DARMSTADT (DEUTSCHLAND) / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach fast acht Jahren im inneren Sonnensystem hat BepiColombo das Mercury Transfer Module erfolgreich abgetrennt. Damit fliegen der europäische Mercury Planetary Orbiter und der japanische Mercury Magnetospheric Orbiter nun ohne ihren bisherigen Reiseantrieb weiter. Es folgen mehrere mehrmonatige Manöver, bevor beide Sonden ab April 2027 in den regulären Wissenschaftsbetrieb gehen sollen. Für die Mission ist das ein entscheidender Schritt hin zur präzisen Bahnführung rund um den Merkur.

Der Erfolg klingt zunächst technisch und unaufgeregt, ist aber in der Raumfahrt meist der Moment, an dem sich „Reise“ in „Ankunft“ verwandelt: BepiColombo hat das Mercury Transfer Module (MTM) nach fast acht Jahren Mission planmäßig abgetrennt. Die Abtrennung erfolgte am 3. September 2026, wie die Bestätigung per Telemetrie über zwei ESA-Tiefraumantennen in Spanien und Argentinien dokumentiert wurde. Anschließend zeigte die Auswertung einen normalen Systemzustand; parallel luden die Solarpaneele des Mercury Planetary Orbiter (MPO) die Batterien nach, ohne dass die Sonde in eine dringende Notfallkonfiguration wechseln musste. Der Vorgang ist damit nicht nur ein Meilenstein für die Hardware, sondern auch ein Nachweis, dass die Flugkontrolle die Lage- und Energiepfade nach der Trennung weiterhin stabil steuern kann.
Das MTM hatte die Sonde über nahezu die gesamte interplanetare Reise hinweg mit Strom und Ionenantrieb versorgt. Statt auf kurze, starke Schubimpulse setzt ein solcher Ionenantrieb auf lang andauernde Beschleunigungen: Die vier solarelektrischen Triebwerke ionisierten Xenon, erzeugten daraus einen vergleichsweise schwachen, aber sehr effizienten Schub und machten genau dadurch das lange Missionsprofil erst realistisch. Der letzte Schubbogen endete am 15. Juni 2026; anschließend näherte sich die Sonde zunächst auf einer freien Flugbahn ihrem Ziel. Für das Raumfahrzeug bedeutet „freie Flugbahn“ allerdings nicht „keine Rechenarbeit“: Besonders im starken Gravitationsfeld der Sonne muss Geschwindigkeit abgebaut werden, damit der Vorbeiflug nicht am Merkur vorbeischießt. BepiColombo löste das mit insgesamt neun Swing-by-Manövern an Erde, Venus und Merkur, bevor nach der MTM-Abtrennung der chemische Antrieb des MPO die weiteren Bahnkorrekturen übernimmt und später auch das Einschwenken in die Merkurumlaufbahn vorbereitet.
Die planmäßige Trennung ist deshalb nur der Auftakt einer mehrmonatigen Ankunftssequenz, die in mehreren Stufen den orbitalen „Takt“ von zwei unterschiedlichen Plattformen zusammenführt. Am 21. November 2026 sollen MPO und der Mercury Magnetospheric Orbiter (Mio) der JAXA noch gemeinsam in eine polare Umlaufbahn um den Merkur eingeschwenkt werden. Erst am 9. und 10. Dezember wird Mio vom europäischen Orbiter getrennt und auf seine eigene elliptische Bahn gebracht. Danach folgt am 16. Dezember der Abwurf des MPO Sunshield and Interface Structure (MOSIF), also des bisherigen Sonnenschutzes für den japanischen Orbiter, bevor der MPO seine Bahn schrittweise senkt. Der Zeitplan zielt darauf, dass der MPO nach aktuellem Plan am 10. März 2027 seine endgültige Umlaufbahn erreicht und der reguläre Wissenschaftsbetrieb beider Orbiter am 6. April 2027 startet. „Alles ist bis auf die Sekunde genau geplant“, sagt Christoph Steiger, stellvertretender Leiter des Flugkontrollteams am Europäischem Satellitenkontrollzentrum (ESOC) in Darmstadt.
Im Kern geht es bei BepiColombo um zwei Messperspektiven, die sich gegenseitig entlasten sollen: MPO und Mio untersuchen den innersten Planeten aus physikalisch unterschiedlichen Winkeln. Der europäische Orbiter richtet seine Instrumente vor allem auf Oberfläche und Aufbaufragen, also etwa auf Mineralogie, chemische Zusammensetzung, Topografie sowie den inneren Aufbau. Mio legt den Fokus dagegen auf das Magnetfeld, Plasma, eine mögliche dünne Atmosphäre und Staub direkt im Umfeld des Merkurs. Gerade weil der Sonnenwind das Magnetfeld und die geladenen Teilchenumgebungen überlagert, sind gleichzeitige Messungen entscheidend, um das „eigene“ Signal des Planeten von Störungen zu trennen. In der deutschen Beteiligung steuert das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt zwei Instrumente bei: das Spektrometer MERTIS sowie den Laser-Höhenmesser BELA. Sie sollen unter anderem Mineralogie, Temperaturverteilung und Topografie der Merkuroberfläche erfassen und damit helfen, die geologischen und thermischen Randbedingungen besser zu charakterisieren.
Historisch ist der Merkur ein Planet geblieben, bei dem selbst erfolgreiche Missionen viele Teilfragen offen lassen. Mariner 10 lieferte in den 1970er-Jahren erste Nahaufnahmen und bestätigte dabei unter anderem Magnetfeld und dünne Gashülle, während MESSENGER den Planeten von 2011 bis 2015 erstmals systematisch aus einer Umlaufbahn beobachtete. Trotzdem blieben zentrale Punkte nur teilweise geklärt: Dazu gehören die Entstehung des großen Metallkerns, die ungewöhnliche Zusammensetzung der Oberfläche sowie die Wechselwirkung mit dem Sonnenwind. „Aber es ließ viele Seiten leer“, sagt der Planetenforscher Sean Solomon von der Columbia University über die frühe Merkurerkundung durch Mariner 10. BepiColombo will genau an dieser Lücke ansetzen, aber eben nicht durch eine einzelne Messung, sondern durch abgestimmte Beobachtungen zweier Orbiter, die sowohl geophysikalische als auch plasma- und magnetfeldbezogene Prozesse möglichst zeitnah erfassen. Die Abtrennung des MTM ist damit nicht das „Ende der Herausforderungen“, sondern der Startschuss für die Flugphasen, in denen sich die Mission im Detail beweisen muss, bevor echte Forschungsdaten in den Vordergrund rücken.
Für Betreiber und Nutzer wissenschaftlicher Daten ist gerade die Verknüpfung aus Flugdynamik und Messfenstern die praktische Botschaft: Erst wenn die Trennung, Tests und Bahnanpassungen abgeschlossen sind, können die Instrumente ihre Zielbeobachtungen in stabiler Ausrichtung fahren. Dass die Telemetrie nach der MTM-Abtrennung einen normalen Systemzustand zeigt, schafft dabei die Voraussetzung, die nächsten Manöver ohne unerwartete Lagekorrekturen durchzusteuern. Gleichzeitig bleibt der Zeitplan eng, weil die Orbitalparameter der beiden Sonden nicht nur „irgendwie“ stimmen müssen, sondern für polare und elliptische Bahnen so ausgelegt sind, dass die Messgeometrien im Merkur-Umfeld zusammenpassen. „Das ist eine riesengroße Erleichterung“, sagt Elsa Montagnon, Leiterin des Wissenschaftsbetriebs bei der ESA. Der Schritt in die Ankunftssequenz nimmt somit eine Hürde aus dem Weg, während die entscheidenden, datenrelevanten Bahnmanöver im weiteren Verlauf der Mission erst die Grundlage für belastbare Aussagen über Kern, Oberfläche und Magnetosphäre schaffen.
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