MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue gemeinsame Leitlinie von European Society of Cardiology und European Renal Association macht chronische Nierenerkrankungen (CKD) zum festen Bestandteil der kardiologischen Diagnostik. Sie fordert ein obligates Screening mit eGFR-Bestimmung im Blut und einer Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin. Hintergrund ist die in Daten sichtbare hohe Dunkelziffer: Viele Betroffene wissen erst spät, dass ihre Nierenfunktion eingeschränkt ist. Für die Versorgung bedeutet das vor allem: Therapien müssen früher an das Nierenrisiko angepasst werden.

In der kardiologischen Routine entscheidet sich viel über die Prognose, doch die Nierenfunktion blieb in vielen Abläufen bislang ein Nebenschauplatz. Genau diese Lücke adressiert eine neue gemeinsame Leitlinie von European Society of Cardiology (ESC) und European Renal Association (ERA), die am 28. August 2026 erstmals gemeinsam veröffentlicht wurde. Vorgesehen ist ein systematisches Vorgehen: Sobald Patienten eine kardiovaskuläre Diagnose erhalten, soll ein Screening auf chronische Nierenerkrankungen (Chronic Kidney Disease, CKD) folgen. Dass das nicht nur ein „Nice-to-have“ ist, zeigt schon die klinische Logik der Herz-Nieren-Achse: Häufig beeinflusst die Nierenleistung sowohl die körpereigene Flüssigkeits- und Stoffwechselregulation als auch die Wirksamkeit und Verträglichkeit vieler Herzmedikamente.
Der Handlungsdruck ergibt sich aus den bekannten Erkennungsproblemen bei schleichenden Verläufen. Laut NAKO-Daten wurden im Rahmen der Analyse von 195.000 Proben bei 18,4 Prozent der Erwachsenen auffällige Werte ermittelt. Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen Messbefunden und Selbstauskunft: Nur 5 Prozent der betroffenen Personen hatten Kenntnis von ihrer Erkrankung. Solche Zahlen passen zur typischen CKD-Charakteristik, bei der Symptome oft spät einsetzen und sich zunächst eher über Laborparameter andeuten. Wenn CKD unentdeckt bleibt, werden Risiken für Herz-Kreislauf-Komplikationen leicht übersehen, und auch therapeutische Dosisanpassungen erfolgen dann zu spät oder nur reaktiv.
Rechnerisch macht das die Dimension deutlich: In Deutschland werden schätzungsweise 8 Millionen Menschen mit chronischer Nierenschwäche in Verbindung gebracht, weltweit nennt die Quelle rund 700 Millionen Betroffene. Gleichzeitig steigen mit der Erkrankung nicht nur medizinische, sondern auch ökonomische Folgen. Für 2020 werden die Kosten in Deutschland auf über 24 Milliarden Euro geschätzt, was etwa 5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben entspricht. Für Entscheidungsträger in Kliniken und Gesundheitssystemen ist damit klar: Ein Screening-Ansatz kann nur dann überzeugen, wenn er in bestehende Prozesse integrierbar ist und konkrete Handlungswege eröffnet. Genau daran setzt „STAMP on CKD“ an, ein Akronym, unter dem die Fachgesellschaften eine systematische Prüfung der Nierenfunktion unmittelbar bei der Diagnose einer Herz-Kreislauf-Erkrankung einfordern.
Technisch definiert die Leitlinie den Kern des Programms sehr konkret: vorgesehen sind zwei Tests. Erstens wird die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) über Blutwerte bestimmt. Zweitens wird die Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Urin gemessen. Der entscheidende Punkt dabei ist die klinische Abgrenzung: Allein der Kreatininwert reicht nicht aus, um das volle Ausmaß einer Nierenschädigung verlässlich abzubilden. Je nach individuellem Risiko sollen Kontrollen in regelmäßigen Abständen wiederholt werden; bei geringem Risiko nennt die Quelle Intervalle von zwei bis drei Jahren. Für die Praxis ist außerdem relevant, wie diese Befunde im Team interpretiert werden: Kardiologie und Nephrologie müssen die gleichen Laborwerte in gemeinsame Therapieentscheidungen übersetzen, statt sie getrennt zu „verwahren“.
Die medizinische Verzahnung wird in den Leitlinienargumenten über Kenngrößen und Risikomuster untermauert. Ein eGFR-Wert unter 60 ml/min/1,73 m² erhöht demnach das kardiovaskuläre Risiko signifikant, während zusätzliche Albuminurie die Gefährdung weiter steigert. Besonders drastisch wirkt sich die Konstellation nach einer Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz aus: In solchen Fällen ist das Risiko für ein späteres Nierenversagen um mehr als das 30-fache erhöht. Das ist nicht nur eine statistische Randnotiz, sondern verändert die Prioritäten im Klinikalltag: Entlassmanagement und Verlaufskontrollen müssen die Nierenfunktion systematisch einschließen, damit aus einer akuten Herzbelastung nicht schleichend eine irreversible Nierenschädigung wird.
Aus Sicht der Therapieplanung liefert die Leitlinie einen konkreten Werkzeugkasten. Laut Quelle nennt sie als wirksame Optionen unter anderem SGLT2-Inhibitoren, GLP-1-Rezeptoragonisten, RAS-Inhibitoren sowie Statine. Für viele dieser Wirkprinzipien spielt die Nierenfunktion nicht nur für die Wirksamkeit, sondern auch für Sicherheit und Dosierung eine zentrale Rolle; sie sind damit direkt mit der im Screening identifizierten Risikolage verknüpft. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) ordnet das Problem ebenfalls deutlich ein: Etwa 50 Prozent der Menschen mit Herzschwäche sollen zusätzlich an einer oft unbemerkten Nierenerkrankung leiden. Frühzeitige Erkennung, so die Quelle, ermöglicht es Ärztinnen und Ärzten, Dosierungen rechtzeitig anzupassen und potenziell schädliche Nebenwirkungen zu vermeiden – ein Effekt, der sowohl für stationäre als auch ambulante Versorgungswege praktisch relevant ist.
Auch gesundheitsstrategisch verschiebt sich damit der Fokus. Bereits am 16. Dezember 2025 hat die Europäische Union chronische Nierenerkrankungen im Rahmen des „Safe Hearts Plan“ als zentralen Risikofaktor eingestuft. Vor diesem Hintergrund fordern Fachgesellschaften wie die DGfN, dass Nierenfunktionsuntersuchungen konsequent bei allen Patienten mit kardiovaskulären Risikoprofilen umgesetzt werden sollen. Ziel ist eine spürbare Reduktion von Komplikationen durch eine frühzeitige, interdisziplinäre Behandlung. Für Krankenhäuser und Praxen heißt das im Kern: Screening-Prozesse müssen organisatorisch „mitwachsen“ – vom Laborauftrag bis zur Interpretation im therapeutischen Plan – damit der Befund nicht nur dokumentiert, sondern in Entscheidungen übersetzt wird.
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