CHICAGO / LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Deli in Chicago wurden die Menüs im Spätsommer durch KI-generierte Bilder ersetzt. Die abgebildeten Sandwiches wirken zwar hyperrealistisch, zeigen aber wiederholte Texturen, die gleichzeitig echt und aggressiv falsch wirken. Betroffene berichten von Übelkeit, sinkendem Appetit und dem Gefühl, die Bilder nicht einfach ignorieren zu können. Dahinter steht offenbar ein psychologischer Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung – verstärkt bei Trägern von Trypophobie.

Werbung mit KI-Bildern ist längst keine Randerscheinung mehr, aber die Menüs, die aktuell durch generative Bildsysteme ersetzt werden, treffen offenbar einen besonders empfindlichen Nerv: das menschliche Erkennen von Lebensmitteln. In Chicago fielen einem Anwohner im Spätsommer gleich mehrere Punkte auf einmal auf – nicht nur, dass Fotos von Sandwiches durch KI-Visuals ersetzt worden waren, sondern auch, dass die Darstellungen „hyperrealistisch“ wirken und zugleich etwas haben, das nicht stimmt. Im konkreten Fall wurden die Speisen auf einem Bildschirm über dem Tresen so dargestellt, dass wiederholte Texturen sichtbar wurden, die sich „aggressiv fake“ anfühlen. Für Chris Murphy war die Reaktion so stark, dass er die Bilder als „just so viscerally disgusting“ beschreibt und sogar von einem Unterdrücken des Appetits berichtet; Kollegen reagierten derart abweisend, dass sie ihn baten, die Bilder entfernen zu lassen.
Technisch betrachtet ist der Effekt gut erklärbar: Moderne KI-Generatoren können in der Regel sehr schnell plausible Oberflächen erzeugen – damit sind sie bei Formen, Farben, Beleuchtung und scheinbarer Materialität oft überzeugend. Genau darin liegt aber das Problem, wenn die Bilder nie wirklich zu einem „echten“ Foto passen, das im Ladenalltag entsteht. Wiederholungsmuster, unnatürliche Geometrien oder Mikrodetails, die für die reale Herstellung untypisch sind, können entstehen, wenn ein Modell besonders „fotografisch“ wirken soll, aber keinen authentischen Bildentstehungsprozess nachbildet. Bei Menü-Designs kommt dann noch die Erwartung hinzu, dass Essen nicht nur schön aussehen soll, sondern verlässlich Informationen liefert: Was bekomme ich, wie groß ist es, wie sieht es wirklich aus? Wenn die Abbildung trotz hoher visueller Qualität nicht in diese Erwartungslogik passt, wird aus „Marketing“ eine irritierende Unsicherheit – und die wird von vielen als Ekel oder Unbehagen beschrieben.
Dass sich das Thema gerade jetzt so schnell verbreitet, hat auch eine Marktkomponente. Laut dem Bericht wird „AI food slop“ als Begriff für diese Art von generierten Anzeigen diskutiert; Social-Media-Beiträge sammeln dabei die Bilder „aus der Wildnis“, also direkt von Schaufenstern, Speisekarten und Restaurant-Umgebungen. Dabei zeigt sich eine doppelte Dynamik: Einerseits empfinden viele Zuschauer Abwehr oder körperliches Unbehagen, andererseits sorgen gerade die scheinbar „fast richtigen“ Darstellungen für Aufmerksamkeit. Psychologisch läuft das auf einen Konflikt hinaus, den die Psychologin Stephanie Sarkis im Bericht mit dem Zusammenspiel aus Annäherung und Vermeidung beschreibt: Wenn Bilder fast real wirken, aber klar als falsch erkennbar sind, bleibt das Gehirn im Deutungsversuch hängen. Es kann demnach gleichzeitig den Impuls geben, wegzusehen – und doch „noch einmal hinzuschauen“, weil die Wahrnehmung nach Erklärung sucht.
Besonders drastisch ist die Reaktion offenbar bei Menschen, die unter Trypophobie leiden. Im Bericht wird Trypophobie nicht nur als Angst vor kleinen, wiederholten Löchern beschrieben, sondern als Reizmuster, das auch bei anderen wiederholten Texturen oder Mustern anspringen kann. Wenn ein KI-Bild genau diese Art von Wiederholung in den Vordergrund setzt – zum Beispiel in Belägen, Glasuren, Käsestrukturen oder in Schattenverläufen – kann die visuelle Fehlpassung körperliche Stressreaktionen auslösen. Sarkis wird außerdem mit einer theoretischen Erklärung zitiert: Das Gehirn interpretiert solche Muster als potenziell gefährlich (etwa im Sinne von Kontamination, Krankheit, Verfall oder Parasiten) und will sie prüfen. Wenn die Prüfung jedoch keine echte Entwarnung bringt, bleibt die Reaktion bestehen oder kann sogar intensiver werden; zusätzlich wird betont, dass solche „unnatürlichen“ KI-Bilder die Erwartung beschädigen, dass erkennbares Essen biologisch plausibel sein sollte.
Aus Sicht des Marketings entsteht damit ein Spannungsfeld, das sich nur schwer mit klassischen A/B-Tests allein lösen lässt. Denn selbst wenn generative Anzeigen Aufmerksamkeit erzeugen, ist Aufmerksamkeit nicht automatisch Umsatz. Emily Hawkes, eine professionelle Food-Photographer aus New York, argumentiert in dem Bericht genau in diese Richtung: Ihre Erfahrung aus der Branche zeigt ihr, dass die Bilder für „geschulte Augen“ oft sofort als KI-Optik durchscheinen. Gleichzeitig sei es schwer vorstellbar, dass Restaurantbetreiber erwarten, diese Darstellungen seien appetitlich. Hawkes beschreibt die Bildwirkung als etwas, das man „in den Knochen“ spürt: Es gibt einen Fehler im Eindruck, auch wenn man ihn nicht sofort präzise benennen kann. Für sie ist die Kernaufgabe von Food-Fotografie, das Essen realistisch – und zugleich so, dass es wirklich lecker wirkt – abzubilden, statt lediglich „irgendeine“ Version von Sandwich-Optik zu generieren.
Für Unternehmen hängt daran aber mehr als nur Geschmack: Es geht um Vertrauen in Qualität. Murphy bringt diese Sorge im Bericht als „slippery slope“ auf den Punkt – zunächst dringt KI in die Bildwelt der Speisekarte ein, anschließend könnte sie auch in Rezepte und Prozesse übergehen, etwa wenn man auf KI-generierte Vorschläge setzt. Die eigentliche Befürchtung ist weniger die Technik an sich, sondern der Eindruck, dass die Qualität der Speisen abnimmt, wenn die visuellen Stellvertreter nicht mehr als glaubwürdig wahrgenommen werden. Hawkes formuliert das ebenfalls als Glaubwürdigkeitsproblem: Ein Foto mit dem Smartphone sei oft besser, weil es „dein Essen“ zeigt und nicht das, was ein Modell „sich ein Sandwich vorstellt“.
Für die Praxis lassen sich daraus einige Handlungsrichtungen ableiten, ohne dass man KI als Werkzeug pauschal verteufeln müsste. Wenn der Stress bei Kunden bereits sichtbar ist, sollte die Teststrategie nicht nur Metriken wie Klickrate oder Verweildauer messen, sondern auch qualitative Reaktionen und interne Vor-Ort-Eindrücke einbeziehen. Der Bericht nennt als Sofortmaßnahme im psychologischen Kontext auch Ablenkungs- und Grounding-Ansätze, etwa das bewusste Wahrnehmen von Dingen, die man hört, sieht und berührt; das ist vor allem für Betroffene relevant, zeigt aber zugleich, wie stark die Bildreize wirken können. Gleichzeitig gibt Hawkes konkrete Alternativen: Wenn professionelle Fotografie zu teuer ist, können Unternehmen mit studentischen Fotografen arbeiten, Inhalte über Tauschmodelle erstellen oder über Tutorials eine DIY-Schiene fahren – also auf Produktionsrealität statt Generationsillusion setzen. Genau das könnte in der nächsten Phase entscheidend sein: KI in der Gastronomie wird nur dann dauerhaft funktionieren, wenn sie die Wahrhaftigkeit des Produkts unterstützt, statt sie durch „visuell plausibel, aber biologisch schräg“ zu untergraben.
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