LONDON (IT BOLTWISE) – Der „Tagesspiegel“ setzt nach einem KI-Zwischenfall wieder auf den ehemaligen Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff. Im Juni hatte die Chefredaktion ihn zunächst von seiner Tätigkeit freigestellt und frühere Texte offline genommen, nachdem bekannt wurde, dass mehrere Kommentare von KI verfasst worden waren. Casdorff räumte ein, die Nutzung nicht ausreichend kenntlich gemacht zu haben, und entschuldigte sich. Laut Medienhaus nimmt er nun zunächst Moderationen wahr, später soll auch gelegentliches Schreiben wieder möglich sein.

Der „Tagesspiegel“ fährt nach dem öffentlich gewordenen KI-Vorfall eine neue Linie im Umgang mit Autoren, die KI beim Textentwurf nutzen. Nachdem die Chefredaktion im Juni Stephan-Andreas Casdorff aufgefordert hatte, seine publizistischen Aktivitäten für die Zeitung bis auf Weiteres ruhen zu lassen, wird Casdorff nun wieder in die Redaktion integriert. Wie das Medienhaus bestätigte, nimmt er seine Arbeit wieder auf – zunächst allerdings mit einem klar begrenzten Aufgabenprofil, das eher auf redaktionelle Steuerung als auf eigenständiges Schreiben hinausläuft.
Auslöser war laut Darstellung der Chefredaktion, dass Casdorff mehrere Kommentare mithilfe von Künstlicher Intelligenz verfasst hatte. Ein Beitrag auf der Website des Hauses, der die Situation adressierte, verwies darauf, dass die Beiträge von einer KI schreiben gelassen worden seien. Als Konsequenz stoppte die Redaktion zunächst die Veröffentlichung von Texten des 67-Jährigen; die betroffenen, älteren Artikel wurden „bis zum Abschluss der genauen Prüfung“ offline genommen. Diese Abfolge zeigt, wie stark sich klassische Redaktionsprozesse durch KI-gestützte Workflows verändern: Nicht nur der Inhalt zählt, sondern auch die Nachvollziehbarkeit, ob und wie KI in den Schreibprozess eingebunden war.
Casdorff selbst machte die Vorwürfe nicht zu einem juristischen Streitpunkt, sondern rückte die eigene Verantwortung in den Mittelpunkt. In einem unter der Überschrift „In eigener Sache“ zitiert der Beitrag ihn mit der Aussage, er habe für die Texte KI genutzt, das hätte er kenntlich machen müssen und sie deswegen nicht publizieren dürfen. Er spricht dabei ausdrücklich von einem „Riesenfehler“, betont, dem Haus geschadet und sich damit selbst in eine problematische Lage gebracht zu haben, und formuliert eine Entschuldigung. Die Sprecherin des Medienhauses ordnet das Geschehen anschließend als Prozess mit „eingehenden Gesprächen“ ein und stellt heraus, Casdorff habe von Anfang an eingeräumt, einen Fehler gemacht zu haben.
Technisch betrachtet liegt in solchen Fällen weniger ein „KI-gegen-Redaktion“-Konflikt als vielmehr in der Lücke zwischen Modell-Assistenz und journalistischer Pflicht zur transparenten Arbeitsweise. Sobald KI-Systeme bei der Erstellung von Textentwürfen eingesetzt werden, braucht eine Redaktion Regeln, die nicht nur den finalen Artikel betreffen, sondern den gesamten Produktionspfad: von Prompting und Entwurf über redaktionelles Lektorat bis zur Veröffentlichung. Genau dort entstehen typischerweise die Risiken, wenn Kennzeichnung und Prüfmechanismen nicht eindeutig greifen. Der „Tagesspiegel“ versucht diese Lücke nun zu schließen, indem er Casdorff zunächst in eine Rolle bringt, in der Moderationen im Vordergrund stehen und das Schreiben nur in einem späteren Schritt wieder hinzukommen soll.
Für die Branche ist das Signal deutlich: Die Rückkehr in den Publikationsbetrieb erfolgt nicht automatisch mit dem Ende eines Konflikts, sondern oft gestuft nach der Frage, wie ein Autor KI künftig nachweisbar und regelkonform einsetzen wird. Der Editor-at-Large, der seit 1999 für das Blatt arbeitet und von 2004 bis 2018 gemeinsam mit Lorenz Maroldt die Chefredaktion innehatte, kennt die Mechanik solcher Häuser. Zugleich zeigt der Fall, dass selbst erfahrene Redakteure unter dem Druck neuer Schreibtechniken stehen: KI kann schneller formulieren, aber sie macht den Prozess weniger sichtbar, wenn Nachweise und Kennzeichnungen fehlen. Indem das Medienhaus Casdorff zunächst auf Moderationen festlegt, verknüpft es die Wiederzulassung mit einer geringeren Varianz im Publikationspfad.
Markt- und Compliance-Nachfrage entsteht dadurch in vielen Redaktionen parallel: Geschäftsführungen und Chefredaktionen wollen einerseits Geschwindigkeit und Skalierung durch KI-gestützte Tools, andererseits aber glaubwürdige Transparenz für Leser und interne Prüfketten. Der nächste Schritt wird daher weniger in der Frage liegen, ob KI genutzt wird, sondern wie verlässlich sich der Einsatz dokumentieren lässt und wie die Redaktion zwischen Entwurfshilfe und inhaltlicher Autorschaft unterscheidet. Dass der „Tagesspiegel“ für Casdorff zunächst Moderationen und später „gelegentliches Schreiben“ vorsieht, wirkt wie eine pragmatische Übergangsform: Er hält das Know-how des Hauses im Betrieb, reduziert aber zunächst die Stellen im Prozess, an denen Kennzeichnungspflichten besonders sensibel sind.
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