LONDON (IT BOLTWISE) – Standard Chartered kappte sein XRP-Preisziel zum Jahresende um 65 Prozent auf 2,80 US-Dollar. Die Bank erwartet außerdem kurzfristige weitere Rückgänge bei mehreren großen Kryptowährungen. Im Fokus steht dabei eine anhaltend defensive Marktlage, die sich auch in schwächeren XRP-ETF-Werten und zurückhaltender Anlegerstimmung zeigt. Zusätzlich bleibt die mögliche Gesetzeslage in den USA als Hebel für eine spätere Erholung im Spiel.

Standard Chartered begründet die deutliche Absenkung des XRP-Kursziels weniger mit einer technischen Schwäche im Token selbst, sondern mit dem Timing des Marktzyklus. Das Institut reduziert seine Erwartung für XRP zum Jahresende auf 2,80 US-Dollar – zuvor waren es 8 US-Dollar. Damit fällt die Prognose um 65 Prozent und signalisiert vor allem eins: Die Bank sieht das nächste Quartal weiterhin als Phase, in der Käufer kurzfristig kaum bereit sind, Risiken aggressiv aufzusatteln. Diese Einordnung kommt zudem nach der angesprochenen Verkaufskorrektur im Februar, die den gesamten Kryptomarkt erfasst hat.
Für die Fundamentalanalyse ist in der Meldung besonders relevant, dass die Revision nicht bei XRP stehen bleibt. Geoffrey Kendrick, globaler Kopf der Digital-Assets-Forschung bei Standard Chartered, senkt auch die Forecasts für Bitcoin, Ethereum und Solana sowie weitere große Coins. Konkret wird Bitcoin auf 100.000 US-Dollar statt 150.000 US-Dollar angesetzt, Ether auf 4.000 statt 7.000 US-Dollar und Solana auf 135 statt 250 US-Dollar. Die Richtung ist damit eindeutig: Der Risikoaufschlag für Volatilität bleibt aus Sicht des Hauses hoch, und die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Preisrutsches wird als realistisch betrachtet – bis hin zu der Warnung, Bitcoin könne zunächst sogar die Marke von 50.000 US-Dollar testen, bevor später in diesem Jahr eine Stabilisierung möglich wäre.
Auch die Kurshistorie, auf die sich die Bank bezieht, zeigt, warum diese vorsichtige Perspektive kurzfristig plausibel wirkt. XRP fällt im Rückblick auf den Zeitraum “letzten Monat” auf 1,16 US-Dollar – der niedrigste Stand seit November 2024 – und erholte sich danach teilweise wieder. Im Verhältnis zum eigenen Hoch liefert das eine klare Größenordnung: Der Token liegt rund 59 Prozent unter seinem Allzeithoch von etwa 3,40 US-Dollar aus dem Juli 2025. Solche Abstände sind für Trader und für Fondsmanager ein Signal, wie schnell sich “Risk-on”-Stimmungen zurückdrehen können, wenn die Marktbreite kippt. Gerade bei Märkten, die stark auf Liquidität und Handelsaktivität reagieren, können die nächsten Tage deshalb wichtiger sein als das große Narrativ.
Ein zweiter Strang der Argumentation zielt auf Kapitalflüsse, insbesondere über börsengehandelte Produkte. Laut den genannten Daten sank das Volumen der in XRP-ETFs gehaltenen Assets von 1,6 Milliarden US-Dollar am 5. Januar auf etwa 1 Milliarde US-Dollar bis Mitte Februar. Das entspricht einem Rückgang von rund 40 Prozent – eine Bewegung, die in der Meldung als Ausdruck breiter Vorsicht interpretiert wird. Gleichzeitig weist die Story darauf hin, dass XRP zu Beginn des Jahres 2026 bereits stark angelaufen war: In der ersten Januarwoche gewann der Token etwa 25 Prozent, getrieben unter anderem durch ETF-Zuflüsse und durch regulatorische Klarheit nach dem im August 2025 kommunizierten Vergleich zwischen Ripple und der US-Börsenaufsicht. Für Unternehmen in der Bewertung von Krypto-Investments heißt das: Regulatorische Fortschritte können den Markt zwar stabilisieren, aber sie ersetzen nicht die kurzfristige Nachfrage nach Liquidität.
Technisch und marktdynamisch ordnet Standard Chartered XRP zusätzlich im größeren Ökosystem ein. Kendrick betont, XRP solle vom Tempo her ähnlich laufen wie Ethereum, weil beide Assets eine Rolle in Themen spielen, die mit Stablecoins und tokenisierten realen Vermögenswerten verbunden sind. In der Praxis bedeutet das: Wenn sich die Wertschöpfung im “Tokenization”-Bereich beschleunigt, können sich Bewertungsmuster zwischen verschiedenen Ketten und Tokenklassen angleichen. Trotzdem stellt die Meldung klar, dass das aktuelle Marktumfeld diese längerfristigen Themen im Moment überlagert. Genau hier liegt der praktische Unterschied zwischen “Narrativ” und “Orderbuch”: Selbst gute Wachstumsargumente stoßen im Abschwung auf Grenzen, wenn Käuferpositionen abgebaut werden.
Als potenzieller Katalysator wird schließlich die US-Gesetzgebung genannt. Der sogenannte Clarity Act, ein in der US-Senatskammer schwebendes Gesetzespaket zur möglichen Ausgestaltung des Kryptomarktrahmens, könnte laut der Darstellung den Weg für eine Erholung bei XRP ebnen. Allerdings sei die Dynamik zuletzt ins Stocken geraten, weil es nach den Angaben zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Bankführung und Akteuren der Kryptoindustrie gekommen ist. Gleichzeitig verweist die Meldung auf Aussagen von Ripples Chief Legal Officer Stuart Alderoty vom 10. Februar, wonach die Unterstützung aus dem parteiübergreifenden Spektrum für eine Gesetzgebung zur Marktstruktur weiterhin intakt sei. Für Investoren heißt das: Die Richtung der politischen Diskussion kann sich verbessern, aber bis zu einer tatsächlichen Verabschiedung bleibt das Timing ein Risiko.
Aus Unternehmenssicht ist in dieser Gemengelage vor allem entscheidend, wie Standard Chartered seine Prognose methodisch “entkoppelt”: Die Bank reagiert nicht nur auf einen einzelnen Token-Chart, sondern koppelt die Bewertung eng an Marktstimmung, Kapitalflüsse und die erwartete Entwicklung weiterer Coins. Das ist für Portfoliomanager und Treasury-Verantwortliche relevant, weil sich daraus häufig eine neue Gewichtung von Laufzeiten ableiten lässt: Kurzfristige Risikoquoten sinken, während längerfristige Thesen nur dann schneller wieder hochgefahren werden, wenn sowohl Preisstabilität als auch institutionelle Nachfrage zurückkehren. In der aktuellen Phase deutet der beschriebene ETF-Rückgang darauf hin, dass viele Marktteilnehmer eher abwarten. Erst wenn sich die Volatilität beruhigt und die Politik zumindest in Teilaspekten Richtung Stabilität signalisiert, dürfte die Wahrscheinlichkeit steigen, dass die abgesenkten Ziele wieder als konservative Untergrenzen interpretiert werden.
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