SACHSEN-ANHALT / LONDON (IT BOLTWISE) – In Sachsen-Anhalt deuten aktuelle Wahlumfragen darauf hin, dass die AfD vorne liegt. Mehrere andere Parteien setzen dabei auf eine Strategie, die weniger von Überzeugung als von taktischer Stimmenverteilung lebt. Laut dem Institut Infratest-dimap soll die Stimmabgabe gezielt so gelenkt werden, dass eine Mehrheit ohne die AfD möglich wird. Gleichzeitig gilt: Ein zusätzlicher Schwung gegen die AfD ist bis zum Wahltermin kaum absehbar.

Die Vorzeichen für die Wahl in Sachsen-Anhalt sind in den letzten Tagen zwar nicht völlig neu, aber sie wirken deutlich gefestigter als noch vor fünf Jahren. Umfragen sehen die AfD aktuell vorn; damit rückt auch die Frage in den Fokus, wie andere Parteien überhaupt noch eine Mehrheit ohne die AfD zusammenbekommen wollen. Statt auf einen großen, stimmungsgetriebenen Effekt setzen sie nach dem bisherigen Muster auf taktische Stimmen: Wer nicht sicher ist, dass die eigene Präferenz reicht, orientiert seine Entscheidung am mutmaßlich erreichbaren Zielbild.
Damit verschiebt sich der politische Wettbewerb vom klassischen Wahlversprechen stärker in Richtung strategischer Koordination. Genau an diesem Punkt wird es für Wähler und Parteien gleichermaßen unübersichtlich: Taktisches Wählen bedeutet, dass einzelne Stimmen weniger Ausdruck einer langfristigen Bindung sind, sondern kurzfristig nach Rechenlogik verteilt werden. Das Institut Infratest-dimap führt diese Dynamik ausdrücklich auf gezielte Anti-AfD-Kampagnen zurück und beschreibt damit das Grundprinzip der Lenkungswirkung. Der Inhalt der Kampagne ist dabei weniger das unmittelbare Werben für eine Alternative, sondern das Vermeiden einer Konstellation, in der die AfD in einem Mehrheitsblock am Ende entscheidend bleibt.
Ein entscheidender Unterschied zu 2021 liegt nach den vorliegenden Erwartungen weniger in der allgemeinen Stimmungslage, sondern in der fehlenden Personenkraft, die damals als Zugpferd wirkte. Vor fünf Jahren gelang es Reiner Haseloff, nach dem beschriebenen Muster sämtliche AfD-Gegner hinter der CDU zu versammeln. Diesmal fehlt eine vergleichbare, populär getragene Schlüsselfigur. Sven Schulze erreicht demnach nicht die gleiche Strahlkraft wie sein Vorgänger, wodurch die CDU weniger allein die Rolle übernehmen kann, das Feld zu bündeln. In der Folge wird das taktische Wählen wahrscheinlicher, weil sich die potenziellen Unterstützer weniger auf einen einzigen organisatorischen Magneten verlassen können.
Auch die Prognosequalität selbst hängt an strukturellen Faktoren. Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen betont, dass ostdeutsche Wähler weniger an Parteien gebunden sind als westdeutsche. Das macht Wahlmodelle grundsätzlich anfälliger, weil die Schwankungsbreite nicht nur von kurzfristigen Ereignissen, sondern auch von der geringeren Stabilität des Partei-Brandings herrührt. Umfragen können dann eher ein Stimmungsbild abbilden, das sich in den letzten Tagen vor der Wahl noch verändern kann. Genau deshalb wirkt die aktuelle Ruhe in den Daten gleichzeitig plausibel und riskant: plausibel, weil die Lage sich stabilisiert hat; riskant, weil die letzten Tage gerade in weniger gebundenen Milieus schnell neue Bewegungen auslösen können.
Was die Zahlen inhaltlich bedeuten, zeigt sich besonders deutlich im Vergleich zu früheren Umfrageverläufen. 2021 lag die CDU in den letzten Erhebungen teils hinter der AfD und gewann anschließend mit über 16 Prozentpunkten Vorsprung. Die Institute ordnen diese Verschiebung offenbar als einen einmaligen Effekt ein, der vor allem durch den damaligen Hebel – also die beschriebenen persönlichen und mobilisierenden Faktoren – erklärbar gewesen sei. Ohne einen vergleichbaren charismatischen Ministerpräsidenten-Impuls fehlt dieser Hebel. Für Parteien, die dennoch auf taktische Stimmen setzen, bedeutet das: Sie können zwar versuchen, Stimmen umzulenken, aber sie verändern damit nicht automatisch die Grundtendenz, dass die AfD im Osten als stärkste Kraft gilt.
Hier liegt auch der Kern der politischen Botschaft, die nach den vorliegenden Einschätzungen leicht übersehen wird. Wenn die AfD als stärkste Kraft wahrgenommen wird, dann sind strategische Schritte der anderen Parteien zwar nötig, aber sie lösen nicht automatisch das Vertrauensproblem, das hinter dieser Wahrnehmung steckt. Stattdessen kopieren andere Parteien inzwischen Teile von Programmpunkten der AfD, um Stimmen zurückzuholen oder zumindest nicht noch mehr verloren zu geben. Der Preis dafür ist jedoch eine Glaubwürdigkeitsfrage: Wer Inhalte übernimmt, ohne die eigene Linie überzeugend zu erklären, riskiert, dass Wähler die Abkürzung als opportunistisch deuten. Für Entscheider bedeutet das: taktische Stimmen können kurzfristig Mehrheiten beeinflussen, langfristig aber nur dann wirken, wenn daraus eine konsistente Positionierung entsteht.
Bis zum Wahltag bleibt daher der entscheidende Punkt offen, der in solchen Lagen immer wieder über Sieg oder Niederlage entscheidet: Wie stark reagieren die Ungebundenen wirklich auf die letzte Welle der Mobilisierung? Die Einschätzung, dass ein erneuter Schub gegen die AfD nicht in Sicht ist, spricht für eine eher begrenzte Gegenbewegung. Gleichzeitig kann die kurzfristige Verteilung der Stimmen – gerade bei weniger gebundenen Wählern – den Ausschlag geben, ob am Ende eine Mehrheit ohne die AfD rechnerisch möglich wird. Für die politische Praxis heißt das: Die Parteien werden in den kommenden Stunden noch intensiver auf Wahlkampfkommunikation und Zielgruppensteuerung setzen müssen, aber ohne Gewissheit, dass aus dem Stimmungsbild auch unmittelbar eine belastbare Mehrheitsarithmetik entsteht.
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