Interessant ist auch, dass die Diskussion nicht nur intern über Sortimente geführt wird, sondern dass Verbandsbeobachtungen die gleiche Richtung spiegeln. Der Bundesverband des Deutschen Textil-, Schuh- und Lederwareneinzelhandels (BTE) erkennt eine leichte Renaissance formelleren Modellen – allein das ändert das Grundproblem nicht. Die zentrale Entscheidungskompetenz liegt beim Kunden, nicht bei der Verbandsrhetorik: Komfort und Nutzen sind die Auswahlkriterien. Wenn der Markt schrumpft, dann vor allem, weil die Nachfrage schrumpft und weil die Menschen Käufe zunehmend bündeln. Auch zusätzliche Maßnahmen wie mehr Regulierung, mehr Subventionen oder mehr Gewerkschaftsforderungen würden laut der vorliegenden Einschätzung das Kernsignal nicht drehen, sondern eher Nebenwirkungen erzeugen, die den Preisdruck und die Komplexität im Handel weiter erhöhen.
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