LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung zeigt: Wer Nachrichten von der jeweils anderen politischen Seite konsumiert, entwickelt häufig weniger feindselige Meta-Einschätzungen. Die Studie verknüpft Outgroup-Exposition mit einem stärkeren Gefühl von Verbindung zu den Menschen der Gegenseite. Dieser „political parasocial relationship“-Mechanismus geht wiederum mit der Annahme zurück, die andere Gruppe empfinde besonders viel Abneigung oder entmenschliche die eigene Seite. Gleichzeitig bleiben die Effekte nicht überall gleich stark, was auf Auswahl- und Kontextfaktoren hindeutet.

Wie Outgroup-News Meta-Feindbilder entschärfen
Wie Outgroup-News Meta-Feindbilder entschärfen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Härte politischer Lager wirkt oft so, als wüssten die Menschen ziemlich genau, wie die Gegenseite über sie denkt. Genau hier setzt die aktuelle Forschung an: Sie beschäftigt sich mit Meta-Perceptions, also Vorstellungen darüber, wie eine andere Gruppe die eigene Gruppe bewertet. Im Zentrum stehen dabei zwei Verzerrungsformen. Erstens die Meta-Prejudice, bei der man überschätzt, wie stark die Gegenseite die eigene Gruppe abwertet. Zweitens die Meta-Dehumanization, also die Annahme, die andere Seite sehe einen selbst als „unevolutioniert“ oder unzivilisiert.

Dass solche Fehlschlüsse reale Konflikte befeuern können, ist durch frühere Ergebnisse untermauert. In Experimenten und Befragungen aus dem Jahr 2019 wurde untersucht, was passiert, wenn Menschen Outgroup-Negativität überinterpretieren: Wer die ablehnenden Motive der Gegenseite zu hoch ansetzt, hält sie eher für absichtlich blockierend. Die aktuelle Arbeit verortet daher einen praktischen Hebel in der Mediennutzung: Wenn Betroffene Nachrichten oder Inhalte der Outgroup konsumieren, könnte das als eine Art „mediatierter Kontakt“ wirken. Wissenschaftlich wird das mit dem Konzept der politischen parasozialen Beziehung greifbar, bei der sich Vertrautheit und Nähe nicht über direkten Austausch, sondern über wiederholtes Beobachten herstellen. Die Autoren betonen allerdings auch die Gegenrichtung: Ein Feldexperiment von 2018, in dem Teilnehmende für das Verfolgen gegnerischer Ansichten in sozialen Medien bezahlt wurden, zeigte statt Entspannung sogar eine Zunahme der Polarisierung.

Die jetzt veröffentlichte Studie mit dem Titel „The role of partisan news and political parasocial relationships in shaping meta-perceptions: Cross-national evidence“ wurde von Muhammad Ehab Rasul und Samantha L. Moore-Berg sowie weiteren Forschenden durchgeführt und umfasst drei Untersuchungen in den USA und in Israel. In der ersten Studie wurden laut Bericht 2.707 erwachsene Personen in den USA befragt. Gemessen wurde unter anderem, wie häufig liberale und konservative Nachrichten konsumiert werden, und darauf aufbauend, welche Einschätzung die Teilnehmenden zu der Gegenseite hatten: Wie „warm“ fühlt diese die eigene Partei, und wie „entwickelt“ hält sie die eigene Gruppe? Das Ergebnis ist zunächst differenziert, aber insgesamt deutlich: Mehr Outgroup-Nachrichten gingen bei beiden großen US-Teilgruppen mit weniger negativen Meta-Annahmen einher. Für Republikaner war der Konsum liberaler Medien mit geringerer Meta-Prejudice und geringerer Meta-Dehumanization verbunden; für Demokraten galt das Muster bei höherer Exposition gegenüber konservativen Nachrichten vor allem für die Meta-Prejudice. Auffällig ist zudem, dass Republikaner bei stärkerem Konsum konservativer Inhalte zwar eine höhere Meta-Dehumanization berichteten. Das spricht dafür, dass „nur Ingroup, keine Korrektur durch Outgroup“ einige negative Annahmen sogar verstärken kann.

Auch die zweite Studie wechselt die Perspektive und testet das Ganze unter deutlich ungleichen Macht- und Zugangsverhältnissen. Hier wurden 969 jüdische Erwachsene in Israel einbezogen, aufgeteilt in säkular und ultraorthodox. Entscheidend war, dass Teilnehmende ihre Medienexposition sowohl gegenüber Mainstream-säkularen Nachrichten als auch gegenüber bestimmten ultraorthodoxen Nachrichtenangeboten angaben. Die Forschenden erklären, dass ihre eigene Zusammensetzung wichtig war, um schwer erreichbare Gruppen in die Erhebung einzubinden. Inhaltlich zeigt sich dann ein anderes, aber konsistentes Bild: Outgroup-Exposure in Form von ultraorthodoxen Nachrichten war sowohl bei säkularen als auch bei ultraorthodoxen Teilnehmenden mit niedrigeren Meta-Prejudice- und Meta-Dehumanization-Werten verbunden. Dagegen war der Zusammenhang zwischen Mainstream-säkularen Medien und den Meta-Perceptions statistisch nicht signifikant. Als Deutung wird genannt, dass säkulare Medien in der untersuchten Umgebung ohnehin der Standard sind und zusätzliche Exposition daher weniger stark an verfestigten Sichtweisen rüttelt. Ultraorthodoxen Personen wird dabei ein erhöhtes Stigma-Risiko durch säkulare Berichterstattung unterstellt, was die Wirkung zusätzlicher Mainstream-Nutzung dämpfen kann.

Die dritte Untersuchung in den USA geht schließlich einen Schritt tiefer und fragt nach dem psychologischen Mechanismus. Insgesamt wurden 761 erwachsene Personen zu ihrem Medienverhalten sowie ihren Meta-Perceptions befragt. Zusätzlich wurde erfasst, wie stark sich Teilnehmende beim Beobachten der gegnerischen Partei verbunden oder „zugehörig“ fühlen. Wieder zeigt sich ein ähnlicher Zusammenhang: Demokraten, die mehr konservative Nachrichten konsumieren, berichteten geringere Meta-Prejudice. Noch wichtiger ist aber der vermittelnde Pfad: Die Exposition gegenüber Outgroup-Medien hing mit einer stärkeren politischen parasozialen Beziehung zusammen. Dieser erhöhte Grad an scheinbarer Verbundenheit ging wiederum mit weniger extremen Annahmen einher, wie stark die Outgroup die eigene Seite ablehne oder entmenschliche. Rasul formuliert den Kerngedanken damit so: „One of the key implications of our study is that consuming the ‘other’ side’s media can be a way to lower the misperceptions we hold about other groups.“ Moore-Berg ergänzt, dass der anfänglich scheinbar intuitive Befund eher aus der Annahme erklärt werden kann, dass die Gegenseite in den eigenen Köpfen als viel stärker negativ wahrgenommen wird, als sie sich tatsächlich zeigt.

Damit ist allerdings noch nicht geklärt, ob das Ergebnis wirklich eine kausale „Heilung“ durch Medienkonsum ist. Die Studie arbeitet mit Querschnittsdaten, wodurch sich Ursache und Wirkung nicht sauber trennen lassen. Es könnte ebenso gut sein, dass Personen, die bereits weniger von der Gegenseite ausgehen, eher bereit sind, Outgroup-Kanäle einzuschalten und dann folglich ihre Meta-Perceptions entsprechend anpassen. Moore-Berg weist außerdem auf Auswahl- und Messprobleme hin: Zum einen stützen sich die Analysen auf Selbstberichte zur Mediennutzung, die Erinnerungsfehler und bewusstes Weglassen beinhalten können. Zum anderen kann die konkrete politische Stimmung zum Erhebungszeitpunkt eine Rolle spielen. Die erste Studie fiel in die frühe Phase der COVID-19-Pandemie, als Medienmuster und äußere Bedrohungslagen anders waren als in der späteren Erhebung für die dritte Studie. Hinzu kommt ein methodisches Detail: Die Erhebungen unterscheiden nicht, welcher konkrete Inhalt in den jeweiligen Medien tatsächlich gesehen wurde. Statt „Was genau“ wird „Wie viel“ bzw. „Welche Richtung“ erfasst, womit mögliche Nuancen im Framing unsichtbar bleiben.

Für die Praxis liest sich der Befund trotzdem wie eine klare Einladung, den Medienzugang gezielt zu gestalten. Wenn Outgroup-Nachrichten insgesamt mit weniger verzerrten Meta-Feindbildern einhergehen, könnte eine Rundfunk- oder Plattformstrategie, die moderatere Perspektiven sichtbar macht und extreme Zuspitzungen reduziert, zumindest psychologisch entlasten. Rasul formuliert diesen Punkt ausdrücklich: „… media outlets should aim to portray more moderate views of individuals with different religious and political backgrounds and avoid airing extreme opinions…“ Gleichzeitig sollte man die Grenzen im Blick behalten: Die Autoren halten fest, dass Outgroup-Exposure nicht automatisch positiv sein muss. Das deutet darauf hin, dass nicht jede Plattformlogik identisch wirkt. Der Ausblick der Forschenden geht daher in Richtung Mechanismen und alternative Kanäle. Moore-Berg nennt als Beispiel, dass der Effekt von Outgroup-Sichtbarkeit über Plattformen wie TikTok möglicherweise anders ausfällt als über klassische Angebote, etwa Nachrichtenformate mit klaren redaktionellen Profilen.


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