ONTARIO / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Gericht in Ontario hat eine Sammelklage gegen Galaxy Digital und seinen Gründer Mike Novogratz zur Verhandlung zugelassen. Grundlage sind Feststellungen, dass Anleger über Risiken bei Luna und TerraUSD nicht ausreichend aufgeklärt worden sein sollen. Parallel ordnet das Urteil die Kommunikation rund um die beiden Krypto-Assets als gezieltes Promoting ein. Für Galaxy eröffnet sich damit ein Prozess, in dem es zwischen Berufung, Vergleich und Verteidigung wählen kann.

Das Urteil aus Ontario betrifft weniger die technische Frage, warum Luna und TerraUSD so schnell kollabierten, sondern vor allem die Informationslage für Anleger. Ein kanadischer Richter hat die Hürde für eine Sammelklage genommen und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Prozess über mögliche irreführende Angaben tatsächlich vor einem Gericht landet. Damit verschiebt sich der Fokus im Krypto-Kontext spürbar: Es reicht künftig nicht mehr, dass ein Projekt wirtschaftlich „funktioniert“, wenn die Darstellung gegenüber dem Markt Lücken hat oder Risiken nicht offenlegt.
Im Kern geht es um die Frage, ob Galaxy Digital und Mike Novogratz Anleger aggressiv zum Kauf und Halten von Luna sowie TerraUSD ermutigt haben, ohne die relevanten Risiken sauber zu adressieren. Das Gericht verweist dabei auf konkrete Umstände rund um die Kursentwicklung: Beide Tokens verloren innerhalb einer Woche ihren Wert auf null, was laut den Angaben im Urteil Investitionen im Umfang von ungefähr 40 Milliarden US-Dollar vernichtete. Gleichzeitig fielen die an der Toronto Stock Exchange gehandelten Galaxy-Aktien um mehr als 40 %, wodurch der Börsenwert des Unternehmens um rund 2 Milliarden US-Dollar schrumpfte. Für die Sammelklage ist diese Kombination aus Kommunikationsverhalten und anschließendem Totalausfall deshalb bedeutsam, weil sie den Bezug zwischen Marktauftritt und potenziellen Anlegerverlusten herstellen soll.
Technisch betrachtet bleibt die Blockchain-Logik dabei im Hintergrund; juristisch steht jedoch das „Wie“ der Vermarktung im Vordergrund. Das Urteil beschreibt Novogratz als prominenten Identifikationspunkt der Marke („Galaxy war Luna“) und nimmt dabei auch öffentlich sichtbare Signale auf. Erwähnt wird unter anderem ein Social-Media-Post mit einem Schultertattoo, der „Luna“ in Verbindung mit einem Wolfszeichen zeigt, plus die Begleitbotschaft. Noch gewichtiger ist die Begründung, dass die Kommunikation nach Einschätzung des Richters weniger der Aufklärung diente als der Preis- und Wahrnehmungsförderung. Zusätzlich taucht ein Textnachricht-Zitat aus der internen Kommunikation auf, in dem Mitarbeiter Luna als schwer verständlich und als Gemisch aus „finanzieller Ingenieurskunst“ statt Substanz charakterisieren.
Für das Prozessrisiko von Galaxy ist entscheidend, dass das Gericht nicht nur auf eine aus seiner Sicht unvollständige Offenlegung abstellt, sondern auch auf den Charakter der möglichen Aussagen. In der Begründung heißt es, dass sich nicht überzeugend vertreten lasse, Galaxy habe keine irreführenden Weglassungen und/oder aktive Fehlrepräsentationen enthalten. Das ist eine andere Logik als ein reines „Fehler passieren“-Narrativ. Das Urteil legt nahe, dass der Unterschied zwischen Marktkommentar und riskanter Vermarktung in der Wahrnehmung des Gerichts besonders scharf gezogen wird, sobald Kommunikation geeignet ist, Investitionsentscheidungen zu beeinflussen. Damit bekommen Compliance-Teams in Krypto-nahe Software- und Plattformunternehmen eine harte Analogie: Auch wenn ein Token technisch aus einem Smart-Contract-Ökosystem besteht, wird die Darstellung für Anleger wie bei traditionellen Finanzprodukten bewertet.
Der Fall ordnet sich zudem in eine breitere Ereigniskette ein. Laut dem Urteil wurde Luna- und TerraUSD-Entwickler Do Hyeong Kwon in New York zivilrechtlich wegen Verstößen gegen US-Betrugsbestimmungen im Wertpapierrecht von einer Jury haftbar gemacht. Gleichzeitig laufen gegen ihn nach Angaben der US-Staatsanwaltschaft Bundesstrafverfahren, wobei die Vorwürfe darauf abzielen, dass mehrere Krypto-Projekte darauf ausgelegt gewesen seien, die Öffentlichkeit zu täuschen und eine Scheingeschäftigkeit sowie exponentielles Wachstum vorzutäuschen. In einem weiteren Schritt haben Galaxy und verbundene Einheiten im März 2025 eine Einigung über 200 Millionen US-Dollar zur Beilegung einer Untersuchung durch die Generalstaatsanwaltschaft in New York vereinbart. Diese parallelen juristischen Stränge machen deutlich, dass Gerichte in unterschiedlichen Jurisdiktionen ähnliche Maßstäbe an Informationspflichten anwenden, sobald Investments mit Kapitalmarktmechanismen verknüpft werden.
Für Galaxy eröffnet das Urteil jetzt mehrere Optionen. Da die Zertifizierung der Sammelklage erfolgt ist, kann das Unternehmen nach der Entscheidung entweder in die Berufung gehen, eine vergleichsweise Einigung verhandeln oder sich auf eine gerichtliche Verteidigung einstellen. Gleichzeitig bleibt die Strategie auch für die Entwickler- und Produktseite relevant: Wer KI-gestützte Analyse, Social-Media-Automatisierung oder Vertriebs-Workflows für Krypto-Angebote betreibt, muss sicherstellen, dass auch automatisierte Inhalte, Marketing-Skripte und „Campaign“-Logiken nachweisbar konsistente Risiko-Informationen enthalten. Denn im Prozess zählt nicht nur, was technisch implementiert ist, sondern wie es gegenüber dem Markt kommuniziert wurde und welche Abweichungen zwischen interner Einschätzung und öffentlichem Messaging erkennbar sind.
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