MONTE CARLO / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Rückversicherer melden steigende Schäden durch Hagel und zunehmende Hitze. Auf dem Branchentreffen in Monte Carlo zeigt sich: Fluten und Extremtemperaturen belasten zunehmend Infrastruktur, Lieferketten und damit auch Versicherungsportfolios. Gleichzeitig wird der Markt für Rückversicherungsschutz nach mehreren kräftigen Prämienrunden 2026 wieder preislich entspannter, wie für die Vertragserneuerungen berichtet wird. Parallel rückt das Risiko durch Cyberangriffe stärker in den Fokus, weil viele Unternehmen sich nachweislich nicht ausreichend geschützt sehen.

Hagelereignisse und anhaltend hohe Temperaturen haben sich nach Einschätzung der Rückversicherungsbranche längst von einem Randfaktor zu einem verlässlichen Treiber für höhere Schadensummen entwickelt. Auf dem traditionellen Branchentreffen in Monte Carlo ordnete ein Dax-Konzern wie Munich Re diese Entwicklung als Teil eines breiteren Musters ein: Solche Naturereignisse führen inzwischen zu Schadenniveaus, die früher vor allem mit großen Katastrophen in Verbindung gebracht wurden. Besonders deutlich wird der Trend bei Hitze, weil die Folgen nicht nur Menschen betreffen, sondern auch Infrastruktur und damit indirekt Lieferketten der Wirtschaft. In der Praxis landet dieser Effekt schnell in der Schadenbilanz von Erstversicherern – von Schäden an Gebäuden und Anlagen bis hin zu Verlusten in der Landwirtschaft sowie Belastungen im Gesundheitswesen.
Für die Rückversicherung bedeutet das zweierlei: Erstens verschieben sich die Risikotreiber im Zeitverlauf, weil sowohl Fluten als auch außergewöhnlich hohe Temperaturen in vielen Regionen häufiger und stärker auftreten. Zweitens wird die Kausalität bei Hitzeschäden laut Marktbeobachtung nicht immer so eindeutig wie bei einzelnen, klar abgegrenzten Großereignissen, was die Schadenbewertung zusätzlich erschwert. Das wirkt sich auch auf die Vertragsgespräche zur Erneuerung im Jahreswechsel aus, die in Monte Carlo traditionell parallel von Rückversicherern wie Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück mit Erstversicherern wie Allianz und Generali sowie Maklern geführt werden. Gleichzeitig folgt der Preisbildungsmechanismus in der Rückversicherung oft dem Zusammenspiel aus Marktangebot, Schadenverlauf und Kapitalausstattung – und genau dort kündigt sich nach mehreren harten Prämienrunden eine Phasenverschiebung an.
Nachdem die Prämien für Rückversicherungsschutz im Schaden- und Unfallgeschäft für Erstversicherer seit Anfang 2025 wieder schrittweise günstiger wurden, zeigt die Erneuerungsrunde ab Anfang 2026 bereits eine spürbare Gegenbewegung. Für die Vertragserneuerungen mussten die drei Weltmarktführer Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück im Schnitt Preisrückgänge von rund fünf Prozent hinnehmen, sobald man Inflation und veränderte Risiken mit berücksichtigt. Aus der Sicht von Ratingagenturen dürfte der Preisdruck weiter anhalten; Branchenexperte Johannes Bender von der Ratingagentur Standard & Poor’s erwartet für 2027 eine ähnliche Entwicklung wie 2026. In derselben Linie wird aus einer Umfrage der Ratingagentur Moody’s berichtet, dass 86 Prozent der befragten Erstversicherer weitere Preissenkungen erwarten. Für Sparten wie Wohngebäude, Industrieanlagen und Autos rechnen demnach viele sogar mit Abschlägen von mehr als 7,5 Prozent – besonders stark in den USA und der Karibik, wo Hurrikans und Wirbelstürme immer wieder Milliardenschäden verursachen.
Dass diese Verhandlungsmacht in der Rückversicherung wieder stärker bei den Erstversicherern liegt, hängt auch mit dem Kapital zusammen, das dem Markt zur Verfügung steht. Laut Daten des Maklers Aon sei die Rückversicherungsbranche Ende März auf einem Kapital von fast 650 Milliarden US-Dollar gesessen; addiert man das Geld, das Anleger zusätzlich über Katastrophenanleihen und andere Vehikel als alternatives Kapital bereitstellten, ergibt sich insgesamt ein Rekordwert von 790 Milliarden US-Dollar. Dieses Kapital ringt um Geschäft, und das hohe Angebot drückt die Konditionen – selbst wenn die Schadenentwicklung insgesamt nicht Entwarnung gibt. Parallel warnt Munich Re allerdings vor einem wichtigen blinden Fleck: Nicht nur „große“ Ereignisse zählen. Nach einem jahrelang zunehmenden Schadentrend hätten Ereignisse unterhalb von Großereignisgröße 2025 einen deutlich zweistelligen Milliardenbetrag verursacht. Für 2025 beziffert Munich Re die Kosten durch solche kleineren Naturgefahren mit rund 104 Milliarden US-Dollar (knapp 90 Mrd. Euro); als Beispiel nennt der Konzern Waldbrände in Kalifornien Anfang 2025, bei denen volkswirtschaftliche Schäden von etwa 54 Milliarden US-Dollar entstanden seien und die in dieser Kategorie den größten Wert darstellten.
Eine zweite Baustelle entsteht parallel zur Naturkatastrophen-Kalkulation: Cyberrisiken. Munich Re sieht hier nach eigenen Studien einen massiven Schutzdefizit-Block in der Unternehmenslandschaft, weil 89 Prozent der Unternehmen sich nicht ausreichend gegen Cyberkriminalität geschützt fühlen. Damit wächst für Rückversicherer auch die Chance, Produkt- und Risikoteilungsmodelle gezielter aufzusetzen – allerdings bei gleichzeitig hoher Unsicherheit, wie sich Aggregationen und Vorfälle künftig entwickeln. Laut Angaben des Vorstands liegen die ökonomischen Schäden durch Cyberrisiken im Billionen-Dollar-Bereich, versichert seien bisher jedoch nur 16 bis 17 Milliarden US-Dollar. Konkrete Schlagzeilen unterstreichen den Druck: Jüngst wurden Daten aus der Berliner Verwaltung veröffentlicht, die nach dem geschilderten Ablauf bei einem Cyberangriff erbeutet wurden – insgesamt 1,44 Millionen Dateien mit einem Umfang von 5,8 Terabyte. Die Berliner Behörden sollen kein Lösegeld gezahlt haben, die Ermittlungen dauern an. Für Versicherer und Rückversicherer ist das ein Signal, dass Schadenereignisse nicht nur häufiger auftreten, sondern auch schwerer vorhersehbar werden, etwa wenn es um Verteilung der Daten, Folgekosten und die Frage geht, wie schnell Wiederherstellung und Schadensminderung greifen.
Unterm Strich treffen bei der Rückversicherung derzeit zwei Bewegungen aufeinander, die sich gegenseitig verstärken können: Auf der einen Seite signalisiert der Markt eine abkühlende Preisphase nach Jahren massiver Prämienanpassungen; auf der anderen Seite bleibt das Risikoprofil durch Naturereignisse und Cybervorfälle dynamisch. Für Erstversicherer wie Allianz bedeutet das, dass sie Preisvorteile nutzen können, ohne ihre Risikostrategie zu verwässern. Technisch und organisatorisch rückt dadurch mehr Präzision in der Modellierung in den Vordergrund: Wie werden Hitze- und Hagelschäden abgebildet, welche Infrastrukturabhängigkeiten müssen in der Schadenkaskade berücksichtigt werden, und wie werden Cyber-Schäden über unterschiedliche Policen und Deckungsgrenzen hinweg aggregiert? Genau an dieser Schnittstelle entscheiden sich in den kommenden Erneuerungsrunden sowohl die Kosten als auch die Risikotoleranz.
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