MIAMI / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Green-Space-Galerie in Miami steht bei der Ausstellung „Count It All Joy!“ das Gefühl der Freude im Mittelpunkt. 15 Künstlerinnen und Künstler aus der Region setzen dabei auf unterschiedliche Medien von Fotografie über Malerei bis hin zu einem Quilting-Werk mit einem Screenshot eines TikTok-Videos. Die Kuratorinnen Donnamarie Baptiste und Arsimmer McCoy verknüpfen die Arbeiten mit der Idee eines Gesprächsraums, der sich bewusst dem politischen Dauerrauschen entzieht. Besucherinnen und Besucher sollen im Rundgang sowohl sofortige Anknüpfung finden als auch in Kontexte eintauchen können.

„Count It All Joy!“: Digitale und analoge Medien im neuen Green-Space-Ausstellungskosmos
„Count It All Joy!“: Digitale und analoge Medien im neuen Green-Space-Ausstellungskosmos (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in Miamis MiMo-Viertel die Green-Space-Galerie betritt, bekommt keine klassische Themenausstellung mit klarer, didaktischer Pointe serviert, sondern ein emotional strukturiertes Ensemble. „Count It All Joy!“ rückt Freude, Optimismus und das spürbare Gefühl des Sich-Erfreuens in den Mittelpunkt und versammelt dafür Arbeiten von 15 Künstlerinnen und Künstlern aus der Miami-Region. Entscheidend ist dabei weniger ein einheitlicher Stil als die gemeinsame Wirkung: Die einzelnen Positionen sollen entweder direkt ein gutes Gefühl auslösen oder zumindest einen Einstieg in das geben, was die jeweiligen Autorinnen und Autoren als Quelle von Freude verstehen.

Kuratiert wird das Projekt von Donnamarie Baptiste und Arsimmer McCoy, die beide separat von Green Space ausgewählt wurden. Nach Darstellung der Ausstellungskonzeption wollten sie dem aktuellen Zeitgeist etwas entgegensetzen, der aus ihrer Sicht stark von Politik dominiert ist. McCoy beschreibt das Ziel als Aktivierung des Galerieraums zu einem Ort der Leichtigkeit: Nicht jede Person kommt ohne ein Restmaß an Unbehagen in eine Ausstellung: Genau an dieser Reibung setzen die kuratorischen Entscheidungen an. Baptiste und McCoy nutzen dafür unterschiedliche Arbeitsweisen, die sich im Ergebnis ergänzen, statt sich zu überlagern: McCoy wählt „intuitiv“ und greift Bilder und Objekte, die sie unmittelbar berühren; Baptiste geht dagegen über Studiosbesuche und Gespräche stärker forschend vor.

Technisch betrachtet zeigt die Schau damit auch, wie stark Kuratieren selbst wie ein Informationsdesign funktioniert. Ein Bild, ein Textfragment, ein Objekt oder eine Tonspur (hier als Video-Element realisiert) wirken in einer Ausstellungsumgebung nicht isoliert, sondern als Teil einer Sequenz aus Wahrnehmungsentscheidungen. Genau diese Logik spiegelt sich im Medien-Mix: Fotos, Malerei, Installationen und textile Arbeiten liefern unterschiedliche Zugänge, während das übergeordnete Thema als gemeinsamer Bezugspunkt dient. So fotografieren Maggie Steber und Lisette Morales Menschen in einer Weise, die Natur nicht als Kulisse behandelt, sondern als Mitbewohnerin der Szene: Frauen schwimmen oder treiben in stillen Gewässern, ein Blick erfasst die Weite der Everglades. Sophie Wong setzt mit ihren Gemälden dagegen auf Szenen des karibischen Lebens und erweitert das geografische Gefühl der Ausstellung über Florida hinaus.

Besonders greifbar wird die Idee von „Joy“ an einem Installationswerk von Arsimmer McCoy, das zugleich nach innen und nach außen erzählt. Ihr größtes Arbeiten im Raum ist eine sogenannte „archive install“: Möbel und andere Erbstücke aus dem Wohnzimmer ihrer Großmutter werden als rekonstruierter Erinnerungsraum arrangiert. Unter anderem finden sich ein aufwendig gestaltetes Sofa, ein Couchtisch aus wiederverwendetem Holz sowie ein CRT-Fernsehständer; darauf laufen Disney-Filme auf VHS. Die Technik dahinter ist nicht „technologisch“ im Sinne neuer Systeme, aber sie ist medienhistorisch hoch aufgeladen: Das analoge Bildformat, die sichtbaren Spuren des Abspielens und die Nähe zu Alltagsritualen erzeugen eine Form von Vertrautheit, die sich beim Betrachten nicht erklären muss, sondern sich einstellt. Gleichzeitig fungiert die Installation als bewusste Störung des klassischen White-Wall-Settings, weil der Raum als Treffpunkt gelesen werden soll, in dem Menschen sich wiederfinden oder zumindest an bekannte Muster andocken.

In dieses Spannungsfeld gehört auch die Arbeit von Genesis Moreno, die den Schritt in eine digitale Gegenwart macht, ohne die unmittelbare Körperlichkeit des Themas zu verlieren. Zu sehen ist ein quiltetes Werk, das einen Screenshot eines TikTok-Videos verarbeitet, in dem der „butterfly hug“ als Selbstberuhigungs-Technik gezeigt wird; das Video selbst wird daneben auf einem Monitor weitergespielt. Damit entsteht eine visuelle Schleife aus Beobachtung und Beruhigung: Ein kurzer, sozialmedialer Clip wird als Artefakt herausgelöst, in Stoff übersetzt und gleichzeitig in seiner Originalform präsent gehalten. Genau dieses Nebeneinander – dokumentierende Screen-Ästhetik und textile Handarbeit – macht für viele Besucherinnen und Besucher die emotionale Lesbarkeit der Ausstellung aus, weil es sowohl das „Gesehen-Haben“ als auch das „Mitmachen-Können“ adressiert. Dasselbe Muster zeigt sich indirekt auch in der Installation von MaiYap, einer chinesisch-panamanischen Künstlerin: Dort verwandeln sich kulturelle Herkunft und essbare Symbolik in Form von geschnitzten Mondkuchen, die in einer traditionellen Batea, einem Holztablett aus Panamas Bayano-Region, arrangiert sind.

Auch die Rückmeldungen aus dem Publikum stützen diese Mehrschichtigkeit. McCoy berichtet, dass Besuchende sehr unterschiedliche Assoziationen schildern: Eine ältere Person habe die Szene so stark erlebt, dass sie eine sofortige Anbindung an das Gefühl eines früheren Wohnzimmers herstellt – sogar mit einem konkreten Verweis auf einen vertrauten TV-Moment. Gleichzeitig beschreiben jüngere Besucherinnen und Besucher andere Ankerpunkte: die Erinnerung an Teppichfarben, an Fotos oder an Objekte wie der visuelle Nachhall von Nachrufen. Diese Mischung ist für die Ausstellung nicht Nebeneffekt, sondern Kernmechanik: Die Werke sollen mehrere Eingänge erlauben, je nachdem, wie die eigene Biografie im Raum „anschließt“.

Gerade weil die Schau so bewusst unterschiedliche Medien und Sprachen von Freude nutzt, eignet sie sich auch als Ausgangspunkt, um über kulturelle Resilienz im digitalen Zeitalter zu sprechen – ohne dabei künstlich Technik in den Vordergrund zu drängen. Ein TikTok-Clip, ein VHS-Standbild im CRT-Gehäuse, Naturfotografie und Textilhandwerk sind in dieser Galerie keine konkurrierenden Welten, sondern Bausteine derselben Frage: Woher kommt das Gefühl von Halt? Was im einen Werk über Nostalgie und Archivierung funktioniert, wird im anderen über Selbstberuhigung und Wiederholung adressiert. Dass die Ausstellung „Joy“ zudem nicht als einzelnen Luxus-Emotionszustand verkauft, sondern als etwas, das aus ganz verschiedenen Kontexten entstehen kann, macht sie für viele Menschen nachvollziehbar.

Wenn man „Count It All Joy!“ in größere Trends einordnet, fällt auf, dass viele aktuelle Kulturformate versuchen, Räume der Zugehörigkeit zu schaffen – doch hier wird das ziemlich konkret eingelöst. Die kuratorische Entscheidung, sowohl intuitive als auch forschungsbasierte Auswahl zusammenzuführen, übersetzt sich in eine Vielfalt, die nicht beliebig wirkt. Und die Ausstellungselemente zeigen, wie stark Medienformen das Erleben mitprägen: Analoge Bildträger und handgearbeitete Texturen bringen andere „Haptik“ in die Wahrnehmung als digitale Screenshots und kurze Social-Video-Logiken. Wer die Ausstellung besucht, merkt deshalb vor allem eins: Freude ist nicht nur Inhalt, sondern auch eine Art Interaktionsdesign im Raum – ein Ablauf, der vom ersten Blick bis zum vertieften Kontext reicht.

Für potenzielle Nachahmer in Institutionen und für Teams, die Ausstellungsformate planen, lässt sich aus dem Aufbau der Schau zudem eine klare Lehre ziehen: Themen wirken stärker, wenn das Kuratieren die unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi ernst nimmt. In „Count It All Joy!“ steht nicht nur fest, was gezeigt wird, sondern wie die Werke aufeinander reagieren dürfen: Fotos, Gemälde, Installationen und Quilts tragen jeweils eigene Zugangspfade zum selben Gefühl. Die Ausstellung ist kostenlos, läuft von Mittwoch bis Donnerstag, bis 27. September, jeweils von 12:00 bis 18:00 Uhr, und findet in der Green Space Gallery unter der Adresse 7200 Biscayne Blvd. in Miami statt. Damit bleibt der Zugang niedrigschwellig – und genau das passt zur Idee, einen Ort zu eröffnen, in dem sich Erleichterung nicht erst nach Erklärungen einstellt, sondern schon beim Eintreten beginnen kann.


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