AMMAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Jordan steht nach Angriffen der Iran-nahen Revolutionsgarden unter Druck: Nach mehreren Wellen mit ballistischen Raketen und Drohnen blieb eine jordanische militärische Vergeltung aus. Die Armee meldet zwar Abfänge im Rahmen von „Operation Jordan Shield“, doch zentrale Details zur tatsächlichen Trefferbilanz bleiben unklar. Gleichzeitig verschiebt sich damit der innen- und außenpolitische Eindruck, wie verlässlich die Abschreckung Amman gegenüber Gegnern ausstrahlt. Damit rückt weniger die Frage nach Flugabwehr-Technik in den Fokus, sondern nach strategischer Handlungsfähigkeit.

Irans Raketen treffen Jordan: Warum die Abschreckung der Streitkräfte wankt
Irans Raketen treffen Jordan: Warum die Abschreckung der Streitkräfte wankt (Foto: IT BOLTWISE)
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Jordan hatte lange darauf gesetzt, dass sich militärische Präsenz nicht nur in Ausrüstung ausdrückt, sondern auch in Symbolik. König Abdullah II. wechselte nach seinem Dienst in der britischen Armee in den Aufbau der eigenen Streitkräfte: Mehr als 15 Jahre Truppendienst führten ihn später dazu, den Dienst in den Jordan Armed Forces (JAF) als „Honor to be proud of“, als Verantwortung und als „sacred national duty“ zu rahmen. Auch Kronprinz Hussein wurde Offizier; 2024 folgte seine Beförderung zum Major nach einem Kommando als Infanterie-Zugführer. In dieser Erzählung war Abschreckung nicht allein ein militärisches Konzept, sondern ein Teil des nationalen Selbstverständnisses. Genau deshalb wirkt es für Beobachter so auffällig, dass Amman nach aktuellen Angriffen öffentlich deutlich weniger präsent ist, als es die eigene Traditionslinie erwarten ließe.

Der Wendepunkt liegt in der Frage, wie Amman auf einen Angriff reagiert, der laut Darstellung seit Abdullahs Thronbesteigung 1999 zu den gravierendsten zählt. In der Nacht eines Sonntags griffen Angehörige der Islamic Revolutionary Guard Corps (IRGC) Jordan mit ballistischen Raketen an; dazu kamen laut Bericht zahlreiche Drohnenstarts. Für die haschemitische Monarchie ist nicht nur die unmittelbare Verteidigung relevant, sondern die Wirkung auf kritische Lebensbereiche: Der Tourismus, der einen spürbaren Anteil an der Wirtschaftskraft des Landes trägt, geriet unter zusätzlichen Druck, und mehrere Menschen wurden verletzt, als bei Abfangvorgängen herabfallende Trümmer Schäden verursachten. Dabei fällt eine Lücke auf, die im Raum steht: Die JAF hat nach Angaben des Textes keine einzige Vergeltungsaktion gegen Iran offiziell angekündigt.

Um die Tragweite zu verstehen, hilft der Blick zurück auf frühere Entscheidungen. 2015 wurde Jordanien durch die Hinrichtung des jordanischen ersten Leutnants Muath al-Kasasbeh durch den „Islamic State of Iraq and al-Sham“ (ISIS) erschüttert. Der Pilot wurde dem Bericht zufolge in einer Käfigsituation verbrannt, während er als Geisel festgehalten wurde. Jordan reagierte damals militärisch: Die Luftwaffe startete über 50 Einsätze gegen Trainingslager und Waffenlager des ISIS in Syrien und im Irak. Der Text argumentiert, Abdullah habe sehr bewusst verstanden, dass das Ausbleiben einer militärischen Antwort auf einen solchen Angriff ein „problematic message“ an Gegner senden würde. Diese Logik kollidiert nun mit der Gegenwart: Nach Angriffen der IRGC bleibt Jordan öffentlich bei Abwehr, ohne sichtbar eskalierende Gegenschläge.

Technisch betrachtet stellt sich dabei vor allem die Frage, wie stark die gemeldeten Abfangleistungen tatsächlich sind und wie sie politisch gerahmt werden. Laut Bericht behauptete ein leitender JAF-Offizier, man habe im Rahmen von „Operation Jordan Shield“ „hundreds“ iranische Projektile abgefangen. Gleichzeitig widerspricht ein anderes Narrativ: Im Juli erklärte Donald Trump gegenüber einem US-Fernsehformat, dass US-Kräfte die ballistischen Raketen in Jordan abgeschossen hätten, ohne eine Rolle der JAF zu nennen. Später berichtete zudem ein Beitrag über Strategien, mit denen der Iran offenbar US-Luftverteidigung in früheren Angriffen umgehen konnte, wiederum ohne JAF-Bezug. Am Montag schließlich erklärte die JAF, man habe acht ballistische Raketen aus der aktuellen Salve abgefangen; ob und wie viele Treffer Jordan tatsächlich erzielte, bleibt nach dem Text offen. Auch die Möglichkeit eines politischen „Credit-Claiming“ schwingt mit: Dass Abfänge im eigenen Territorium für das Publikum anschlussfähig gemacht werden, obwohl ein Teil der Interzeption möglicherweise durch US-Komponenten erfolgte.

Die strategische Einordnung zeigt zudem, warum ausgerechnet Jordan als Ziel in den Fokus geriet. Laut Bericht war Jordan im Sommer offenbar ein bevorzugtes Ziel in einer zweiten Angriffswelle, während Israel als primärer ideologischer Gegner nicht im selben Maß getroffen wurde. Die Erklärung verknüpft der Text mit Sicherheitsberechnungen Teherans: Iran habe wahrscheinlich davon ausgehen müssen, dass Angriffe auf Israel im Juli schwerer zu Eskalationsrisiken führen, weil Israel zu diesem Zeitpunkt bereits hochrangige Personen des politischen und religiösen Apparats getötet habe. Gleichzeitig sei Jordan ein „convenient target“, weil die IRGC offenbar nicht fürchtete, dass Abdullah militärisch reagiert, nachdem Jordan zuvor im März und April trotz eigener Angriffe nicht mit einem Vergeltungsschlag nachgezogen hatte. Damit verschiebt sich der Konflikt von einer reinen Abwehrlogik hin zu einer Abschreckungslogik: Nicht allein „kann man abfangen?“, sondern „gilt der Abschreckungsanspruch noch?“.

Innerstaatliche und außenpolitische Gründe für Zurückhaltung werden im Text ebenfalls konkretisiert. Ein wesentliches Argument lautet, dass etwa die Hälfte der jordanischen Bevölkerung palästinensischen Ursprung hat. Abdullah dürfte vermeiden wollen, dass Jordan in der öffentlichen Wahrnehmung als Schutzmacht Israels erscheint, falls es zu einem militärischen Einsatz gegen Iran käme. Dazu kommt, dass es laut Bericht im Land auch politische Forderungen gegen die US-Präsenz gab: Ein ehemaliger Minister führte eine Unterschriftenaktion an, die sich auf die Ausweisung von US-Streitkräften bezog. Gleichzeitig verwies der Text darauf, dass Abdullah zwar Angriffe des Iran verurteilt, aber keine jordanische militärische Vergeltung konkret öffentlich diskutierte; sein seit Kriegsbeginn einziges Interview sei mit chinesischen Staatsmedien erfolgt und habe das Thema Vergeltung nicht in den Mittelpunkt gestellt. Noch ein Punkt: Wenn Amman militärisch „freigibt“, könnte das die IRGC dazu verleiten, Jordan erneut stärker anzugreifen. Daneben erscheint im Text auch die Option, offensive Handlungen gegen Iran lieber an Washington zu delegieren.

Am Ende führt der Beitrag jedoch genau jene Logik zusammen, die Abdullahs militärische Biografie einst gestützt hatte: Aktion und Reaktion formen Abschreckung, nicht nur die Existenz von Verteidigungsfähigkeiten. Der Bericht nennt als Resultat der Inaction bereits eine messbare Erosion der Wirkung jordanischer Abschreckung. Wer tausende US-Soldaten im Land beherbergt und zugleich nach Angriffen Teherans nicht militärisch antwortet, riskiert die Wahrnehmung von Souveränitätsverlust und die Rolle als „punching bag“, sobald Iran gegen Washington zuschlägt. Der Text erinnert dabei an ein Ereignis am 28. Juli, bei dem Jordan laut Darstellung in eine „surprise attack“ gegen US-Kräfte geriet, nachdem Trump zuvor mehrere Tage lang Angriffe pausiert hatte. Aus dem Muster wird im Artikel eine Botschaft abgeleitet: Jordan bleibt ansprechbar und verteidigungsfähig, aber die Eskalationsbereitschaft wirkt nach außen reduziert. Auch Abbas Araghchi habe sich Anfang Oktober getroffen; Abdullah habe zwar betont, Jordan werde „not be a battleground“, doch die Angriffe in diesem Jahr machten aus dieser Aussage nach Ansicht des Autors wenig.


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