LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer 2026er Cybersecurity-Studie berichten mehr als die Hälfte der betroffenen IT- und Security-Profis, sie seien zur Vertraulichkeit gedrängt worden – auch wenn die Meldung eigentlich nötig gewesen wäre. Das Muster zeigt sich bereits seit 2023, schwankt aber über die Jahre hinweg: 42,0% (2023) steigen bis 57,6% (2025) und liegen 2026 bei 55,2%. Als Treiber nennt die Erhebung vor allem einen „Business Case“ für Stillschweigen, die Abwägung befürchteter Folgen sowie interne Kulturen, die schnelles Melden bremsen. Für Security-Leitungen folgt daraus vor allem: Die Offenlegungsstrategie muss vor dem Vorfall stehen.

Warum Sicherheitsprofis Datenpannen oft geheim halten: Druck, Kosten und Kultur
Warum Sicherheitsprofis Datenpannen oft geheim halten: Druck, Kosten und Kultur (Foto: IT BOLTWISE)
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Viele Organisationen kennen das Incident-Response-Dilemma aus der Praxis: Sobald ein Vorfall läuft, wird nicht nur über technische Eindämmung entschieden, sondern auch über Kommunikation. Genau an dieser Schnittstelle setzt die 2026 Bitdefender Cybersecurity Assessment an, die sich auf das Meldeverhalten bei Datenschutzpannen konzentriert. Mehr als die Hälfte der IT- und Cybersecurity-Profis, die in den vergangenen 12 Monaten selbst eine Panne oder einen Sicherheitsvorfall erlebten, sagen, ihnen sei aufgetragen worden, die Lage vertraulich zu halten – selbst dann, wenn eine Offenlegung grundsätzlich erforderlich gewesen wäre. Das ist weniger ein Einzelfall als ein strukturelles Muster, das sich über mehrere Jahre beobachten lässt.

Die Studie basiert auf Antworten von mehr als 1.200 IT- und Security-Professionals in sechs Ländern und bildet ein klares Trendprofil ab: Etwa die Hälfte der Befragten meldet, in den letzten 12 Monaten einen Vorfall gehabt zu haben. Von dieser Gruppe berichten 55,2%, sie seien gebeten worden, eine Sicherheitslücke oder einen Vorfall „still“ zu behandeln, obwohl die Regeln eine Meldung nahelegen. 2023 lag der Anteil bei 42,0%, 2025 stieg er auf 57,6% und fiel 2026 wieder auf 55,2%. Die Interpretation, die in der Erhebung angedeutet wird, zielt weniger auf eine plötzliche Verbesserung als auf ein Plateau: Der Druck zur Geheimhaltung bleibt stabil, trotz erweiterter Disclosure-Regeln seit 2023.

Besonders auffällig ist die geographische Verteilung des Drucks. In den USA, Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Singapur berichten laut Studie mehrheitlich IT- und Cybersecurity-Profis, sie seien im letzten Jahr in Richtung Stillschweigen gedrängt worden. In Frankreich und Italien liegt der Wert dagegen „knapp unter 50%“. Diese Differenzen sind für Security-Entscheider relevant, weil sich daraus ableiten lässt, dass Offenlegung nicht nur eine juristische Frage ist, sondern stark mit Erwartungsmanagement, internen Entscheidungswegen und dem Risikoempfinden der jeweiligen Organisation zusammenhängt. Gerade wenn die Kultur in Richtung „Nicht auffallen“ kippt, können technische Indikatoren zwar schnell erkannt werden, die Eskalation und Dokumentation werden aber verlangsamt.

Die Studie nennt drei Hauptgründe, warum Unternehmen Datenpannen verstecken. Erstens: Angreifer machen Schweigen selbst zu einem Geschäftsmodell. Das Argument dahinter ist technisch und operativ plausibel: Bedrohungsakteure gestalten Angriffe so, dass nur ein kleiner Personenkreis etwas merkt, während die eigentliche Wirkung läuft. Wenn Angreifer mit einer „Konfidentialität als Teil des Deals“ arbeiten, müssen sie nicht die komplette Organisation stören; sie können sich auf die IT- oder Security-Teams konzentrieren, ihnen einen sauberen Recovery-Pfad anbieten und Stillschweigen als Gegenleistung verkaufen. So wird Vertraulichkeit zur Währung: Die Organisation versucht, den Vorfall nach außen zu dämpfen, während die Angreifer gleichzeitig Einnahmen generieren.

Zweitens steht die Risikoabwägung zwischen Offenlegung und Nicht-Offenlegung im Vordergrund. Cybersecurity sei stets ein Balanceakt, schreibt die Studie sinngemäß, und viele Organisationen bewerten die möglichen Konsequenzen einer Meldung als hoch. Genannt werden Sorgen um mögliche Bußgelder, Reputationsschäden, Auswirkungen auf die Kundenbindung oder ähnliche Effekte. Der Gegeneffekt ergibt sich aus der Verschiebung des Threat-Modells: Wenn Organisationen nicht berichten, steigt aus Sicht der Studie das Risiko, dass Angreifer Daten publik machen oder die Regulierungsseite informieren. Die Konsequenz für die Praxis lautet: Ein späteres „Beichten“ kann – sobald die Gegenseite die Lage offensiv ausnutzt – länger nachhallen als eine frühe, geordnete Offenlegung.

Drittens beschreibt die Erhebung eine Kultur des Schweigens als internen Verstärker. Wenn Teams die Idealvorstellung von „perfekten Endnutzern“ über das schnelle Melden von Auffälligkeiten stellen, entsteht ein Klima, in dem Fehler nicht adressiert, sondern versteckt werden. Die Studie beschreibt als Folge, dass Teams Informationen und Meldungen „stundenlang“ zurückhalten können, während Angreifer bereits Persistenz aufbauen, Credentials stehlen und sich lateral bewegen. In solchen Situationen wird Incident Response zusätzlich ausgebremst, weil wertvolle „Dwell Time“ entsteht – also die Zeit, in der ein Angreifer unentdeckt im System verbleibt und sich weiter etabliert. Besonders kritisch wird es, wenn diese Haltung nicht nur operativ, sondern auch auf Leitungsebene wirkt: Dann wird das Stillschweigen zur gewählten Strategie, nicht zum Zufall.

Für Security-Leader zieht die Studie eine konkrete Leitlinie: Entscheiden Sie die Disclosure-Position vor dem Incident, nicht während des Notfalls. Praktisch heißt das, eine No-Blame-Reporting-Kultur zu etablieren, die schnelle Meldungen belohnt und die technische Bewertung entkoppelt von Schuldzuweisungen. Ebenso wichtig ist die Präventionslogik: Die beste Disclosure-Strategie ist die, die nie ausgelöst werden muss, weil der Vorfall verhindert oder so früh abgewehrt wird, dass es gar nicht erst in die Phase der offengelegten Schadenskommunikation kommt. Die Studie ordnet die Ergebnisse außerdem in einen breiteren Kontext ein: Neben der Disclosure-Praxis werden in der 2026er Erhebung auch Herausforderungen rund um die Angriffsfläche sowie die Rolle von KI für Angreifer und Verteidiger thematisiert, weil genau diese Faktoren die Entdeckungsgeschwindigkeit und damit auch die „Entscheidungszeit“ im Incident beeinflussen.


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