MONTE CARLO / LONDON (IT BOLTWISE) – Munich Re warnt trotz eines katastrophenarmen ersten Halbjahrs vor deutlich steigenden Schäden durch mittelgroße Naturereignisse wie Hagel und Feuer. Auch die zunehmende Hitze entwickelt sich nach Angaben des Rückversicherers immer mehr zum Schadentreiber und belastet Infrastruktur sowie Lieferketten. Parallel steigen laut Bericht die Cyberrisiken: 89 Prozent der Unternehmen fühlen sich gegen Cyberkriminalität nicht ausreichend geschützt. Gleichzeitig erwarten Ratingagenturen und Umfragen für 2026/2027 eher sinkende Preise in der Rückversicherung.

Munich Re warnt vor wachsenden Hagel-, Hitze- und Cyberrisiken
Munich Re warnt vor wachsenden Hagel-, Hitze- und Cyberrisiken (Foto: IT BOLTWISE)
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Am traditionellen Branchentreffen in Monte Carlo hat Munich Re die Risikolandkarte der Rückversicherer nach einem katastrophenarmen ersten Halbjahr neu vermessen: Nicht nur die großen Ereignisse prägen demnach das Schadenbild, sondern zunehmend auch mittelgroße Naturgefahren wie Hagel und Feuer. Der Dax-Konzern ordnete diese Entwicklung so ein, dass die bisher eher mit Großkatastrophen assoziierten Schadenniveaus inzwischen auch durch Ereignisse entstehen, die für Erstversicherer und Makler in der täglichen Portfoliosteuerung früher oft als „unterhalb“ der Top-Schwellen betrachtet wurden. Parallel dazu verschiebt sich die Gewichtung im Jahresverlauf: Die steigende Hitze werde immer mehr zum entscheidenden Treiber, weil sie nicht nur Schäden an Gebäudehüllen und Anlagen verursacht, sondern auch Fluten und die Belastung kritischer Infrastruktur als Ketteffekte verstärken kann.

Technisch betrachtet ist genau diese Kopplung von Wetterextremen mit systemischer Verwundbarkeit der Kern der aktuellen Warnung. Munich Re beschreibt die Folgen von Hitzewellen in den vergangenen Monaten zunehmend auch als humanitären Faktor und weist darauf hin, dass „außergewöhnlich hohe Temperaturen“ Infrastruktur ebenso beeinträchtigen wie Lieferketten der Wirtschaft. In der Schadenpraxis zeigt sich das an mehreren Wirkungskanälen: Schäden in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen sowie an Gebäuden und Anlagen werden gleichzeitig zu einer Frage der Betriebs- und Unterbrechungskosten. Der Rückversicherer macht zudem einen Punkt, der für Modellierer und Underwriter relevant bleibt: Die Kausalitität bei Hitzeschäden sei nicht immer einfach herzuleiten. Für Risikomodelle bedeutet das, dass Korrelationen zwischen Temperatur, Extremereignissen und Exponierung stärker validiert werden müssen, statt sie automatisch über lineare Annahmen zu glätten.

Während das operative Schadenbild nach diesen Angaben eher komplexer wird, deutet die Preislogik im Markt auf kurzfristige Entspannung hin. Beim Rückversicherungsschutz im Schaden- und Unfallgeschäft für Erstversicherer sei es nach immensen Prämienerhöhungen in den Vorjahren seit Anfang 2025 wieder schrittweise günstiger geworden. Für die Vertragserneuerungen seit Anfang 2026 mussten die drei Weltmarkführer Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück im Schnitt Preisrückgänge von rund fünf Prozent hinnehmen, wenn Inflation und veränderte Risiken berücksichtigt werden. Ratingagenturen dürften die Preise weiter sinken lassen; Johannes Bender von Standard & Poor’s legte den Zeithorizont entsprechend aus: „Wir glauben, dass wir 2027 eine ähnliche Entwicklung haben werden wie 2026 auf weitere Preisrückgänge hinstellen.“ Dazu passt eine Umfrage der Ratingagentur Moody’s, wonach 86 Prozent der befragten Erstversicherer weiter sinkende Preise erwarten.

Die Marktmechanik hinter diesem Auseinanderlaufen aus steigender Schadenseite und sinkenden Preisen ist vor allem Kapital- und Angebotsgetrieben. Laut Daten des Maklers Guy Carpenter stiegen die Preise für Rückversicherungsschutz ab 2017 zunächst nur in kleinen Schritten, bevor 2023 ein kräftiger Sprung folgte; ab 2025 setzte dann wieder ein Preisrückgang ein, der sich 2026 verstärkte. Ende März sei die Rückversicherungsbranche laut Angaben des Maklers Aon auf einem Kapital von fast 650 Milliarden Dollar gewesen; zusammen mit weiterem Kapital, das Anleger über Katastrophenanleihen und andere Vehikel als alternatives Kapital bereitstellen, summierte sich das gesamte Rückversicherungskapital auf den Rekordwert von 790 Milliarden Dollar. Für Erstversicherer verschiebt das die Verhandlungsmacht: Ein hohes Angebot trifft auf die Notwendigkeit, Risiken mit kalkulierbaren Deckungssummen einzupreisen. Genau deshalb wird der Marktpreis in der Praxis nicht allein durch das historische Schadengeschehen, sondern durch die verfügbare Kapazität und die Erwartungen über die nächste Erneuerungsrunde bestimmt.

Auf dieser Grundlage warnt Munich Re zugleich vor einem zweiten, unabhängig wachsenden Risikoblock: Cyber- und IT-Schäden. Der Rückversicherer sieht laut Studien, dass 89 Prozent der Unternehmen nicht ausreichend gegen Cyberkriminalität geschützt sind. Im Underwriting heißt das, dass Cyberrisiken stärker als „realer Schadentreiber“ behandelt werden müssen, nicht als Randposition, und dass Daten- und Systemrisiken in Versicherungskonzepten zunehmend mit Betriebsunterbrechung, Wiederherstellung und Folgeprozessen verknüpft werden. Munich Re spricht außerdem von großen Geschäftschancen, weil ökonomische Schäden durch Cyberrisiken im Billionen-Dollar-Bereich lägen, bisher aber nur 16 bis 17 Milliarden Dollar versichert seien. Auch der praktische Bezug ist sichtbar: Vor wenigen Tagen wurden Hacker-Daten aus der Berliner Verwaltung veröffentlicht, die nach den Angaben in Zusammenhang mit einem Cyberangriff standen; dabei ging es um 1,44 Millionen Dateien mit einem Umfang von 5,8 Terabyte. Die kriminelle Gruppe Rhysida soll dafür ein Lösegeld von 30 Bitcoin (umgerechnet rund zwei Millionen Euro) gefordert haben; der Berliner Senat habe das Lösegeld nicht gezahlt, die Ermittlungen liefen.

Damit rückt ein strukturelles Thema in den Fokus, das für IT- und Fachbereichsverantwortliche gleichermaßen relevant ist: Selbst wenn der Naturgefahren-Preismechanismus kurzfristig nachlässt, bleiben die Risikokomponenten im Geschäft komplex. Munich Re betont, dass sich Naturgefahren zunehmend zu ökonomischen Risiken entwickeln, auch wenn die Ableitung von Ursache und Wirkung gerade bei Hitzeschäden nicht immer trivial ist. Gleichzeitig zeigt die eigene Schadensicht auf „unterhalb“ der Großereignisse, wie stark sich Trendbrüche im Portfolio auswirken können: Nach einem jahrelang zunehmenden Schadentrend hätten solche Ereignisse die Versicherungsbranche 2025 rund 104 Milliarden US-Dollar gekostet (knapp 90 Mrd Euro). Als Beispiele nennt der Bericht Waldbrände in Kalifornien mit volkswirtschaftlichen Schäden von etwa 54 Milliarden Dollar und einem Anteil, den die Versicherungsbranche rund mit 40 Milliarden Dollar getragen habe, sowie zunehmende große Waldbrände in Europa, darunter Brände nahe Bordeaux, Marseille und Madrid und auch in Sizilien.

Für Unternehmen folgt daraus vor allem eine doppelte Priorisierung: Erstens müssen sie die Risikoprofile in Verträgen und internen Modellen so aktualisieren, dass mittelgroße Naturereignisse und zunehmende Hitze nicht mehr als Ausreißer behandelt werden. Zweitens rückt Cyber als Querschnittsrisiko stärker in den Mittelpunkt, weil die Versicherungslücke im Markt nach Angaben von Munich Re noch deutlich ist und weil Vorfälle wie der bei der Berliner Verwaltung zeigen, wie schnell Datenvolumen und Auswirkungen operative Relevanz gewinnen. Wenn 2026 die Preise im Rückversicherungsgeschäft im Schnitt um rund fünf Prozent zurückgingen und für 2027 weitere Preisrückgänge erwartet werden, heißt das nicht, dass die Risikokosten verschwinden. Es verschiebt sich vor allem die Verhandlungsfläche: Wer Risiken datenbasiert belegen und Exponierung glaubwürdig begrenzen kann, dürfte in den nächsten Erneuerungsrunden im Vorteil sein.


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