LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: 20 Prozent der Auszubildenden fühlen sich emotional belastet, 74 Prozent dieser Gruppe erwägen einen Abbruch. Gleichzeitig steigt in Kliniken die Nachfrage nach psychologischer Unterstützung, etwa durch neue Leitungsrollen im Akutbereich und spezialisierte Psychoonkologie. Der Artikel macht klar, dass psychische Gesundheit nicht erst am Arbeitsplatz beginnt, sondern schon in der Ausbildung und in der Krisenhilfe selbst Relevanz hat. Besonders deutlich wird das Risiko sekundärer Traumatisierung bei professionellen Helferinnen und Helfern.

Psychische Belastung in Ausbildung und Klinik: 20% der Azubis emotional überfordert
Psychische Belastung in Ausbildung und Klinik: 20% der Azubis emotional überfordert (Foto: IT BOLTWISE)
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Psychische Belastung wirkt selten punktuell. Sie ist eher ein Prozess, der sich über Schichten von Anforderungen, Erlebnissen und Verantwortung aufbaut – und zwar nicht nur bei Betroffenen von Krisen, sondern auch bei den Menschen, die Hilfe leisten. In der klinischen und betrieblichen Praxis rückt die psychologische Aufarbeitung von Krisen und Traumata zunehmend als eigener Arbeitsbereich in den Fokus. Dass dabei selbst professionelle Helferinnen und Helfer nicht immun sind, zeigt ein berichteter Fall aus der Trauma-Begleitung: Die Psychologin Pia Andreatta erlitt nach ihrem ersten Auslandseinsatz, bei dem sie traumatisierten Menschen beistand, selbst ein sekundäres Trauma.

Technisch betrachtet beginnt das Problem selten bei fehlenden „Empfehlungen“, sondern bei der fehlenden Struktur für Belastungsverarbeitung. Sekundäre Traumatisierung entsteht, wenn die eigene psychische Verarbeitung die emotionalen Inhalte aus der Arbeit nicht mehr stabil ausgleichen kann. Genau hier setzt die Entwicklung in der Versorgungslandschaft an: Am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt übernahm Dr. Anja Baumann zum 01.09.2026 die chefärztliche Leitung des Akutbereichs in der Klinik I. Die Klinik verfügt über rund 180 Betten – und mit einer solchen Größenordnung entscheidet der Zuschnitt von Verantwortlichkeiten oft darüber, ob psychosoziale Begleitung im Alltag mitgedacht wird oder als Zusatzaufgabe untergeht.

Auch die onkologische Versorgung wird spürbar stärker psychologisch begleitet. Annika Meys ist seit drei Jahren als Psychoonkologin an den Standorten Dormagen, Grevenbroich und Neuss des Rheinland-Klinikums tätig. Damit wird ein Teil der Versorgung adressiert, der häufig erst auffällt, wenn Belastungen eskalieren: Krebserkrankungen betreffen nicht nur die medizinische Behandlung, sondern auch Angehörige, Zukunftssorgen und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Parallel dazu belegt die Bertelsmann Stiftung (September 2026) eine zentrale Verschiebung: Psychische Belastungen spielen bereits am Beginn der beruflichen Laufbahn eine messbare Rolle. Demnach fühlen sich 20 Prozent der Auszubildenden emotional belastet; 15 Prozent geben ein schlechtes Wohlbefinden an.

Die wirtschaftliche Dimension folgt direkt auf diese Zahlen. In der Gruppe der emotional Belasteten erwägen 74 Prozent einen Abbruch ihrer Ausbildung. Für Betriebe entsteht daraus nicht nur ein Recruiting-Problem, sondern ein Produktivitäts- und Planungseffekt: 62 Prozent der Unternehmen sehen die Produktivität beeinträchtigt. Der Ausbildungsabbruch verursacht laut Studie durchschnittliche Kosten von 20.000 Euro. Damit wirkt psychische Gesundheit wie ein Infrastrukturthema – vergleichbar mit Fachkräfteplanung oder Schichtmodellen – und nicht wie ein „weiches“ Zusatzangebot. Wer Betroffene früh unterstützt, reduziert Folgekosten, verbessert die Stabilität im Team und entlastet Führungskräfte.

Auch jenseits des Ausbildungsumfelds zeigt sich die Bandbreite psychischer Belastungen deutlich. Traumata reichen in der Praxis von individuellen Kriegsschicksalen bis zu Naturkatastrophen. Für ein konkretes Beispiel wird ein ukrainischer Kriegsveteran genannt, der in Hamburg medizinisch betreut wurde: Neben schweren körperlichen Verletzungen mit 20 Granatsplittern im Körper und einem gelähmten Arm leidet er unter posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) sowie unter epileptischen Anfällen. Auf globaler Ebene geraten psychologische Nothilfe und Schutzkonzepte zusätzlich unter Druck, wenn Ereignisse zugleich hochgradig traumatisierend und medial präsent sind. Nach der Flutkatastrophe in Nepal – sie forderte über 1.000 Todesopfer – richtete eine Hilfsorganisation Schutzräume für Kinder mit Angstzuständen und Schlafproblemen ein.

Besonders viel Aufmerksamkeit verdient dabei der Mechanismus der Reizüberflutung durch Bilder. Im Kontext der Katastrophe warnte Wolfgang Petroll vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) vor einer psychischen Überforderung durch Echtzeitbilder. Solche medialen Eindrücke könnten zu „besinnungslosen Reflexen“ führen und damit eine gesteigerte kritische Urteilsfähigkeit gegenüber digitalen Wirklichkeitsderivaten erfordern. Eine ähnliche Richtung findet sich bei Langzeitfolgen nach Epidemien: Laut Berichten im September 2026 leiden 25 Prozent der Genesenen nach Ebola im Kongo unter PTSD; Untersuchungen werden zudem mit 50 Prozent Stigmatisierung und 40 Prozent erlebten Trennungen in Verbindung gebracht. Für Organisationen heißt das: Psychische Resilienz lässt sich nicht nur durch Einzelgespräche stabilisieren, sondern braucht auch ein belastungsarmes Umfeld und verlässliche Übergänge.

Im nächsten Schritt verschiebt sich der Blick auf Arbeitsplatz und Führung. Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern wird als zentrale Aufgabe moderner Führung beschrieben – etwa durch psychologische Sicherheit und echtes Vertrauen. Gleichzeitig wird das Thema Prävention ausgebaut: Ein Aktionstag des Jüdischen Krankenhauses Berlin am 02.09.2026 adressierte digitale Gewalt und richtete sich an medizinisches Personal. Als Hintergrund werden Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) aus dem Jahr 2024 genannt: knapp 30.000 Opfer digitaler Gewalt; über die Hälfte seien Frauen gewesen, und jeder sechste Fall habe sich innerhalb von (Ex-)Beziehungen ereignet. Parallel treibt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe Aufklärung über schwere Depressionen voran; der Psychiater Ulrich Hegerl beschreibt dabei das Gefühl der Gefühllosigkeit, das mit einer „inneren Versteinerung“ einhergehen kann. Ergänzend erweitern wissenschaftliche und literarische Zugänge das klinische Bild, etwa über das Kriminalitätsfurcht-Paradox, bei dem subjektive Angst unabhängig von der objektiven Sicherheitslage bestehen kann.

Für Entscheiderinnen und Entscheider ergibt sich daraus ein klares Bild: Psychische Gesundheit ist inzwischen ein Querschnittsthema zwischen Versorgung, Ausbildung, Führung und Prävention. Die Zahlen zur Ausbildung zeigen den Hebel frühzeitig, die Berichte zu Trauma-Folgen zeigen das Langzeitrisiko, und die Hinweise zur medialen Reizverarbeitung machen deutlich, dass auch Informationsumgebungen psychisch wirksam sind. Wer Führung, Prozesse und Unterstützungsangebote als zusammenhängendes System behandelt, kann sowohl Belastung reduzieren als auch wirtschaftliche Risiken wie Ausbildungsabbrüche verringern. Damit wird Psychologie in Organisationen nicht nur „menschlich“, sondern zugleich planungs- und betriebsrelevant – mit messbaren Effekten.


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