SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Bei älteren Menschen zeigen Studien, dass drei Wirkstoffgruppen trotz geänderter Leitlinien weiterhin zu häufig eingesetzt werden: Benzodiazepine, Antibiotika bei unkompliziertem Divertikulitis und Aspirin zur primären Prävention. Besonders problematisch ist, dass Risiken mit der Zeit zunehmen und sich Entwöhnung oft nicht konsequent umsetzen lässt. Für Benzodiazepine berichten Untersuchungen bis 2024 eine Stagnation ab 2020 und steigende Werte bei den über 75-Jährigen. Bei Antibiotika bleibt der Einsatz in der Praxis fast universell, obwohl klinische Daten für viele Fälle wenig Nutzen zeigen.

Wenn medizinische Evidenz neue Risiken aufdeckt, sollte sich die Verordnung eigentlich relativ schnell anpassen. In der Realität kommt jedoch oft ein anderes Muster zum Tragen: Erkenntnisse sammeln sich über Jahre, Fachgesellschaften überarbeiten Leitlinien, und erst danach verändert sich das Verhalten in der Praxis. Genau dieses Zeitfenster – zwischen „Studien zeigen etwas“ und „Patienten profitieren davon“ – beschreibt der hier zugrunde liegende Bericht anhand von drei Wirkstoffgruppen, die bei älteren Menschen besonders häufig diskutiert werden. Im Kern geht es um einen klassischen Zielkonflikt: Medikamente lassen sich leicht starten, sind aber schwer wieder abzusetzen, wenn sich Nutzen-Risiko-Verhältnis dreht oder wenn Leitlinien nur selektiv umgesetzt werden.
Bei Benzodiazepinen, verschrieben gegen Schlafstörungen oder Angst, verschiebt sich die Bewertung vor allem deshalb, weil Nebenwirkungen im Alter stärker ins Gewicht fallen. Der Bericht nennt als zentrale Risiken eine mögliche Beeinträchtigung von Gleichgewicht, Koordination und Kognition – mit Folgen wie Stürzen, Knochenbrüchen und auch erhöhten Risiken im Straßenverkehr. Besonders heikel wird es, wenn Betroffene gleichzeitig Opioide gegen Schmerzen einnehmen, weil dann Überdosierungen wahrscheinlicher sind. Zusätzlich entsteht häufig eine physische Abhängigkeit: Wer diese Mittel länger einnimmt, muss beim Absetzen mit Entzugssymptomen rechnen. Dass sich solche Effekte nicht einfach „wegregeln“, zeigt der Blick auf Verordnungstrends: Laut einer Untersuchung in Annals of Internal Medicine sank der Anteil der Benzodiazepin-Nutzung bei Menschen über 65 von 14 Prozent (2015) auf 11,5 Prozent (2024). Auffällig ist aber die Richtung seit 2020: Der Rückgang scheint zu stocken, zugleich stieg die Nutzung bei über 75-Jährigen von 12 Prozent auf etwa 13 Prozent innerhalb von vier Jahren.
Noch deutlicher wird der praktische Hebel in spezialisierten Versorgungssettings, etwa in der Langzeitpflege. Der Bericht verweist darauf, dass dort die Abgabe der Medikamente über Apotheken mehr als verdoppelt wurde. Zudem nahmen rund ein Drittel der Anwender die Mittel länger als sechs Monate ein, was die Wahrscheinlichkeit von Abhängigkeit erhöht. Dass sich eine solche Persistenz trotz früherer Warnsignale halten kann, erklärt der gerontologische Kontext: Kliniker und Patientinnen oder Patienten gewöhnen sich an bestimmte Behandlungswege, und die Suche nach Alternativen ist aufwendig. Gleichzeitig fehlt nicht selten der organisatorische Nachlauf, der nötig wäre, um neue Evidenz in Zeitpläne, Verordnungspraxis und Gesprächsführung zu übersetzen. Für Betroffene folgt daraus eine klare Konsequenz: Ein abruptes Stoppen ohne Begleitung kann Entzugsreaktionen auslösen. Stattdessen fordert der Bericht, Benzodiazepine nur unter ärztlicher Aufsicht und in einem schrittweisen Tapering-Prozess zu reduzieren, der über Wochen läuft.
Das zweite Beispiel zeigt, wie Leitlinien gegen Antibiotika-Übergebrauch in der Realität an der Versorgungspraxis abprallen können. Für Divertikulitis – genauer für die „unkomplizierte“ Form, bei der der Verlauf meist ohne schwere Komplikationen bleibt – war über Jahre die Standardtherapie Antibiotika. Der Bericht nennt dabei vor allem Fluorchinolone wie Cipro und Levaquin sowie Amoxicillin-Clavulanat wie Augmentin. Ab 2015 empfahl die American Gastroenterological Association jedoch, Antibiotika in solchen Fällen routinemäßig nicht mehr zu verordnen; weitere Fachgruppen zogen nach. Entscheidendes Argument aus klinischen Studien: Antibiotika verbesserten bei unkomplizierter Divertikulitis die Sterblichkeit, den Bedarf an Operationen, das Auftreten von Komplikationen oder Rückfällen kaum oder gar nicht. Neben dem fehlenden Zusatznutzen betont der Bericht die „intended consequences“ im Sinne von Nebenwirkungen: Antibiotika können Notaufnahmebesuche mit Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall mitverursachen und erhöhen zudem das Risiko für die virulente C. difficile-Infektion. Ein weiterer Punkt ist die Resistenzdynamik: Je häufiger und je breiter Antibiotika genutzt werden, desto schlechter lässt sich ihre Wirkung später nutzen.
Dennoch bleibt der reale Einsatz offenbar hartnäckig. Der Bericht beschreibt eine Auswertung, in der Behandlerdaten aus rund 70.000 Besuchen in 120 Einrichtungen des Veterans-Health-Systems ausgewertet wurden: Erwartet wurde, dass sich die Antibiotika-Nutzung bei unkomplizierter Divertikulitis innerhalb von zehn Jahren deutlich reduziert. Stattdessen blieb sie in einer aktuellen Analyse nahezu universell – bei 97 Prozent der Besuche, unabhängig davon, ob Leitlinien eingehalten wurden. Interessant ist die Formulierung auf Patientenseite: Viele Betroffene hätten sich laut Bericht mit wenigen Tagen eines einfachen Fiebersenkers (wie Tylenol) und einer klaren Flüssigdiät vermutlich ähnlich gut entwickelt. Auch außerhalb der Divertikulitis gilt das Problem: Antibiotika werden dem Bericht zufolge zuweilen bei Harnwegsinfektionen ohne belastende Symptome und bei oberen Atemwegsinfekten eingesetzt, die häufig viral bedingt sind. Praktisch fordert der Bericht daher, dass Patientinnen und Patienten bei Antibiotika nach der Begründung fragen dürfen und im Zweifel „Pause“ machen können – ein Signal, das die Entscheidungskultur in der Arzt-Patienten-Kommunikation stärkt.
Drittes Beispiel ist Aspirin – allerdings mit einer anderen Logik als bei den vorherigen Wirkstoffen. Aspirin ist günstig und rezeptfrei, weshalb es leicht zur Selbstmedikation wird. Der Bericht ordnet das Problem in die Unterscheidung zwischen sekundärer Prävention und primärer Prävention ein: Wer bereits einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder eine kardiale Intervention hatte (etwa mit Stent oder Bypass), profitiert von täglicher niedrig dosierter Einnahme, um das Risiko für weitere Ereignisse zu senken. Für Menschen ohne solche Vorerkrankungen („primary prevention“) haben sich die Empfehlungen hingegen geändert: 2019 rieten American College of Cardiology und American Heart Association davon ab, Aspirin zur Prävention von Herz-Kreislauf-Ereignissen bei Personen ab dem 70. Lebensjahr einzusetzen; die U.S. Preventive Services Task Force geht sogar ab 60 Jahren weiter und warnt ebenfalls. Der Grund sind ernüchternde Nutzen-Effekte in großen Studien und gleichzeitig steigende Risiken, insbesondere für gastrointestinale Blutungen. Der Bericht verweist zudem darauf, dass mit dem Alter die Blutungsgefahr zunimmt und Aspirin selten, aber schwer, auch Hirnblutungen begünstigen kann.
Dass sich die Botschaft teilweise durchsetzt, zeigt eine JAMA-Studie: Dem Bericht zufolge sank die Aspirin-Nutzung zur primären Prävention laut National Health and Nutrition Examination Survey von 2011 bis 2023 deutlich. Trotzdem nehmen noch mehr als ein Drittel der über 70-Jährigen Aspirin dafür ein. Zwei wichtige Einschränkungen macht der Bericht ebenfalls: Erstens gibt es Untergruppen mit hohem kardiovaskulärem Risiko, in denen Aspirin auch als primäre Prävention weiterhin sinnvoll sein kann. Zweitens kann das Absetzen unter bestimmten Konstellationen – laut dem beschriebenen Hinweis – mit einem höheren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einhergehen, was die Entscheidung im Einzelfall besonders macht. Übrig bleibt als handlungsleitende Haltung ein Gesprächsschritt: Schritt eins ist laut Bericht die Diskussion mit der Hausärztin oder dem Hausarzt darüber, ob Aspirin noch „passt“, wenn sich Alter und Risikoprofil verändern. Statt auf einen einzelnen Wirkstoff zu setzen, nennt der Bericht zudem Alternativen, die in vielen Fällen besser geeignet sind, etwa Blutdruckmedikamente und Statine zur Cholesterin-Kontrolle.
Aus technologischer Perspektive lässt sich die wiederkehrende Dynamik dieser drei Beispiele als Prozessproblem beschreiben: Evidenz entsteht nicht im Verordnungsformular, sondern in Studien, die in Leitlinien übersetzt werden müssen – und anschließend in konkreten Entscheidungen, Gesprächen und Nachfassmechanismen landen müssen. Gerade bei Wirkstoffen, bei denen Absetzen ärztliche Begleitung braucht, ist „deprescribing“ organisatorisch anspruchsvoll. Unternehmen und Gesundheitssysteme, die ältere Patientendaten digital nutzen, können hier ansetzen: Entscheidungsunterstützung könnte Verordnungen an Leitlinien-Logik binden, Tapering-Pläne vorschlagen und Follow-up-Termine automatisiert nachhalten. Der Bericht liefert damit auch eine wirtschaftliche Lesart: Weniger unnötige Verordnungen bedeuten nicht nur weniger Nebenwirkungen, sondern auch weniger Notaufnahme-Episoden, weniger Folgekosten durch Komplikationen und weniger Resistenzrisiken, die später die Versorgung verteuern. Am Ende bleibt die zentrale Botschaft aber menschlich: Wer im Alter Medikamente nimmt, sollte nicht davon ausgehen, dass „einmal begonnen“ automatisch richtig ist – die richtige Frage lautet eher, ob Nutzen und Risiken heute noch zusammenpassen.
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