LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem XRP Ledger ist das Orderbuch-Volumen im zweiten Quartal 2026 deutlich gestiegen, während die Zahl der aktiven Handelsschnittstellen stark zurückging. Gleichzeitig halbierte sich der XRP-Kurs im Jahresvergleich, obwohl die Liquidität im Handel zulegte. Daten von Evernorth deuten darauf hin, dass weniger Wallets mehr Volumen bewegen könnten – aber die Kennzahlen trennen nicht sauber zwischen echter Nutzung und nur stärkerem Handel. Für Anleger und Plattformbetreiber wird damit entscheidend, ob die Nutzerbasis bis Ende 2026 weiter schrumpft oder sich stabilisiert.

Die Gegenüberstellung wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Auf dem XRP Ledger hat der Handel über die integrierte Börse im zweiten Quartal 2026 spürbar zugelegt, doch weniger aktive „Accounts“ haben dabei gehandelt, und der XRP-Kurs lag zugleich rund 50 % unter dem Vorjahresniveau. Laut Evernorths Q2 2026 XRP Liquidity Report stieg das Orderbuch-Volumen von 1,99 Millionen XRP pro Tag auf 3,57 Millionen XRP pro Tag – ein Plus von 79 %. Im gleichen Zeitraum sank jedoch die Zahl der Accounts, die diese Trades ausführten, von 1.864 auf 1.111 pro Tag. Für die Einordnung ist genau dieser Bruch entscheidend: Mehr Volumen bei weniger Beteiligten kann sowohl für eine Konzentration hin zu größeren Akteuren sprechen als auch schlicht für technische oder organisatorische Änderungen bei den Wallets.
Technisch betrachtet ist ein „XRPL Account“ im Kern eine Wallet-Adresse und damit nicht automatisch eine Person oder ein Unternehmen. Das erklärt, warum der On-Chain-Nachweis allein nicht ausreicht, um eine „institutionelle Übernahme“ eindeutig zu belegen. Wenn eine einzelne Trading-Firma statt zehn Wallets drei nutzt, würden die Kennzahlen wie „weniger Accounts“ und „mehr XRP pro Account“ aussehen, ohne dass neue Institutionen einsteigen. Für das zweite Quartal 2026 beschreibt Evernorth genau diesen Mechanismus über den Durchschnittswert: Jeder verbleibende Account bewegte 3.217 XRP pro Tag, gegenüber 1.072 XRP pro Tag ein Jahr zuvor. Dazu passt auch die Veränderung der Handelsstruktur: Orderbuch-Trades machten 81 % des gesamten Exchange-Handels aus, nach 54 % im Vorjahresvergleich. Das kann auf eine höhere Liquiditätsnutzung in der Orderbuchtiefe hindeuten – die Frage bleibt aber, ob das durch mehr Nachfrage neuer Nutzer entsteht oder durch effizientere Nutzung bestehender Marktteilnehmer.
Als mögliche Ursache nennt die Analyse einen Wechsel im Berechtigungsmodell des Ökosystems: Im Februar 2026 soll auf dem XRPL permissioned trading aktiviert worden sein. Diese Funktion erlaubt es, dass ein Token- oder Issuer-Setup einschränken kann, wer handeln darf. In einem solchen Szenario wären institutionenähnliche Akteure theoretisch in der Lage, gezielt größere Orders zu platzieren, während kleinere Wallets weniger Chancen haben, in denselben Märkten aktiv zu werden. Gleichzeitig reicht das Datenbild nicht, um „Ankunft“ und „Konsolidierung“ sicher zu trennen: Bestehende Trader könnten Wallets zusammengelegt haben, während kleinere Halter in einem Jahr mit stark gesunkenem Kurs zunehmend inaktiv wurden. Genau deshalb betont der Bericht sinngemäß, dass die On-Chain-Figuren allein nicht zeigen, ob neue professionelle Gelder die alten ersetzen oder ob nur die Verteilung innerhalb der vorhandenen Marktteilnahme verschoben wurde.
Das zweite Kapitel der Einordnung verschiebt den Fokus weg von XRP als Einzelschicksal hin zum Gesamtbild des Kryptomarkts. Evernorth ordnet die Beobachtung in eine breitere Nutzerabwanderung ein, weil auf dem XRPL zwar ebenfalls weniger Adressen täglich aktiv waren, gleichzeitig aber „die gleiche Richtung“ auf anderen großen Netzwerken zu sehen sei. Über das erste Halbjahr 2026 fiel die Zahl der täglich aktiven Adressen über 23 %; gleichzeitig stieg zwar die Gesamtzahl der Adressen von 7,91 Millionen am 1. Januar auf 8,40 Millionen am 30. Juni, aber die Aktivität blieb offenbar hinter dem Wachstum zurück. Der Bericht nennt zusätzlich, dass der On-Chain-Austauschumsatz über sieben der größten Netzwerke um 46 % im Jahresvergleich sank und die Transaktionsgebühren um 38 % fielen. Das sind Hinweise auf ein übergeordnetes Zurückfahren kleiner Marktteilnehmer, nicht nur auf ein spezifisches Problem der XRP-Community.
Während der Handel über die Börse also weniger „menschliche“ Adressbeteiligung zeigt, beschreibt Evernorth parallel eine zweite Dynamik: Tokenisierte Vermögenswerte auf dem XRPL sind stark gewachsen. Im zweiten Quartal 2026 lagen durchschnittlich 3,72 Milliarden US-Dollar an tokenisierten Assets auf dem Ledger – mehr als doppelt so hoch wie im ersten Quartal und rund 30-mal höher als ein Jahr zuvor. Besonders deutlich wird die Rolle von RLUSD, dem Stablecoin von Ripple, dessen Zielkurs bei 1 US-Dollar liegt und der laut Bericht durch Cash sowie Treasuries abgesichert ist: RLUSD brachte zusätzliche 539 Millionen US-Dollar an durchschnittlichen Beständen, ein Plus von 642 % im Jahresvergleich. In Summe ergab sich damit ein Betrag von 4,26 Milliarden US-Dollar, der im zweiten Quartal 2026 auf dem XRPL gehalten wurde, nach 99 Millionen US-Dollar Ende 2024. Aus Perspektive der Ledger-Nutzung ist dieser Punkt zentral: Weder ein Stablecoin-Bestand noch ein tokenisierter Treasury ist per se eine Wette auf den XRP-Kurs, sondern eher „Wert, der auf dem Netz bereitsteht“.
Damit wird auch verständlich, warum sich die Frage „Wird XRP mehr genutzt oder nur mehr gehandelt?“ nicht mit einer einzigen Kennzahl beantworten lässt. Auf dem Exchange-Bereich sieht man höhere Aktivität in Form steigender Orderbuchvolumina bei gleichzeitig geringeren Account-Zahlen. Diese Kennzahlen sagen jedoch nicht eindeutig, ob die gleichen Akteure nur effizienter handeln oder ob neue Institutionen eingestiegen sind und kleinere Marktteilnehmer ersetzt haben. Off-Exchange betrachtet das Bild anders: Wenn tokenisierte Bonds und dollarunterlegte Tokens in hoher Summe auf dem Ledger gehalten werden, entsteht ein Nutzungsfall für das Netzwerk, der eher mit dem Transfer- und Hold-Ökosystem zusammenhängt. Da diese Bestände in der Regel auch „durch schlechte Coin-Jahre“ präsent bleiben können, könnte dieser Teil der Aktivität langfristig stabiler wirken als kurzfristiger Handel. Für Halter von XRP wäre deshalb plausibel, nicht nur Volumen und Preis zu beobachten, sondern insbesondere, ob die Zahl der täglich aktiven Wallets bis Ende 2026 weiter fällt oder sich stabilisiert – denn ein Stopp oder eine Trendwende würde eher auf ein allgemeineres Ende der Nutzererosion schließen lassen als auf eine rein tokenbezogene Verschiebung.
Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus ein handfestes Signal: Ökonomische Aktivität auf einer Blockchain lässt sich in mindestens zwei Ebenen zerlegen – handelsspezifische Aktivität in Handelskontrakten und Assetnutzung in Form von gehaltenen tokenisierten Instrumenten. Wenn die Handelsseite zwar Volumen steigert, aber die Adressaktivität sinkt, kann das Chancen für Liquiditätsanbieter und Market-Maker bedeuten, gleichzeitig aber ein Risiko für das Nutzerwachstum anzeigen. Umgekehrt spricht der kräftige Bestandsaufbau bei RLUSD und tokenisierten Treasuries dafür, dass der Ledger auch als Träger für tokenisierte Zahlungs- und Wertinstrumente eingesetzt wird. Welche dieser Entwicklungslinien am Ende den XRP-Treiber stärker beeinflusst, hängt wesentlich davon ab, ob tokenisierte Assets dauerhaft an Nutzer, Vehikel und Auszahlungsprozesse angebunden bleiben – oder ob der Handel nur zeitweise auf das Orderbuch „umgeleitet“ wird, während die Gesamtzahl aktiver Nutzer weiter schrumpft.
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