BERN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die zuständige Ständeratskommission will die Eigenkapitalregeln für systemrelevante Banken verschärfen, aber nicht 1:1 nach dem Bundesratsentwurf. Statt 100 Prozent hartes Kernkapital für Auslandsbeteiligungen sollen zunächst 50 Prozent die Beteiligungen absichern. Für die restlichen 50 Prozent sollen die Institute auf AT1-Anleihen zurückgreifen, die so ausgestaltet werden, dass sie früher als bisher im Krisenfall wirken. Während die Kommission von einer Kompromisslösung spricht, regt sich weiter Widerstand, unter anderem bei der Großbank UBS.

Die Ständeratskommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK-S) treibt die Debatte um die Eigenkapitalunterlegung systemrelevanter Banken in eine neue Richtung. Ausgangspunkt ist der Entwurf zur Revision des Bankengesetzes, den der Bundesrat mit einer deutlich strenger ausgerichteten Regel für Auslandbeteiligungen verknüpft. Nach dem bisherigen Vorschlag müssten systemrelevante Banken Beteiligungen an ausländischen Tochtergesellschaften vollständig mit hartem Kernkapital (Common Equity Tier 1) unterlegen; die Anforderung liegt laut Quelle bislang bei rund 60 Prozent. Genau hier setzt die WAK-S an und will die Stärke des sogenannten Too-big-to-fail-Dispositivs zwar erhöhen, aber nach eigenen Worten „anders“ als der Bundesrat.
Konkreter wird der Ansatz durch den von Kommissionspräsident Erich Ettlin in Bern vorgestellten Kompromiss. Die WAK-S beantragt, die Auslandbeteiligungen zunächst nur zu 50 Prozent mit hartem Kernkapital abzusichern. Für die weiteren 50 Prozent sollen die Banken auf AT1-Anleihen (Additional Tier 1) zurückgreifen dürfen. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von der reinen harten Kernkapitalquote hin zu einer Mischstruktur aus dauerhaft verfügbarer Verlustabsorptionsfähigkeit (CET1) und Anleihen, die im Krisenfall herangezogen werden. Wichtig ist dabei die zweite Stellschraube: Die AT1-Instrumente sollen so umgestaltet werden, dass sie früher greifen als beim Zusammenbruch von Credit Suisse im März 2023, wie Ettlin erläuterte.
Der Markt reagiert auf solche Regulierungsdetails häufig nicht nur mit Blick auf das Zielbild der Stabilität, sondern auch auf die Kosten und die kurzfristige Kapitalplanung der Institute. In der Quelle wird berichtet, dass die UBS-Aktie im Börsenhandel am Dienstag stellenweise um 2,33 Prozent auf 43,25 CHF nachgab. Diese Bewegung passt zu dem Spannungsfeld, das in der politischen Diskussion sichtbar wird: Mehr Risikoabsorption klingt nach Sicherheit, kann aber zugleich die Refinanzierung verteuern. Denn auch wenn AT1-Kapital die harte Kernkapitalbasis entlasten kann, bleibt der Kapitalmarktansatz nicht kostenlos. Ettlin betont den ökonomischen Punkt ausdrücklich und verweist auf die Beschaffungskosten von AT1-Anleihen.
Aus Sicht der Bankseite ist die Kernfrage daher weniger die abstrakte Systemstabilität als die tatsächliche Kosten-Nutzen-Rechnung. Die Quelle hält fest, dass die UBS sich „heftig“ gegen den Bundesratsvorschlag gewehrt hatte, Auslandbeteiligungen zu 100 Prozent mit hartem Kernkapital zu unterlegen. Entscheidend ist: Ein stärker reguliertes Eigenkapital ist nur dann wirklich entlastend, wenn die dafür notwendigen Kapitalinstrumente im Vergleich zur Alternative effizienter sind. Wenn AT1-Anleihen in Zukunft zwar helfen, harte Kernkapitalquoten zu reduzieren, aber gleichzeitig Geld kosten, entsteht ein neuer Kostenhebel. Gleichzeitig bleibt in den Angaben offen, wie hoch die AT1-Kosten für die UBS konkret ausfallen würden, was die Unsicherheit für Anleger und Treasury-Teams erhöht.
Technisch betrachtet trennt der Vorschlag zwei Funktionen: die Verlusttragfähigkeit im laufenden Betrieb und die Frage, wann und wie schnell Verluste in der Krise absorbiert werden. Hartes Kernkapital gilt als besonders belastbar, weil es dauerhaft zur Verlustdeckung zur Verfügung steht. AT1-Instrumente dagegen sind so konstruiert, dass sie in definierten Stressszenarien stärker in den Verlustprozess eingebunden werden. Die Idee, AT1 so zu „reakalibrieren“, dass sie früher greifen als im März 2023 beim damaligen Krisenfall, zielt auf die zeitliche Wirksamkeit der Verlustabsorption. Genau diese zeitliche Komponente ist für das Risiko-Management relevant, weil sie bestimmt, ob eine Bank in einer frühen Phase eines Schocks Stabilität einkaufen kann oder ob Kapital erst greift, wenn der Ausfallpfad bereits klarer ist.
Markt- und industriepolitisch ist das Paket zudem ein Signal für die Ausgestaltung von internationalen und nationalen Kapitalanforderungen. Die WAK-S versucht, das Too-big-to-fail-Ziel stärker zu machen, ohne den regulatorischen Hebel allein über CET1 zu ziehen. Für systemrelevante Banken bedeutet das, dass sie ihre Kapitalstruktur wahrscheinlich erneut durchrechnen müssen: Wie verändert sich das Optimierungsproblem zwischen harten Quoten und marktbasierten Instrumenten, und wie stark reagiert die Refinanzierung auf die Erwartung, wann AT1 auslöst? Daneben wirkt die politische Komponente: Wenn eine Kompromisslösung mit 10 zu 2 Stimmen bei einer Enthaltung verabschiedet wird, ist das ein Hinweis, dass die Kommission den Vorschlag als tragfähig ansieht, aber dennoch genügend Spielraum bleibt, um die letzten Streitpunkte zu verhandeln. Für Anleger bleibt damit vor allem die Bandbreite entscheidend, innerhalb derer sich künftige Kapitalregeln in konkrete Bilanz- und Gewinnkennzahlen übersetzen.
Für Unternehmen, die als Partnerbanken, Plattformen oder Großkunden mit systemrelevanten Instituten zusammenarbeiten, ist die Debatte ein indirekter Hinweis auf die Stabilitätsarchitektur der Finanzinfrastruktur. Je schneller regulatives Kapital im Stressfall verfügbar wird, desto eher lässt sich die Wahrscheinlichkeit abrupter Liquiditäts- und Vertriebsprobleme reduzieren. Gleichzeitig erhöht jede Instrumentenänderung die Bedeutung von Kommunikation und Prozesssicherheit: Treasury, Risikomanagement und Rechtsteams müssen bei geänderten Auslösern (Triggern) und Umgestaltungsvorgaben sicherstellen, dass die Instrumente im Ernstfall tatsächlich wie vorgesehen wirken. In der laufenden Diskussion steht damit weniger das „Ob“ der Eigenkapitalunterlegung im Vordergrund, sondern das „Wie“ und „Wann“ der Verlustabsorption.
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