LONDON (IT BOLTWISE) – Geprüfte Unterlagen zeigen wiederkehrende Muster von Überzahlungen, das Einschalten von Zwischenhändlern und Verträge trotz Lieferausfällen in der ukrainischen Rüstungsbeschaffung. Die Audits der staatlichen Rechnungsprüfung und einer internen Prüfeinheit beim Verteidigungsministerium decken Probleme für die Jahre 2024 und 2025 auf. Laut den Dokumenten entstanden dadurch Schäden durch Betrug, Verschwendung und Fehlmanagement in einer Größenordnung von etwa 1,2 Mrd. USD allein im Jahr 2024. Zudem berichten die Unterlagen von fehlenden Nachweisen zu Tests und von Fällen, in denen fehlerhafte Munition Schäden im Einsatz auslöste.

Die aktuellen Audit-Dokumente zeichnen ein recht nüchternes, aber erschütternd konkretes Bild davon, wie in der Ukraine Geld und Material durch den Beschaffungsprozess fließen. Für 2024 und 2025 liegen damit Prüfpfade vor, die sonst in Kriegszeiten selten so detailliert nachvollziehbar sind: über 700 Seiten mit Finanztabellen und sachlich formulierten Kritikpunkten. Der Kern der Vorwürfe zielt nicht auf einzelne Ausreißer, sondern auf wiederkehrende Mechanismen wie überhöhte Preise, Vergaben an Firmen mit vorherigen Lieferproblemen und Verträge, die statt Direktbezug über Zwischenhändler laufen.
Technisch und organisatorisch hängt das Problem dabei eng mit dem Rollenmodell der Beschaffung zusammen. Viele Einkäufe sollen über Intermediäre erfolgt sein, die typischerweise eine Aufschlagspanne von mindestens 3 % verlangen. Wenn ein Großteil der Volumina über solche Zwischenstufen organisiert wird, erhöht sich nicht nur der Endpreis; zugleich steigt die Komplexität der Nachweisführung, etwa bei Qualitäts- und Teststatus. Die Audits greifen genau diesen Punkt auf: Auch nachdem es im Jahr 2024 eine scharfe Kritik an solchen Geschäften gegeben haben soll, tauchen in frühen Prüfberichten 2025 erneut „lukrative“ Verträge mit Händlern auf, obwohl es dem Dokumenteninhalt zufolge günstigere Wege gab, etwa über Angebote der Hersteller direkt.
Besonders deutlich wird das Muster an der Kombination aus Überzahlung und fehlendem Liefer- bzw. Belastungsnachweis. In einem geschilderten Beispiel aus 2024 soll die Behörde für Raketen im Wert von hunderten Millionen USD einen Vertrag mit einem tschechischen Zwischenhändler geschlossen haben, obwohl es laut den Audits „signifikant“ billigere Angebote für dieselben Produkte gab, einschließlich eines direkten Herstellerangebots. Daneben nennen die Unterlagen Fälle, in denen Firmen offenbar nicht wie zugesagt liefern konnten oder Munition bereitstellten, die im Betrieb Probleme machte. In einem Fall soll eine Rakete im Startrohr explodiert sein und dabei einen Hubschrauber vom Typ Mi-8 während einer Kampfhandlung beschädigt haben; daraus sei eine strafrechtliche Untersuchung durch eine inländische Sicherheitsbehörde angestoßen worden.
Auch die Governance-Seite wirkt in den Berichten systematisch, weil die Audits nicht nur Fehler in einzelnen Vergaben benennen, sondern ein breites Versorgungsnetz mit auffälliger Historie schildern. Unter den Top-10-Auftragnehmern des Verteidigungsministeriums sollen sieben neue Geschäfte erhalten haben, obwohl sie zuvor in Verzug geraten waren oder deren Führung angeblich im Kontext von Korruptionsverfahren unter Beobachtung stand. Ein weiterer Punkt betrifft Verträge mit Firmen, die dem Prüfinhalt zufolge eine Vergangenheit mit Vertragsausfällen haben: Die Beschaffer sollen laut den Audits Vereinbarungen mit 18 solchen Unternehmen abgeschlossen haben, wobei sechs davon bei zuvor eingegangenen Verpflichtungen angeblich kein einziges Mal fristgerecht geliefert haben sollen, bevor ihnen weitere Aufträge erteilt wurden. Selbst bei Großstückzahlen – etwa bei spezialisierten Drohnen – nennen die Dokumente eine massive Lücke zwischen zugesagter Gesamtmenge und rechtzeitig gelieferten Einheiten.
Die ökonomische Konsequenz folgt dann fast zwangsläufig: Während Auftrags- und Umsatzströme für Rüstungs- und Zulieferunternehmen steigen können, entstehen für den Staat messbare Verluste. Für 2024 soll die Ukraine dem Dokumenteninhalt zufolge etwa 1,2 Mrd. USD durch Betrug, Verschwendung und Fehlmanagement verloren haben. Gleichzeitig wird beschrieben, dass armsbezogene Firmen in der Ukraine und auch weltweit von der Kriegsdynamik profitieren. Genannt werden dabei unter anderem die Börsennotiz der Czechoslovak Group als ein europäischer Akteur im Waffenbau und -handel sowie ein explosives Zulieferwerk in der zentralen Ukraine, dessen vorherige Verluste sich durch Lieferungen an die Streitkräfte während des Krieges offenbar umkehrten. Für Unternehmen im weiteren Ökosystem bedeutet das: Jeder zusätzliche Vermittlungsschritt und jedes Vertragsrisiko, das sich nicht über belastbare Tests und Nachweise absichert, schlägt sich am Ende als ungenutzte Einsatzfähigkeit nieder.
Für die Markt- und Umsetzungsseite ist zudem entscheidend, dass die Audits den Auftraggebern nicht einfach nur „mangelnde Sorgfalt“ vorhalten, sondern eine konkrete Lücke in den Kontrollpunkten beschreiben. So soll in einem Beispiel ein Zwischenhändler mit der Lieferung ungelenkter 70-mm-Luftfahrt-Raketen aus der Türkei geworben haben, während der türkische Hersteller der ukrainischen Seite zugleich signalisiert haben soll, die versprochene Stückzahl nicht bereitstellen zu können; der Vertrag sei dem Prüfinhalt zufolge dennoch geschlossen worden. Darüber hinaus wird beschrieben, dass die Streitkräfte Munition gekauft haben sollen, ohne einen Nachweis, dass die Produkte getestet wurden. Genau diese Kombination – falsche Mengenannahmen, fehlende Validierung und trotzdem die Beschaffung – erklärt, warum selbst in einem Umfeld mit hoher Dringlichkeit Qualitäts- und Lieferkettenmanagement nicht „nice to have“ ist, sondern zur operativen Sicherheitsfrage wird.
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