LONDON (IT BOLTWISE) – Der deutsche Schuhmarkt verliert im Jahr 2025 weiter Volumen: Klassische Sandalen rutschen deutlich ab, während Sneaker von der anhaltenden Bequemlichkeits-Nachfrage profitieren. Laut Angaben aus dem Markt sinkt der Umsatz mit Sandalen 2025 auf 548 Millionen Euro, nach 621 Millionen Euro im Jahr 2019. Gleichzeitig bleiben die Preise insgesamt relativ stabil, doch die Nachfrage geht dennoch weiter zurück. Der Online-Anteil am Schuhumsatz erreicht 2025 fast 38 Prozent und verschärft damit den Druck auf stationäre Händler.

Der deutsche Schuhmarkt liefert derzeit ein eher untypisches Signal: Nicht der Preis treibt die Entwicklung, sondern die Art, wie Verbraucher Schuhe in den Alltag integrieren. Während klassische Sandalen bei vielen Käufern offenbar als saisonale Ergänzung wahrgenommen werden, bleiben Sneaker als „immerpassende“ Option im Fokus. Genau diese Verschiebung erklärt, warum die Branche zwar weiterhin Schuhe verkauft, aber weniger Geld mit den Modellen verdient, die stark mit bestimmten Jahreszeiten verknüpft sind.
Im Detail wird die Lage bei Sandalen besonders deutlich. Für das Jahr 2025 wird ein Umsatz von 548 Millionen Euro genannt; 2019 lagen die entsprechenden Einnahmen noch bei 621 Millionen Euro. Damit entspricht der Rückgang rechnerisch einem Minus von knapp zwölf Prozent. Der Gesamtmarkt schrumpft im gleichen Zeitraum deutlich weniger stark: Er meldet lediglich ein Minus von 5,5 Prozent. Insgesamt geben Verbraucher in Deutschland 9,3 Milliarden Euro für Schuhe aus, das sind zwei Prozent weniger als 2024. Entscheidend ist dabei weniger, dass das Sortiment insgesamt kleiner wird, sondern dass sich der Mix verschiebt – weg von saisonalen Spezialschuhen hin zu bequemen, vielseitigen Modellen.
Die Erklärung für diese Branchenrotation kommt aus dem Nutzungsverhalten: Wer einmal einen Sneaker-Kern für Büro, Freizeit und unterwegs gefunden hat, muss weniger oder gar keine Sandalen mehr nachziehen. Der IFH-Marktexperte Hansjürgen Heinick beschreibt diesen Effekt als „Bleib-einfach-dran“-Mechanismus, der den klassischen Wechsel vom Büroschuh zur Sandale heute oft überflüssig macht. Das betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch Schuhe für Damen, Herren und Kinder. Zusätzlich spielt ein Stilfaktor hinein: Verbraucher suchen Outfits, die möglichst vielseitig und saisonunabhängig funktionieren. Sneaker lassen sich in diesem Raster einfacher abbilden als Sandalen, die im Kern auf eine Sommerrolle reduziert bleiben.
Auch wenn die Nachfrage kippt, bleibt die Preislogik vergleichsweise ruhig. Laut Statistischem Bundesamt lagen die Preise im Juli 2026 kaum über dem Vorjahresniveau, teils sogar darunter. Von 2020 an zeigt sich bei verschiedenen Kategorien nur moderater Preisdruck: Kinderschuhe verteuerten sich um sieben Prozent, Sportschuhe um sechs Prozent und klassische Herren- oder Freizeitschuhe um gut neun Prozent. Zum Vergleich: Nahrungsmittel legten im selben Zeitraum im Durchschnitt um 37 Prozent zu. Damit wird klar, warum die Nachfrage nicht „durch höhere Kaufkraft“ zurückkommt: Selbst bei moderater Preisentwicklung hilft das der Branche wenig, weil das Kernproblem eher im Bedarfskalkül als in der Inflation liegt.
Unterdessen verschiebt sich der Druck in Richtung der Segmente, in denen weniger Nachfrage nachwächst. Heinick rechnet auch für 2026 nicht mit einer Erholung; besonders Kinderschuhe stehen unter Spannung, weil die Geburtenrate sinkt und Eltern weniger Paare kaufen als früher. Für die Zielgruppe gilt zudem eine klare Einkaufsdynamik: Zwischen dem ersten und vierten Lebensjahr werden die meisten Kinderschuhe angeschafft. Wenn hier weniger „Turnover“ entsteht, trifft das den Handel schneller als bei Warengruppen, die stark über Bestandskunden und Modezyklen leben. Gleichzeitig liefert Sönke Padberg vom Bundesverband des Deutschen Textil-, Schuh- und Lederwareneinzelhandels Hinweise darauf, wie sich Präferenzen innerhalb der Sneaker- und Sommerwelt verändern: Weiße Sneaker verlieren an Attraktivität, braun- oder erdfarbene Modelle gewinnen. Auch Pantoletten mit breiter Bandage statt mehrerer Riemen sollen eine Renaissance erleben – ein Zeichen dafür, dass nicht jede Sommerform verliert, sondern vor allem solche, die als „zu saisonal“ gelten.
Der strukturelle Wandel im Handel verstärkt diese Verschiebung noch zusätzlich. Die Zahl der Schuhhändler ist seit 2000 von 7.247 auf etwa 2.420 gesunken. Gleichzeitig gibt es noch rund 8.200 Schuhgeschäfte. Parallel steigt der Online-Anteil am Schuhumsatz: Von gut 24 Prozent vor der Pandemie geht es auf knapp 38 Prozent im Jahr 2025. Für stationäre Anbieter bedeutet das nicht nur mehr Wettbewerb, sondern auch einen härteren Vergleichsmaßstab: Online sind Preise transparenter, die Auswahl wirkt größer, und saisonale Artikel können über Sortimentslogik schneller ausgetauscht werden. Klassische Schuhgeschäfte kämpfen dagegen häufig mit sinkenden Margen und wachsenden Kosten, während Kundinnen und Kunden zunehmend ohne lange Wege bestellen oder zumindest Preis- und Modellvergleiche digital vornehmen.
Am Ende ergibt sich ein klares Bild: Der Schuhmarkt zeigt exemplarisch, wie stark Bequemlichkeit und Alltagstauglichkeit traditionelle Kategorien verdrängen können. Wer bequeme, vielseitige Modelle anbietet, hat höhere Chancen, aus dem Volumenrückgang weniger Schaden zu nehmen. Wer sich dagegen auf saisonale Spezialschuhe festlegt, muss mit anhaltendem Gegenwind rechnen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Sandalen verlieren spürbar, der Gesamtmarkt schrumpft zwar moderater, aber der Handel muss den Mix aktiv umstellen. Für Unternehmen heißt das konkret, Sortimente, Positionierung und Kaufanreize stärker auf „ganzjährig tragbar“ auszurichten – und gleichzeitig den Vertriebskanal so zu entwickeln, dass Online-Entscheidungen nicht erst beim letzten Schritt auf den stationären Laden treffen.
Besonders für Produktmanager und Händler wird damit die Kernfrage zur Umsetzung: Welche Eigenschaften machen ein Modell im Wettbewerb wirklich „wiederkaufsfähig“? In der Praxis entscheidet sich das oft nicht über einzelne Produktnamen, sondern über Passform, Materialgefühl und Kombinierbarkeit im Alltag. Wenn diese Faktoren stimmen, werden Sneaker zum stabilen Anker, während Sandalen eher als gelegentliche Ergänzung funktionieren. Genau diese Verschiebung dürfte die nächsten Quartale prägen – unabhängig davon, ob Preise kurzfristig stagnieren oder einzelne Kategorien leicht nachziehen.
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