PALAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung des Global Coral Reef Monitoring Network zeigt, dass sich Hartkorallen nach großen Bleichereignissen immer schlechter erholen. Im Vergleich zum Zeitraum 1980 bis 2009 ist die weltweite Bedeckung mit Hartkorallen bereits um rund 9,5 Prozent gesunken. Besonders kritisch wird es, weil die Abstände zwischen den Bleichen heute oft nur noch fünf bis sechs Jahre betragen. Für betroffene Riffe läuft zudem aktuell das Klimaphänomen El Niño, das die Temperaturen zusätzlich treiben kann.

Studie warnt: Korallenbleichen treffen Riffe schneller – Erholung nur noch kurz
Studie warnt: Korallenbleichen treffen Riffe schneller – Erholung nur noch kurz (Foto: IT BOLTWISE)
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Korallenriffe gelten als eine der artenreichsten Lebensgemeinschaften der Ozeane, doch die neue Bestandsaufnahme aus Palau macht vor allem eines deutlich: Zwischen den massiven Bleiche-Events wird immer weniger Zeit frei, in der sich Hartkorallen erholen können. Der Bericht „Zustand der Korallenriffe der Welt: 2025“ des Global Coral Reef Monitoring Network (GCRMN) ordnet das Problem als systemische Folge wiederkehrender mariner Hitzewellen ein. Auf jedes große Bleiche-Ereignis folge demnach ein weiterer Rückgang der Hartkorallen, während die Regenerationsfenster zwischen den Ereignissen schrumpften. Das Ergebnis ist eine Dynamik, die im Feld weniger wie eine einzelne Naturkatastrophe wirkt und mehr wie eine schleichende Verschiebung des gesamten Riff-Ökosystems in einen dauerhaft geschwächten Zustand.

Für die Datengrundlage haben Forschende mehr als 21 Millionen Beobachtungen von über 36.800 Riff-Standorten in 124 Ländern, Gebieten und Territorien ausgewertet. Auffällig ist die langfristige Abwärtsbewegung: Gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1980 bis 2009 liegt die weltweite Bedeckung mit Hartkorallen um rund 9,5 Prozent niedriger. Zusätzlich zeigt die Auswertung, dass die vier großen globalen Korallenbleiche-Ereignisse seit 1998 jeweils messbare Verluste nach sich zogen: Beim ersten Ereignis 1998/99 lagen die Verluste bei rund 6,5 Prozent, beim zweiten 2010/11 bei 9,9 Prozent, beim dritten 2016/17 bei 6,6 Prozent und beim vierten 2023/24 bei 8,9 Prozent. Technisch betrachtet beschreibt „Korallenbleiche“ eine Stressreaktion von Steinkorallen, bei der sie ihre symbiotischen Algen verlieren – dadurch wird das durchscheinende weiße Kalkskelett sichtbar und die typische Färbung geht verloren. So eine Koralle ist anfangs nicht automatisch tot, aber sie ist extrem geschwächt: Erst wenn die Temperaturen rechtzeitig wieder sinken, können Korallen neue Mitbewohner aufnehmen und sich regenerieren.

Damit verschiebt sich die entscheidende Stellschraube von „wie stark“ zu „wie schnell hintereinander“: Zwischen 2017 und 2019 sei es weltweit zeitweise gelungen, die Bedeckung mit Hartkorallen um rund sechs Prozent zu erhöhen. Das zeige, so der Tenor der Studie, dass sich Riffe grundsätzlich regenerieren können, wenn die Zeit zwischen den Bleiche-Ereignissen groß genug ist. Inzwischen sei diese Pufferphase jedoch kürzer geworden. Hauptautor Manuel González Rivero vom Australian Institute of Marine Science (AIMS) formuliert es in dem Bericht so: „Dadurch entsteht eine Abwärtsspirale, die mit jedem neuen Bleichereignis immer schwieriger umzukehren ist“. Entscheidend ist dabei die Lebensrealität vieler Riffstandorte: Wo früher zwischen schweren Bleichen teilweise jahrzehntelang Zeit lag, bleiben heute häufig nur noch fünf bis sechs Jahre. Für Riffe, die 2024 von besonders starken Hitzewellen betroffen waren, könnte diese Erholungsphase sogar noch weiter schrumpfen.

Der Blick richtet sich damit auch auf das aktuelle Klima-Setup. Als zusätzlicher Belastungsfaktor läuft derzeit das Klimaphänomen El Niño, das die Meeresoberflächentemperaturen in vielen Regionen über längere Zeiträume anhebt. Gleichzeitig liefert eine zweite, unabhängige Beobachtungslinie vom europäischen Copernicus-Dienst im Umfeld der Veröffentlichung eine wichtige Einordnung: Die Weltmeere seien so warm wie noch nie seit Beginn der Messungen im Jahr 1979. Konkret wurde am 22. August mit 21,1 Grad ein neuer Rekord für die tägliche globale durchschnittliche Meeresoberflächentemperatur (SST) erreicht; der bisherige Höchstwert lag bei 21,09 Grad vom März 2024. Für Riffmanager und Umweltbehörden ist das mehr als ein Schlagwort, denn gerade die Temperaturspitzen entscheiden darüber, ob ein Riff die für die Regeneration nötige Erholungszeit überhaupt erreicht oder wieder in den nächsten Stresszyklus rutscht.

Warum das für Gesellschaft und Wirtschaft so relevant bleibt, liegt an der Funktion der Riffe als „Infrastruktur“ der Natur. Nach dem Bericht bedecken Riffe weniger als 0,2 Prozent des Meeresbodens, bieten aber Lebensraum für mindestens ein Viertel der im Meer lebenden Arten. Zudem leben rund 104 Millionen Menschen weniger als fünf Kilometer von einem Korallenriff entfernt. Die Ökosysteme wirken damit auf mehrere Ebenen: Ernährungssicherheit, Einkommen durch Fischerei und Tourismus, Küstenschutz vor Wellen und Sturmfluten sowie Freizeit- und Reiseangebote hängen direkt von der Stabilität solcher Habitate ab. Für die nächsten Jahre skizzieren die Forschenden zudem unterschiedliche Zukunftsszenarien: Bei der derzeitigen Häufigkeit globaler Korallenbleichen – etwa alle fünf bis sechs Jahre – dürfte sich der Rückgang der Hartkorallen fortsetzen. Eine deutliche Verringerung der Treibhausgasemissionen zusammen mit Maßnahmen gegen lokale Belastungen wie Überfischung, schlechte Wasserqualität und Küstenbebauung könne dagegen eine Chance bieten, Riffe zu erhalten. Für Unternehmen in Küstenregionen oder in der Lieferkette von Natur- und Erlebnisangeboten bedeutet das vor allem eines: Klimarisiken sind nicht nur „Umweltpolitik“, sondern werden zunehmend zu planbaren Faktoren für Betrieb, Standortattraktivität und Risikomanagement.

Auch aus wissenschafts- und datengetriebenem Blick ist der Bericht ein Signal, wie stark Monitoring und Analyse an Bedeutung gewinnen: GCRMN sammelt seit 1995 systematisch Daten zum Zustand und zur Entwicklung von Korallenriffen weltweit und macht so Trends vergleichbar, die sonst regional bleiben würden. Die aktuelle Auswertung zeigt, dass die zeitliche Struktur der Belastung (Pausenlängen zwischen Hitzewellen) genauso wichtig ist wie die Intensität. Für die Praxis heißt das, dass Schutz- und Wiederherstellungsprogramme nicht erst dann wirken müssen, wenn Schäden sichtbar sind, sondern dass sie zeitlich in den Zeitraum zwischen Bleichen hineinreichen sollten. Wenn die Abstände weiterhin sinken, wird der „Erholungs-Pfad“ für viele Standorte schmaler – und die Frage, wie schnell sich Regenerationsraten realistisch wieder steigern lassen, rückt noch stärker in den Mittelpunkt von Forschung, Naturschutz und Entscheidungsträgern.


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