DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Kunstsammlung NRW (K20) startet am 12. September eine große Ausstellung mit mehr als 120 Werken von Franz Marc. Die Schau zeigt Gemälde und Paperarbeiten des Mitbegründers der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ und verfolgt seinen Weg von späteindrucklichem Kolorit bis zur kubistisch inspirierten Abstraktion. Den Auftakt bildet bereits die Ankunft großer Transportkisten aus internationalen Häusern wie dem Guggenheim Museum und dem MoMA. Im Zentrum steht dabei der Titel „Die Suche nach einer besseren Welt“ – als Spiegel einer Sehnsucht nach Harmonie, die Marc selbst umtrieb.

Wer Franz Marc nur über die berühmten „blauen Pferde“ kennt, bekommt in Düsseldorf einen breiteren Blick auf das Werk, als es ein einzelnes Motiv je leisten könnte. In der Kunstsammlung NRW (K20) werden ab dem 12. September mehr als 120 Gemälde und Paperarbeiten gezeigt, darunter Arbeiten, die selten den Standort wechseln. Damit wird die Ausstellung zu einer Art Werkstattdurchlauf: Sie macht sichtbar, wie Marcs Tierdarstellungen nicht beim Dekor stehen bleiben, sondern sich über mehrere Stilphasen hinweg von einer beobachtenden Bildwelt zu einer zunehmend verdichteten, manchmal fast existenziellen Bildsprache entwickeln.
Technisch betrachtet ist es weniger die „Buntheit“ an sich, die Marcs Bildsystem so präzise macht, sondern die Art, wie Farbe in seinen Arbeiten Bedeutung organisiert. Das lässt sich besonders gut an seinem frühen Weg festmachen: Zwischen 1904 und 1914 entstanden insgesamt nur 244 Gemälde, ergänzt um etwa ähnlich viele Aquarelle und Zeichnungen. Diese vergleichsweise geringe Gesamtzahl ist zugleich ein Grund, warum jede Präsentation so sorgfältig kuratiert wirken muss. In Düsseldorf wird Marcs Entwicklung entlang einer klaren Dramaturgie erzählt: von späteindruckistischen Werken über die bekannten Tierbilder bis hin zu kubistisch inspirierten Phasen, in denen die Darstellung immer stärker in eine vollständige Abstraktion übergeht.
Auch inhaltlich arbeitet die Ausstellung mit einer Spannungsachse zwischen Frieden und Bedrohung – und sie macht das nicht nur über spätere „Welten“-Metaphern greifbar. Marcel Marcs Biografie verleiht der Dramaturgie zusätzlichen Druck: 1916 starb der Künstler mit nur 36 Jahren in Verdun. Gerade deshalb fällt auf, dass er selbst auf dem Schlachtfeld noch zeichnend tätig war, jedoch ohne das Kampfgeschehen oder den Tod zum Fokus zu machen. Stattdessen erscheinen friedlich grasende Pferde, Rehe und Schwalben in seinen Bildern, als halte sein Blick eine andere Ordnung dagegen. Dieses Motiv einer inneren Gegenwelt spiegelt sich später auch in den letzten Gemälden, in denen Tiere immer stärker in den Hintergrund rücken und die Kompositionen zunehmend „abgelöst“ wirken.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg wird in der Schau über eine konkrete biografische Station greifbar. Schon 1913 führte ihn eine Reise in das politisch zerrissene Südtirol aus einer früheren, noch eher harmonischen Landschaftsvision heraus. Aus diesen Eindrücken wurden dystopische Szenerien: Einsame, ausgemergelte Tierkreaturen prägen die Bildatmosphäre, nicht mehr die stille Idylle. In der Kunstvermittlung der Schau wird daraus ein behutsamer Brückenschlag in die Gegenwart gezogen, insbesondere über den Ausstellungstitel „Die Suche nach einer besseren Welt“. In dem Motiv steckt weniger eine historische Floskel als ein zeitgenössischer Resonanzraum: Ein Ort der Harmonie und Ruhe, der sich vielleicht nur als Idee festhalten lässt, weil die reale Welt diesen Zustand nicht liefert.
Im Raum zeigt sich diese Idee dann nicht als Konzeptwand, sondern über die Vielfalt der Tierwelt, die Marc in Düsseldorf versammelt. Besucherinnen und Besucher treffen dort auf leuchtende Darstellungen von Pferden, Kühen, Katzen und Hunden, aber auch auf Rehe und weitere Motive, die Marcs intensives Interesse an wiederkehrenden Bildtypen belegen. Daneben finden sich Frauenakte; auch hier lässt sich der Einfluss von Paul Gauguin erkennen, was die Ausstellung in einen größeren europäischen Kontext stellt. Die Mischung aus ikonischen Tiermotiven und Aktstudien verhindert dabei eine Reduktion auf „nur“ eine Bildsignatur. Wer sich auf die Ausstellung einlässt, erlebt Marcs Versuch, Bildgegenstände in ihrer inneren Logik zu transformieren – von beobachtbarer Natur hin zu einem inneren, zunehmend abstrakten Weltbild.
Der internationale Charakter der Präsentation unterstreicht zugleich, wie sehr Marcs Werk bis heute als Referenzpunkt funktioniert. Die Kunstsammlung berichtet, dass aus Madrid, Chicago und Washington sowie aus dem Guggenheim Museum und dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York bereits große Transportkisten eingetroffen sind. Gerade weil die Leihgaben nach Angaben der Sammlung äußerst selten auf Reisen geschickt werden, wird der Besuch für Sammler und Fachpublikum besonders relevant: Es geht nicht nur um Sichtbarkeit, sondern um das seltene Zusammentreffen einzelner Werkgruppen. In der Praxis führt so ein Setup oft zu einer anderen Art von Rezeptionsqualität: Farben und Pinselduktus wirken in direkter Nachbarschaft stärker, Stilbrüche werden nachvollziehbar, und Übergänge zwischen Tierbildphase und abstrahierender Verdichtung lassen sich deutlicher „lesen“.
Für Kultur- und Bildungseinrichtungen ist die Ausstellung zudem ein Beispiel dafür, wie sich ein klassisches Avantgarde-Thema in ein aktuelles Publikum übersetzen lässt. Die Schau endet nicht bei kunsthistorischem Faktenwissen; sie nimmt vielmehr die Frage nach dem „besseren Ort“ ernst, die Marc offenbar ebenso umtrieb wie seine Zeitgenossen. Das zeigt sich auch an den genannten Reaktionen: Wenn Menschen beim Gedanken an Marc sofort die blauen Pferde im Kopf hätten, dann ist das zwar verständlich – wird hier aber nicht als Endpunkt behandelt, sondern als Einstieg in ein größeres Panorama. Dass die Ausstellung vom 12. September bis zum 24. Januar 2027 in Düsseldorf zu sehen ist und anschließend vom 26. Februar bis zum 4. Juli 2027 im Kunstmuseum Bern gezeigt wird, verlängert den Wirkungsradius. Für Besucher entsteht dadurch ein zweistufiger Nutzen: erst die lokale Dichte, dann die Chance, die Bildentwicklung noch einmal in einem anderen Ausstellungssetting nachzuverfolgen.
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