LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Verkaufsunterlagen zu USDT zeigen, dass Tether in den Jahren 2019 und 2020 mit teils später angeklagten oder sanktionierten Akteuren direkt Handel betrieben hat. Unter den Käufern tauchen Offshore-Firmen in mehreren Steueroasen auf, aber auch Firmen, die später mit Geldwäsche und Cyberkriminalität in Verbindung gebracht wurden. Die Transaktionen betreffen ein Umfeld, in dem USDT als Brücke für illegale Finanzströme genutzt wird. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie streng Tether seine direkten Kunden tatsächlich prüfte.

Tether-Kunden vor Gericht: Neue Dokumente werfen Fragen zur USDT-Prüfung auf
Tether-Kunden vor Gericht: Neue Dokumente werfen Fragen zur USDT-Prüfung auf (Foto: IT BOLTWISE)
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USDT ist für Krypto-Finanzflüsse längst mehr als nur ein weiteres Token: Es ist eine zentrale Abwicklungswährung, weil sein Kurs an den US-Dollar gekoppelt ist und sich Transaktionen damit rechnerisch wie „digitale Dollar“ anfühlen. Genau diese Rolle macht die Debatte um die Sorgfaltspflichten beim Handel mit dem Stablecoin so heikel. Im Jahr 2019 und während 2020 weitete Tether den Kreis seiner direkten USDT-Kunden aus; nach den in den Unterlagen genannten Beträgen stieg das Volumen in Umlaufform von unter 2 Mrd. USD auf mehr als 20 Mrd. USD. Schon diese Wachstumsphase ist für Compliance-Abteilungen technisch und organisatorisch anspruchsvoll, weil bei steigenden Käuferzahlen die Gefahr wächst, dass Prüfroutinen in der Praxis nur noch stichprobenartig wirken.

Besonders auffällig ist, dass sich in den Dokumenten die Identitäten nicht durch „Krypto-Intelligenz“ verschleiern, sondern durch juristische Hüllen. In mehreren Fällen werden Käufer über Shell Companies in Offshore-Jurisdiktionen wie den Cayman Islands, den Britischen Jungferninseln, den Seychellen oder Hongkong abgebildet. Das ist nicht automatisch ein Beleg für Fehlverhalten, aber es verändert die technische Prüfbarkeit: Ohne Transparenz über wirtschaftlich Berechtigte werden typische AML-Checks (Anti-Money-Laundering) auf Lücken angewiesen. In den beschriebenen Fällen werden zusätzlich größere Direktkäufe genannt, teils in zweistelliger Millionenhöhe, was die Due-Diligence-Schwelle für „Quelle des Vermögens“ und „Geschäftszweck“ deutlich nach oben verschiebt. Denn die eigentliche Prüfaufgabe beginnt nicht erst bei bekannten Tätern, sondern bei der Plausibilisierung der Herkunft von Kapital und dem Muster, ob die Geschäftsaktivität mit den Handelsvolumina harmoniert.

Die Dokumente legen nahe, dass Tether in bestimmten Fällen frühe Rollen eines Akteurs in der USDT-Verteilung vor sich hertrug, bevor öffentlich wurde, wie dieser Akteur später mit kriminellen Strukturen in Verbindung gebracht wurde. Ein Beispiel ist eine Organisation, die im Umfeld von US-Behörden später in einem groß angelegten Sanktionsumgehungsmodell aufgeführt wurde: Der russische Geschäftsmann Nikita Krasnov kaufte 2020 laut den Verkaufsdaten USDT im Wert von rund 1,16 Mio. USD; Jahre später folgten Sanktionen der US-Behörden. Solche Fälle wirken in der Forensik besonders hart, weil Blockchain-Transaktionen öffentlich nachvollziehbar sind. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger das Token selbst, sondern die Ketten aus Wallet-Zuordnung, Zeitpunkt und Betrag. Laut der Analyse wurden Verkäufe im Dokumentenzeitraum mit öffentlichen Transaktionsmustern abgeglichen, um Empfangs-Wallets bestimmten Akteuren zuzuordnen.

Auch der Umfang anderer Direktkunden sticht heraus. In den Unterlagen findet sich unter anderem Alameda Research, ein Unternehmen, das mit Sam Bankman-Fried und dem früheren Krypto-Handelsplatz FTX eng verknüpft war. Für diese Akteurskategorie ist der technologische Kontext entscheidend: USDT diente dort als Liquiditätsbaustein, um Milliardenbeträge in Umlauf zu bringen und damit die Marktmechanik zu verstärken. In den beschriebenen 17 Monaten im Datensatz kaufte Alameda laut den Unterlagen mehr als 4,1 Mrd. USDT direkt von Tether. Dass Bankman-Fried inzwischen eine langjährige Haftstrafe wegen FTX-bezogener Finanzdelikte verbüßt, macht die Rückschau aus Compliance-Sicht so schmerzhaft: Die Prüfung auf „bekannte Straftäter“ hätte zwar vielleicht nur einen Teil abgedeckt, aber die eigentliche Frage richtet sich auf die Mechanik der KYC/AML-Prüfung bei großen, institutionellen Käuferprofilen, die gleichzeitig mehrere Rollen ausüben können.

Noch deutlicher wird die Risiko-Dimension bei Kunden, die später als Geldwäsche- oder Cyber-Infrastruktur beschrieben wurden. In den Unterlagen wird von direkten Deals über mehr als 100 Mio. USD mit zwei Hongkonger Shell Companies berichtet, die nach Angaben von Sanktionsbehörden aus 11 Ländern als Zugang zu Bankdienstleistungen und zum Waschen von Kryptogewinnen für eine nordkoreanisch gesteuerte Hacker- und Ransomware-Struktur genutzt worden sein sollen. Eine der Firmen, Lucky DC Trade Pty Limited, kaufte 2020 knapp 47 Mio. USD in USDT direkt bei Tether. Der Kontext wird dadurch juristisch brisant: Der Geschäftsführer Cheng Hung Man soll laut Bundesanklage 2022 Geldwäsche für Pyongyang betrieben haben; zudem wird beschrieben, dass über eine weitere Firma namens Tomorrow Good Limited entsprechende Geldwäschehandlungen erfolgt sein sollen. In einem separaten Zusammenhang wird Tomorrow Good zudem in einem späteren Verfahren mit Bezug zur Sinaloa Cartel erwähnt, das nach den Darstellungen USDT als Transportmittel für illegale Erlöse genutzt haben soll.

Der Markt- und Branchenblick zeigt, warum diese Art von Datendetail für die KI-gestützte Sicherheitsanalyse relevant ist. Stablecoins sind nicht „nur“ Zahlmittel; sie sind Eintrittspunkte für Automatisierung, weil Börsen, Händler-Backends und Wallet-Services regelbasiert auf Token-Transfers reagieren. Wenn sich in so einem Regelwerk bei der Kettenanalyse Muster wiederholen, können Systeme zwar schneller reagieren, aber sie benötigen zuverlässige Eingangsmerkmale. Genau dort setzen moderne AML-Ansätze an: Nicht allein der Abgleich mit Sanktionslisten, sondern auch das Musterverständnis für Geldquellen, Zeitprofile und Netzwerkbeziehungen. Für Tether entsteht dadurch eine doppelte Herausforderung: Zum einen geht es um die Prüfung der direkten Kunden, zum anderen um die Frage, wie gut sich spätere Erkenntnisse über diese Kunden in operative Freeze- oder Ermittlungsunterstützung übersetzen lassen. Der Anbieter beschreibt, dass er direkte Käufer strengen Checks unterzieht und bei missbräuchlichen Strömen über Zusammenarbeit mit Behörden eingreift; gleichzeitig zeigen die beschriebenen Fälle, wie lückenanfällig einzelne KYC-Entscheidungen bei komplexen Unternehmensgeflechten sein können.

Über die Vorwürfe zur Due Diligence hinaus steht auch die regulatorische Historie des Stablecoin-Ökosystems im Raum. Laut dem Bericht wurde Tether 2021 durch die Commodity Futures Trading Commission mit 41 Mio. USD wegen irreführender Aussagen zu den Dollar-Reserven belegt; außerdem mussten Tether und die zum Anbieter gehörende Plattform Bitfinex nach Angaben aus einem US-Bundesstaat insgesamt 18,5 Mio. USD zahlen und ihre Handelsaktivitäten für New Yorker Nutzer beenden. Solche Ereignisse treffen zwar nicht automatisch auf jede einzelne Käuferprüfung zu, sie verschieben jedoch die Erwartungshaltung: Wenn ein Stablecoin-Emittent in der Vergangenheit bereits wegen Reserve-Statements sanktioniert wurde, steigt der Druck, auch die Prozesse rund um Transparenz, Nachweisbarkeit und Risiko-Screening für große Direktkunden lückenlos zu dokumentieren. Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen, die USDT in Zahlungs-, Treasury- oder Marktprozesse einbinden, sollten ihre Compliance nicht nur auf „Token-Ebene“, sondern bis auf die Partner- und Onboarding-Ebene ausrichten, insbesondere wenn große Volumina über kurz getaktete Transfers abgewickelt werden.


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