BELGRADE / LONDON (IT BOLTWISE) – Ratko Mladic, der für das Massaker von Srebrenica verurteilte ehemalige bosnisch-serbische Kommandeur, ist in Belgrad beigesetzt worden. Die Trauerfeier wurde live im Fernsehen übertragen, Tausende begleiteten den Gang zum Grab. Präsident Aleksandar Vucic blieb der Zeremonie fern und begründete dies mit einem vorher feststehenden Besuch. Politisch rückt damit eine Episode in den Fokus, die sowohl nationalistische Emotionen verstärken als auch außenpolitische Kritik anheizen dürfte.

Die Beerdigung von Ratko Mladic in Belgrad fällt in eine Phase, in der sich der serbische Wahlkampf ohnehin beschleunigt. Tausende Menschen säumten am Montag die Straßen, um einer Trauerfeier zu folgen, die live ausgestrahlt wurde. Mladic war in Den Haag zu einer lebenslangen Strafe verurteilt worden – wegen Genozid in Srebrenica und weiterer Kriegsverbrechen im Zuge des gewaltsamen Zerfalls Jugoslawiens in den 1990er-Jahren. Seine letzte Station liegt auf dem Topcider-Friedhof, wo er nach eigenen Wünschen neben seiner Tochter beigesetzt wurde, die 1994 Suizid begangen hatte.
Was dabei besonders auffällt, ist die Art der Ehrerbietung: Statt staatlicher Auszeichnung erhielt Mladic nach Darstellung aus dem Umfeld der Familie und der Regierung militärische Ehren. Präsident Aleksandar Vucic führte dabei als Argument an, man respektiere die Wünsche der Familie und sorge für eine würdige Bestattung. Zugleich traf er Kritik aus der EU mit deutlichen Worten: Auf die Frage, ob man den Zugang zur Trauerfeier verbieten solle, sagte er sinngemäß: „Were we supposed to forbid people from attending, forbid the funeral itself and create dog cemeteries?“ Diese Formulierung verweist in Serbien auf unmarkierte Gräber von als „Feinde des Volkes“ bezeichneten Personen, die während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von jugoslawischen Partisanen hingerichtet wurden.
Außenpolitisch verschärft die Inszenierung die Lage. Ein EU-Sprecher stellte in einer Stellungnahme klar, jede Verherrlichung von Kriegsverbrechern sowie Genozid-Leugnung und revisionistische Geschichtsbilder widersprächen fundamentalen europäischen Werten und hätten keinen Platz in der EU oder in EU-Beitrittskandidatenländern. Gegen diese Linie positionierte sich Vucic nicht nur rhetorisch, sondern auch organisatorisch: Er selbst nahm nicht an der Beisetzung teil und begründete seine Abwesenheit mit einem bereits geplanten Besuch seines Amtskollegen aus Usbekistan. Beobachter ordnen die Episode als Versuch ein, eine „mittlere“ Linie zwischen Europa und Russland zu finden – gerade weil das Timing für jede außenpolitische Eskalation im Inland besonders heikel ist.
Für die innenpolitische Dynamik kommt hinzu, dass die Wahltermine den Streit um historische Deutung schnell in den Wahlkampf übersetzen. Vucic gilt als Kandidat, der für eine vorgezogene Parlamentswahl auf dem Weg ist, frühestens in dieser Woche den Termin zu bestätigen; die Abstimmung soll voraussichtlich am 25. Oktober stattfinden. Für viele politische Kommentatoren ist entscheidend, dass erstmals seit Jahren eine realistische Chance besteht, dass der Regierungsblock vom studentisch getragenen Protest- und Bewegungsumfeld herausgefordert werden könnte. Der Präsident selbst soll als Listenführer der Serbischen Fortschrittspartei für das Amt des Regierungschefs kandidieren.
In der politischen Analyse wird die Beerdigung dabei nicht als isoliertes Ereignis betrachtet, sondern als potenzieller Mobilisierungsfaktor. Dejan Bursac, Politikwissenschaftler am Institut für Philosophie und Sozialtheorie in Belgrad, ordnet die Situation als Ausdruck von wachsender Nervosität vor der Wahl: „Vucic is grasping at every available lifeline“, sagte Bursac und nannte Mladics Beisetzung als eine dieser „lifelines“. Laut Bursac könne die Trauerfeier und das damit verbundene nationale Narrativ Emotionen erzeugen, mit denen sich Vucic als Patriotenfigur darstellen und zugleich politische Gegner als Verräter framen lasse. Gleichzeitig verweist Bursac auf ein dauerhaftes Ressentiment: Viele Menschen seien bis heute überzeugt, dass Verbrechen gegen Serben aus den Jugoslawienkriegen nicht ausreichend bestraft worden seien. „That sentiment is now being deliberately inflamed and politically exploited“, heißt es sinngemäß in Bursacs Einschätzung.
Auch außerhalb Serbiens werden die Mechanismen ähnlich beschrieben. Tanja Topic, Analystin aus Banja Luka in der überwiegend serbisch geprägten Entität Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina, betont die emotionale Grundierung politischer Mobilisierung: „Politics here rests heavily on emotion“, sagte Topic. Es sei ein Thema, um das Bürgerinnen und Bürger versammelt würden; die tägliche Realität gerate in den Hintergrund, weil patriotische Begeisterung übernehme. Damit spielt Mladics Beerdigung in eine Region hinein, in der die politische Agenda ohnehin eng mit Identitätsfragen verflochten ist: In Bosnien und Herzegowina finden die Wahlen bereits vor Serbien statt, der Termin wird für den 4. Oktober genannt.
Während sich in Serbien die Protestbewegung über die sozialen Kanäle eher zurückhaltend zeigt, bleibt der Wahlkampf auf beiden Seiten strategisch. Die studentische Bewegung, so wie sie beschrieben wird, besteht aus einem Bündnis aus Fakultätsversammlungen und Protestgruppen ohne formale Führung und ohne öffentlich mandatierte Vertreter; zu Mladic, zur Beerdigung oder zu den Kriegsverbrechen veröffentliche sie auf ihren Kanälen vergleichsweise wenig. Analysten sehen dennoch den Versuch, mit breiten „catch-all“-Plattformen Wählergruppen nicht gegeneinander auszuspielen. Das hat auch taktische Gründe: Dejan Bursac argumentiert, weil die Entscheidung bei der Wahl wahrscheinlich sehr knapp ausfällt, könnten sich weder Regierung noch studentisch unterstützte Listen erlauben, nationalistisch geprägte Wähler nachhaltig zu entfremden. Stattdessen setzen die Protestakteure auf Themen wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und die Bekämpfung systemischer Korruption.
Damit rückt auch die Frage nach Medienwirkung in den Vordergrund. In Serbien setzt man laut Beobachtern wenig Vertrauen in Umfragen; dennoch gilt als verbreitete Annahme, dass beide Lager in etwa 40% Zustimmung erreichen könnten. Der entscheidende Unterschied liegt vielerorts in der Sichtbarkeit: Berichten zufolge kontrolliert oder beeinflusst die Regierung direkt oder indirekt einen Großteil der Fernsehsender und großen Nachrichtenportale. In den vergangenen Tagen habe eine regierungsnahe Boulevardberichterstattung gezielt Kritiker attackiert, die Mladic als Kriegsverbrecher bezeichnen, und sie pauschal als „professionelle“ Antiserben-Darsteller oder „Verräter“ etikettiert. Gleichzeitig verschieben sich Narrative schnell: Vucic selbst sei im vergangenen Jahr laut Darstellung rund 400-mal im Fernsehen aufgetreten. Genau deshalb sehen viele Stimmen die Beisetzung zwar als emotionalen Impuls, aber als Ereignis, das Vucic nicht zwangsläufig bis zum Wahltag tragen wird.
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