AMSTERDAM / LONDON (IT BOLTWISE) – Der europäische Erdgaspreis hat aufgrund von Sorgen um Angriffe im Iran-Krieg deutlich angezogen und den höchsten Stand seit Kriegsbeginn erreicht. Ausschlaggebend waren Meldungen über Angriffe auf Tankschiffe in der Straße von Hormus, einer Schlüsselroute für Energietransporte. Der TTF-Terminkontrakt für die Lieferung in einem Monat stieg bis auf 71,70 Euro je Megawattstunde. Neben dem Risiko blockierter LNG-Lieferungen drückt zudem eine vergleichsweise geringe Füllmenge der Gasspeicher in Europa auf die Risikoprämie.

Der TTF-Frontmonat in Amsterdam ist am Dienstag weiter nach oben gerutscht und hat damit eine Entwicklung fortgesetzt, die seit rund drei Wochen sichtbar beschleunigt. Konkret kletterte der richtungweisende Erdgas-Terminkontrakt zur Lieferung in einem Monat auf 71,70 Euro je Megawattstunde (MWh). Das entspricht fast drei Prozent mehr als am Vortag und sorgt dafür, dass Erdgas zeitweise teurer ist als zu Beginn des Iran-Kriegs, als die Notierung im März phasenweise über 70 Euro je MWh stieg. Für Gasversorger und Industrieabnehmer ist das deshalb mehr als nur eine Börsenmeldung: Solche Sprünge wirken unmittelbar in kurzfristige Beschaffungskalkulationen, Terminbudgets und Hedge-Strategien hinein.
Aus technischer Perspektive zeigt sich die Dynamik vor allem über die Preisbildung an den Terminmärkten: Der TTF reagiert nicht nur auf aktuelle Transportflüsse, sondern auch auf die erwartete Verfügbarkeit von Brennstoff entlang der gesamten Wertschöpfungskette. In den aktuellen Meldungen steht dabei die Straße von Hormus im Zentrum, weil sie als Engpass für Energie- und Rohstofftransporte gilt. Wenn Berichte über Angriffe auf Tankschiffe den Eindruck vermitteln, dass Transportfenster sich verkleinern oder Versicherungs- sowie Umwegkosten dauerhaft steigen, baut der Markt schnell eine Risikoprämie auf. Genau diese Logik spiegelt sich in der Tendenz wider, dass Gas im Vergleich zu anderen Energieträgern zuletzt stärker nach oben zog.
Der nächste Belastungsfaktor kommt aus dem LNG-Bereich. Laut Rohstoffexperten wurde die Sorge verstärkt, dass Lieferungen von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus Fördergebieten am Persischen Golf längerfristig blockiert sein könnten. Ergänzend wird auf einen Lieferstopp in Katar verwiesen: Einschränkungen bei LNG-Lieferungen nach Europa und Asien seien um einen weiteren Monat verlängert worden. Damit verschiebt sich die Erwartung des Marktes von kurzfristigen Störungen hin zu einer möglichen Angebotsverknappung über mehrere Wochen. Gerade bei LNG ist die Flexibilität im Handel zwar vorhanden, aber nicht beliebig: Produktionspläne, Ladefenster und die Verfügbarkeit geeigneter Schiffe begrenzen, wie schnell sich ausgefallene Volumina ersetzen lassen.
Dass der Preisanstieg nicht isoliert, sondern in einen breiteren historischen Kontext gehört, macht der Vergleich mit früheren Marktphasen deutlich. Höher war der Gaspreis zuletzt 2022, als er nach einem russischen Lieferstopp infolge des Ukraine-Kriegs zeitweise über 300 Euro je MWh stieg. Der heutige Sprung bewegt sich zwar in einer anderen Größenordnung, aber die Mechanik ist ähnlich: geopolitisch getriebene Angebotsrisiken treffen auf einen Markt, der stark über Erwartungen gesteuert wird. Zusätzlich wirkt ein zweiter, weniger beachteter Hebel: eine vergleichsweise geringe Füllmenge der Gasspeicher in Europa. Wenn die Speicher bereits relativ niedrig sind, steigt die Sensibilität gegenüber jeder zusätzlichen Unsicherheit, weil die Pufferwirkung geringer ausfällt.
Für die Marktteilnehmer ergibt sich dadurch ein klarer Handlungsdruck, der sich in mehreren Bereichen bemerkbar macht. Erstens wird die Volatilität in Beschaffungsportfolios wahrscheinlicher, weil Unsicherheiten zu Transportwegen und Lieferplänen gleichzeitig eingepreist werden. Zweitens verschiebt sich die Spreizung zwischen Spot- und Terminpreisen, sobald die Erwartung entsteht, dass Engpässe länger als nur wenige Tage dauern. Drittens geraten Absicherungsmodelle unter Stress, weil Hedges oft an historische Korrelationen und typische Bewegungsmuster gebunden sind, die in Krisenphasen weniger stabil ausfallen. Daneben beobachten Unternehmen häufig auch die Preisrelation zu Rohöl: In den vergangenen Wochen seien die Ölpreise zwar teils deutlich gefallen, während die Notierungen für Erdgas auf hohem Niveau verharrten.
Unterm Strich ist die aktuelle Preisbewegung weniger ein einzelnes Ereignis als das Zusammenspiel mehrerer Einflussfaktoren: Angriffsmeldungen aus der Straße von Hormus erhöhen das Transport- und Umgebungsrisiko, das LNG-Angebot aus dem Persischen Golf bleibt potenziell enger, und die relativ niedrige Speicherlage in Europa verstärkt die Wirkung jeder zusätzlichen Unsicherheit. Für Betreiber von Speicheranlagen, Versorger und energieintensive Industrien bedeutet das kurzfristig vor allem eine intensivere Feinsteuerung von Einkauf, Lieferprofilen und Risikoexponierung. Mittelfristig wird der Markt zudem genauer darauf schauen, ob sich die Lage um die Transportroute konkret beruhigt oder ob sich die Risikoaufschläge in neue, stabilere Preisniveaus übersetzen. Solange das Preisaufwandsrisiko nach Einschätzung von Marktbeobachtern in den kommenden Wochen bestehen bleibt, bleibt auch die Tendenz zu weiteren Ausschlägen wahrscheinlich.
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