LONDON (IT BOLTWISE) – Bank-of-America-Stratege Michael Hartnett empfiehlt Anlegern, Rohstoffe und Gold weiter im Portfolio zu halten. Der Fokus liegt darauf, dass Notenbanken die Anleiherenditen durch „politische Panik“ eher unten halten als schnell steigen zu lassen. Als Indikatoren nennt Hartnett unter anderem einen Yen-Kurs um 160 je US-Dollar und eine 10-jährige US-Staatsanleihe bei rund 5 Prozent. Gleichzeitig bleibt die politische Flanke Richtung US-Zwischenwahlen im November ein zentraler Unsicherheitsfaktor.

Michael Hartnett, Investmentstratege bei der Bank of America, verbindet zwei Ebenen, die an den Märkten häufig getrennt betrachtet werden: die Kursentwicklung bei Rohstoffen und Gold auf der einen Seite sowie die Frage, wie Notenbanken den Renditepfad bei Staatsanleihen steuern. Seine Kernbotschaft lautet, dass „Politische Panik wirkt“, also dass politische Reibung nicht nur kurzfristig für Schlagzeilen sorgt, sondern in der Marktpreisbildung handfeste Effekte auslöst. Für Anleger bedeutet das: Solange die durch Notenbank-Kommunikation getriebene Stabilisierung der Anleiherenditen Bestand hat, sieht Hartnett in Rohstoffen und in Gold eine robuste Strategie gegen mehrere Risiken zugleich.
Technisch betrachtet läuft das Argument über den Mechanismus zwischen Erwartungsmanagement und Renditen. Hartnett verweist auf die Beobachtung, dass die Verteidigung zentraler Marktschwellen greife, etwa wenn Währungsbewegungen und Renditekennziffern einander „unterfüttern“. In diesem Kontext nennt er konkret das Marktbild: den japanischen Yen stärker werdend, ein USD/JPY-Niveau um 160 und eine Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bei rund 5 Prozent. Zudem erwähnt er einen Erdgaspreis von etwa 4 US-Dollar je Gallone als Beispiel für den Energieteil der Rohstoffseite, der sich nicht einfach ausblendet, wenn Makrodaten schwanken.
Aus Marktsicht verschiebt sich damit der Blick von einzelnen Rohstoffen hin zu einer Asset-Allokation, die Zins- und Währungsdynamik einkalkuliert. Hartnett beschreibt, dass Notenbanken zunehmend versuchen, verlorenes Vertrauen über den Zinskurs zurückzugewinnen, damit die Anleiherenditen nicht erneut spürbar anziehen. Gleichzeitig halten die politisch Verantwortlichen laut seiner Einschätzung den nominalen Wirtschaftsboom und die Aktienhausse im Vordergrund. Genau an dieser Stelle liegt der Zusammenhang zwischen Portfolio-Realität und Makro-Story: Wenn politische Rücksichtnahme plus geldpolitische Glaubwürdigkeit die Renditen in einer Spanne stabilisieren, werden Assets, die nicht primär über den Discount-Faktor bewertet werden, für viele Investoren wieder attraktiver.
Hartnetts historischer Vergleich stützt diese Argumentation über mehrere Zyklen hinweg. Über zehn Jahre gerechnet verortet er die Rendite US-amerikanischer Aktien bei rund 15 Prozent, während Rohstoffe bei etwa 11 Prozent liegen; US-Staatsanleihen hätten im gleichen Zeitraum dagegen rund 2 Prozent Verlust gemacht. Solche negativen langfristigen Renditen seien in der Vergangenheit häufig keine Sackgasse gewesen, sondern eher ein Startsignal für kräftige Erholungen. Als Vergleichsmarken nennt er für Aktien die Jahre 1939, 1974 und 2009 sowie für Rohstoffe 1933 und 2018, jeweils in Phasen, nach denen mehrere Jahre Gegenbewegungen folgten. Für die Praxis heißt das: Die Strategie orientiert sich nicht an einem Einzelfall, sondern an der statistischen Wiederkehr von Rendite- und Erholungsmustern.
Dass seine These nicht nur auf dem Papier lebt, verankert Hartnett zusätzlich mit einem Blick auf Fondsflüsse. Für die Woche bis zum 2. September nennt er Zuflüsse in Cash-Fonds von 30 Milliarden US-Dollar, bei Anleihen kommen 18,3 Milliarden US-Dollar hinzu. Gold verzeichnete in der gleichen Woche 3,2 Milliarden US-Dollar an Zuflüssen, während Aktienfonds mit 2,8 Milliarden US-Dollar den kleinsten Wochenzufluss seit neun Wochen sahen. Bei Kryptowährungen nennt er zudem 500 Millionen US-Dollar Zufluss und beschreibt damit eine fünfwöchige Serie von zusammen 5,5 Milliarden US-Dollar sowie den stärksten Lauf seit Oktober 2025. Dieses Bild stützt die Interpretation, dass Investoren weiterhin Absicherung und Diversifikation suchen, auch wenn die Stimmung bei riskanteren Anlagen kurzfristig nicht durchgehend eskaliert.
Unverändert bleibt jedoch der politische Katalysator als Risikotreiber. Hartnett lässt die „politische Flanke“ der These offen, und genau darin liegt die operative Spannung für Anleger: Er verweist darauf, dass die Zustimmungswerte für US-Präsident Trump auf eine Spanne von 35 bis 40 Prozent gefallen seien, deutlich unter dem historischen Durchschnitt von 53 Prozent zwei Monate vor einer Zwischenwahl. Gleichzeitig würden Prognosemärkte inzwischen eine etwa 50-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Durchmarsch der Demokraten im Kongress einpreisen; falls dieses Szenario einträte, würde Hartnett zufolge ein Rückschlag von mehr als 10 Prozent bei Aktien sowie fallende Dollar- und Anleiherenditen wahrscheinlich. Umgekehrt stünde bei einem republikanischen Durchmarsch mehr Risikobereitschaft im Raum.
Für die nächste Entscheidungsphase ist damit weniger die Frage „Gold oder Rohstoffe?“ im Zentrum, sondern „welcher Rendite- und Dollarpfad gewinnt das Rennen?“. Anlegern dürfte vor allem der weitere Verlauf der US-Zwischenwahlen im November als Taktgeber dienen, weil politische Erwartungsänderungen über die Leitplanken von Zins- und Wechselkursannahmen schnell in mehrere Asset-Klassen durchschlagen. Gleichzeitig zeigt Hartnetts Ansatz, dass Gold nicht nur als klassischer Inflationsschutz gelesen werden sollte, sondern als Bestandteil einer breiteren Absicherungslogik gegen renditeseitige Überraschungen. Wer diese Korrelationen im Blick behält, kann die Strategie prozyklisch nutzen, ohne ihre Grundannahme zu verlieren: dass politische Dynamik den Zinsdruck zeitweise begrenzen kann und damit Chancen in Rohstoffen und Gold wahrscheinlicher macht.
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