MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer aktualisierten Rangliste der Stiftung Familienunternehmen gehören acht deutsche Familienunternehmen zu den ältesten Industriellen ihrer Art. Die Spitzengruppe reicht von einem 1502 gegründeten Metallverarbeiter bis zu einem Unternehmen, das seine 400 Jahre bereits vor Augen hat. Zentral ist dabei ein Rekordkriterium: ununterbrochenes Familien- beziehungsweise Eigentum über mindestens 50 Jahre mit mindestens 50 Mitarbeitenden. Die Stiftung ordnet die Langlebigkeit als Ergebnis kontinuierlicher Erneuerung bei gleichzeitiger Stabilität der Eigentümerfamilie ein.

Dass Unternehmen Krisen nicht nur überstehen, sondern strategisch nutzen, zeigt sich besonders deutlich bei sehr langen Zeitachsen. Eine aktualisierte Rangliste der Stiftung Familienunternehmen in MÜNCHEN nimmt genau diese Perspektive ein: Acht deutsche Familienunternehmen sind jeweils älter als 400 Jahre und haben wiederholt historische Umbrüche überstanden. Die Botschaft dahinter ist nicht romantische Tradition, sondern ein belastbares Geschäftsmodell über Generationen hinweg – einschließlich der Frage, wie sich Strukturen immer wieder an neue Rahmenbedingungen anpassen lassen, ohne die Unternehmensidentität zu verlieren.
Die Spitze der Liste wird weiterhin von westdeutschen Familienunternehmen dominiert. Auf Platz eins steht die Coatinc Company aus Kreuztal, gegründet 1502, wobei der Name in der Darstellung nicht als englische Bezeichnung geführt wird. Dahinter folgt die Prym Group aus Stolberg (Gründungsjahr 1530), die vor allem als Hersteller des Druckknopfs bekannt ist. Interessant ist der Aufbau der Auswahl: Es geht um Firmen mit mindestens 50 Mitarbeitern, die sich am längsten in ununterbrochenem Eigentum einer oder mehrerer miteinander verbundener Familien befinden. Dadurch werden Beispiele ausgeschlossen, die zwar lange existieren, aber nicht den Eigentums- und Kontinuitätsfokus erfüllen.
Ein entscheidender Hintergrundgrund für die geografische Verteilung ist historisch-politisch: Die Liste enthält ausschließlich westdeutsche Firmen. Wie die Stiftung Familienunternehmen begründet, wurden Familienunternehmen in der ehemaligen DDR verstaatlicht, wodurch sie nicht in ein Kriterienset passen, das auf ununterbrochener Familienkontinuität basiert. Damit erklärt sich auch, warum in der Spitzengruppe der ersten zehn vor allem Unternehmen aus NRW, Bayern und Baden-Württemberg auftauchen. Gleichzeitig zeigt das Format, dass Eigentumsstrukturen für die Resilienz in der Praxis eine größere Rolle spielen können als das reine Bestehen eines Produkts oder einer Produktionsstätte.
Am unteren Ende des Spektrums liegt mit 226 Jahren die jüngste Firma innerhalb der Rangliste: der Maschinenbauer Kurtz Ersa aus Kreuzwertheim in Bayern, gegründet im Jahr 1800. Den Blick nach vorn richtet dann vor allem der 400. Firmengeburtstag von W. Albrecht in Lindlar bei Köln, einem blechbearbeitenden Betrieb, der 1634 gegründet wurde. Direkt danach folgt mit der Tuchfabrik Mehler aus dem bayerischen Tirschenreuth eine weitere Institution aus dem 17. Jahrhundert: Seit 1644 ist das Unternehmen Teil der lokalen Industriegeschichte. Solche Angaben sind für Tech-Entscheider zwar auf den ersten Blick eine Randnotiz, sie werden aber spannend, wenn man sie als Indikator dafür versteht, wie Firmen über Jahrhunderte jeweils neue Produktions- und Marktmodelle integriert haben.
Die Stiftung stellt dabei den Kernmechanismus heraus: „Über Jahrhunderte haben sich diese Unternehmen immer neu erfunden, mit der Familie als Stabilitätsanker und Fels in der Brandung“, sagte Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Er verbindet also nicht nur Langlebigkeit mit Erfindergeist, sondern auch mit Governance-Stabilität. Genau hier wird das Thema für die heutige Unternehmens-IT und KI-Transformation relevant: Kontinuität im Eigentum kann langfristige Investitionszyklen ermöglichen, etwa wenn Betriebe modernisieren, Fertigung digitaler machen oder Prozesse durch Datenanalyse verbessern – ohne jedes Quartal das komplette Geschäftsmodell neu zu verhandeln.
Zur Einordnung ergänzt die Rangliste gleich zwei weitere Perspektiven. Erstens fehlen bestimmte sehr bekannte Unternehmerfamilien, etwa die Fugger: Laut der Darstellung verwalten heutige Nachfahren keine kommerziell tätigen Familienunternehmen mehr, sondern neun soziale Stiftungen. Zweitens werden auch nicht-familiengeführte Institutionen als potenziell krisenresistent genannt, darunter die Brauerei Weihenstephan in Freising mit Braurecht seit 1040 sowie das Münchner Hofbräuhaus, das sich auf ein Gründungsjahr von 1589 stützt. Selbst Klöster könnten als Wirtschaftsbetriebe betrachtet werden – als Beispiel wird die Abtei Tholey genannt, erstmals 634 urkundlich erwähnt. Damit macht die Rangliste klar: Resilienz ist nicht allein eine Frage der Rechtsform, aber Eigentumskontinuität und organisatorische Kontinuität wirken als Verstärker.
Für Führungskräfte lässt sich aus der Systematik der Rangliste eine handfeste Schlussfolgerung ableiten: Wer lange überlebt, hat Strukturen, die Lernen erlauben, ohne die Organisation zu destabilisieren. In modernen Unternehmen betrifft das heute nicht nur Produktinnovationen, sondern auch die Fähigkeit, Technologiezyklen zu verarbeiten – von ERP-Einführungen über Prozessautomatisierung bis hin zu KI-gestützten Prognosen oder Qualitätsanalysen in der Produktion. Die historische Perspektive liefert damit keinen direkten „KI-Plan“, aber einen pragmatischen Hinweis auf Muster: Anpassung über Generationen gelingt häufiger dort, wo Governance, Investitionsdisziplin und operative Weiterentwicklung zusammenkommen. Genau diese Kombination ist in der Rangliste als wiederkehrendes Motiv erkennbar – und erklärt, warum manche Firmen nicht nur alt sind, sondern weiterhin wirtschaftlich handlungsfähig bleiben.
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