LONDON (IT BOLTWISE) – Laut CERT Polska werden aktuell MikroTik-Geräte mit offenem SSH-Zugang aus dem Internet angegriffen. Die Ursache sind zwei RouterOS-Schwachstellen, die sich Kettenangriffen für vollständige Übernahmen eignen. CERT Polska nennt exemplarische Log-Spuren wie fehlgeschlagene SSH-Logins und das Anlegen eines sehr privilegierten Users. Betreiber sollen nicht nur patchen, sondern parallel die Router-Konfiguration aktiv auf Spuren prüfen.

Wer einen MikroTik-Router betreibt, bei dem SSH öffentlich erreichbar ist, sollte die Lage nicht als „erst nach dem Patch interessant“ einordnen. CERT Polska meldete am 5. September 2026 gleich sechs RouterOS-Schwachstellen, darunter zwei kritische SSH-Probleme, die ohne regulären Login in einen kompromittierenden Zugriff münden können. Entscheidend ist dabei die Kombination: Die erste Lücke bricht die Vertrauensannahme im SSH-Schlüssel-Handling, die zweite Lücke hebt die Privilegien in der laufenden Sitzung so an, dass aus einem anfänglichen Eindringen ein administrativer Takeover wird. Das ist weniger ein theoretisches Risiko als ein operativer Notfall, vor allem für Netzwerke, in denen Router-Fernwartung traditionell direkt aus dem Internet erreichbar ist.
Technisch lässt sich der erste Schritt hinter CVE-2026-67276 relativ gut nachvollziehen: RouterOS vergleicht beim SSH-Login offenbar nicht die vollständige RSA-Öffentlichkeitsinformation, sondern prüft zwar Schlüsseltyp und Modulus, lässt aber den Exponenten aus. Damit reicht es einem Angreifer, einen gültigen Benutzernamen zu kennen sowie den öffentlichen Modulus aus dem RSA-Schlüsselmaterial dieser Identität zu besitzen. Aus diesem Baustein kann er anschließend einen Ersatzschlüssel so konstruieren, dass ein „gültiger“ Signatureindruck entsteht, obwohl die in der Praxis entscheidende Private-Key-Verifikation ausgesetzt wird. Für Administratoren bedeutet das: Der private Schlüssel des Zielkontos spielt faktisch keine Rolle mehr, sobald der SSH-Mechanismus die Integrität der Schlüsselparameter nicht vollständig absichert.
Der zweite Teil der Kette, CVE-2026-86060, verschiebt dann den Fokus weg vom reinen Authentifizierungsproblem hin zu einem Privilege-Escalation-Weg. CERT Polska beschreibt, dass ein speziell geformter Benutzername mit einem verbotenen Startzeichen die Policy-Masken verändert und dadurch die resultierende SSH-Sitzung mit vollständigen administrativen Rechten ausstattet. In einem realen Angriffsszenario genügt dann die Abfolge beider Fehler: Ein internet-exponierter Router fällt „durch SSH allein“, wie die Beschreibung nahelegt, wenn die Kette in der richtigen Reihenfolge ausgenutzt wird. Dass hierfür kein normaler Login notwendig ist, macht die Schwachstelle zudem besonders unangenehm für Teams, die sich in ihrer Abwehr oft auf klassische Login-Fehler, MFA-Ereignisse oder Sperrmechanismen verlassen.
Spannend und zugleich gefährlich ist, wie CERT Polska die Ausnutzung zeitlich einordnet. Laut den Angaben wurden bereits echte Angriffe auf öffentlich erreichbare RouterOS-Geräte bestätigt; die frühesten Spuren datieren auf den 2. September, also drei Tage vor der öffentlichen Veröffentlichung der Details. Das Zeitfenster macht deutlich, dass die Ausnutzung nicht auf einen Bericht gewartet hat. Für die Forensik liefert CERT Polska zudem konkrete Logmuster: unter anderem ein Login-Failure für den User „-2“ über SSH sowie ein neu angelegter User „ssh: -2“ von einer Angreifer-IP. Als zusätzlicher Indikator der Kompromittierung wird ferner das Auftauchen eines sehr privilegierten Users namens „ops“ genannt. Wer jetzt nur auf Statusmeldungen wie „kein Flag gesetzt“ vertraut, könnte damit genau die Konfigurationen übersehen, die vor dem Patch schon verändert wurden.
Auf der Gegenmaßnahmenseite hat MikroTik nach eigenen Veröffentlichungen und CERT-Angaben zügig reagiert. Im Zeitraum um den 3. September sind mehrere gepatchte Releases in aktiven Kanälen und auch als Beta erschienen, darunter 6.49.21, 7.23.4, 7.24.2 sowie 7.25beta3. CERT Polska führt an, dass diese Versionen die beobachteten Angriffsversuche blockieren. Gleichzeitig ist der Abgleich mit der Realität im Betrieb entscheidend: Ein „blockierter Exploit“ ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer sauberen Konfiguration. MikroTik ergänzt in den aktualisierten Versionen offenbar außerdem ein Flagged-Mechanismus-Design: Beim Start soll RouterOS bekannte Zeichen unautorisierter Änderungen erkennen, ausgewählte verdächtige Einträge deaktivieren, eine kritische Logmeldung schreiben und das Gerät als „Flagged“ markieren. Allerdings empfiehlt CERT Polska bzw. MikroTik selbst zusätzlich, auch ohne Flag aktiv auf unbekannte Skripte, zusätzliche Nutzer oder andere Veränderungen zu prüfen – denn das Fehlen eines Flags ist kein belastbarer Beweis für Unschuld.
Damit rückt auch der breitere Kontext ins Bild. MikroTik-Geräte sind in vielen Umgebungen besonders attraktiv, weil sie für kleine Provider, Filialnetze und auch für Startups unkompliziert zu konfigurieren sind: geringe Einstiegskosten, flexible Router-Logik und eine zentrale Fernverwaltung sind klare Vorteile. Genau diese Eigenschaften sorgen aber bei einer Schwachstelle wie dieser dafür, dass ein kompromittierter Router nicht nur „einen Dienst“ betrifft, sondern selbst zur weiteren Angriffs- oder Schaltstelle wird – inklusive Schlüsselmaterial, Skripten, Proxy-Funktionen, Tunneling-Setups und Verkehrskontrolle. Historisch hatte das auch bereits Konsequenzen: In früheren Vorfällen wurde von kompromittierten MikroTik-Routern in großvolumigen DDoS-Angriffen berichtet, wobei die damalige Kompromittierung unter anderem mit älteren RouterOS-Problemen und nachgelassener Sicherheitsroutine in Verbindung gebracht wurde. Der gemeinsame Nenner bleibt: Patchen ist notwendig, aber ohne aktives Hunting nach Spuren lässt sich die eigentliche Angriffsfläche nicht schließen.
Für die nächste praktische Runde sollten Betreiber die Reihenfolge ernst nehmen: zuerst das betroffene System in eine gepatchte RouterOS-Version überführen, dann gezielt die Konfigurationsartefakte überprüfen. Konkret nennen die CERT-Details zwar einzelne Logindikatoren, aber die grundlegende Prüflogik ist breiter: User-Listen, Scheduler-Tasks, installierte Skripte, Proxy- und Tunnel-Konfigurationen sowie die Router-Fernwartungsparameter müssen so betrachtet werden, als hätte jemand bereits vor dem Patch umgestellt. Wer bei der öffentlichen Exposition von SSH bleibt, sollte zudem überlegen, welche Teile der Fernverwaltung wirklich nötig sind und wie sich Zugriffe auf die Management-Oberfläche minimieren lassen. Die Kernbotschaft bleibt dennoch einfach: Wenn SSH offen ins Internet zeigt, dann ist der Router nicht „wartet“, sondern potenziell bereits Teil eines aktiven Angriffsfensters – selbst dann, wenn die technischen Updates längst verfügbar sind.
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