FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutschlands Maschinen- und Anlagenbauer verlagern laut VDMA-Flohmessung zunehmend Forschungsaktivitäten ins Ausland. 43 Prozent organisieren Forschung und Entwicklung bereits außerhalb Deutschlands, und 69 Prozent der Auslandsforscher wollen weiter ausbauen. Besonders wachsend sehen die Unternehmen China und Indien als künftige Standorte. Gleichzeitig steigt bei vielen Firmen der erwartete Auslandsanteil innerhalb von fünf Jahren spürbar an.

Deutschlands Maschinen- und Anlagenbauer erhöhen spürbar die internationale Verankerung ihrer Forschung. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes VDMA unter 400 Mitgliedsfirmen organisieren bereits 43 Prozent ihre Forschung und Entwicklung außerhalb Deutschlands. Damit entsteht für den Industriestandort eine neue Dynamik: Forschung wird nicht nur als Ergänzung verstanden, sondern zunehmend als Bestandteil von Lieferketten, Talentstrategien und Marktauftritt. Wer Produktions- und Ingenieurprozesse kontinuierlich weiterentwickelt, braucht stabile Innovationsroutinen – und genau diese verlagern viele Unternehmen gerade über Grenzen hinweg.
Die Bewegung geht dabei über eine bloße Auslandspräsenz hinaus. Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) derjenigen, die schon im Ausland forschen, wollen ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten jenseits der Grenzen ausbauen. Auffällig ist auch die Erwartungshaltung zur eigenen Internationalisierung: Vier von zehn der Unternehmen rechnen damit, dass ihr Auslandsanteil in den nächsten fünf Jahren um etwa zehn Prozentpunkte steigt. Weitere knapp 40 Prozent erwarten sogar einen noch stärkeren Zuwachs. Für Produkt- und Prozessinnovationen bedeutet das konkret, dass die Schritte von der frühen Konzeptphase bis zur Validierung zunehmend in verteilten Teams ablaufen.
Technisch betrachtet verschiebt sich damit vor allem die Arbeitsverteilung in der KI- und Automatisierungsnahen Industriearbeit: Auch klassische Maschinenbau-F&E ist heute stark datengetrieben, etwa durch Simulationen, digitale Zwillinge, Test- und Auswerteschleifen sowie die Integration von Automatisierung in der Produktion. Wenn Entwicklungsteams näher an Kunden, Zulieferern oder spezialisierten Testumgebungen arbeiten, können Reaktionszeiten sinken und Iterationen schneller durchlaufen werden. Gleichzeitig steigen aber auch Anforderungen an Datentransfer, Versionskontrolle, Dokumentationsdisziplin und die Abstimmung zwischen Standorten. Gerade bei sicherheitsrelevanten Anwendungen oder langlebigen Anlagen über Jahre hinweg entscheidet die Qualität dieser Schnittstellen darüber, wie zuverlässig sich Innovationen in die Serienreife überführen lassen.
Aus Sicht des Verbands ist die Entwicklung nicht ohne Risiko für den Standort. Der stellvertretende VDMA-Hauptgeschäftsführer Hartmut Rauen ordnet die Zahlen als „ein klares Alarmsignal für den Industriestandort Deutschland“ ein – „auch weil wir mit 190.000 Ingenieuren wichtigster Wertschöpfungspartner für neue Produkte und Prozesse der Wirtschaft sind“. Seine Argumentationslinie zielt damit nicht nur auf Beschäftigung, sondern auf die gesamte Wertschöpfungskette, die von Ingenieurswissen, Technologiekompetenz und industrieller Umsetzung lebt. Rauen führt weiter aus: „Wer den Industriestandort und Hightech hierzulande sichern will, muss jetzt die Voraussetzungen für Investitionen und Innovationen schaffen.“ Für Unternehmen heißt das: Der Wettbewerb um Forschungsstandorte wird zum direkten Bestandteil der Standortpolitik, nicht nur zur Folge globaler Märkte.
Als Treiber für die nächste Ausbauphase nennt der VDMA insbesondere China und Indien. Nach Einschätzung des Verbands dürften diese Länder an Bedeutung gewinnen. Diese Perspektive ist vor allem markt- und wachstumsorientiert: Dort entstehen neue Fertigungsbedarfe, und zugleich entwickeln sich Ökosysteme rund um Komponenten, Software und industrielle Dienstleistungen. Auch deshalb ist die Planung von F&E-Auslandsaktivitäten oft eng an die strategische Nähe zu Kunden geknüpft – etwa wenn Maschinenbauer neue Anlagenplattformen für wachsende Industrien entwickeln oder Produktanforderungen schneller iterieren müssen als es rein nationale Netzwerke erlauben. Gleichzeitig erhöht sich der Druck, deutsche Kompetenzzentren so zu positionieren, dass sie als Magnet für spezialisierte Aufgaben wirken, statt nur als Ausbildungs- oder Montagebasis wahrgenommen zu werden.
Welche Stellschrauben bleiben, wenn Forschungsaktivitäten ohnehin stärker international verteilt werden? Aus dem Bericht lassen sich dafür zwei praktische Schwerpunkte ableiten: Finanzierung und Bürokratie. Rauen benennt unbürokratische Förderung als „wichtigen Faktor“. Für die Unternehmen bedeutet das in der Umsetzung häufig, dass Innovationszyklen nicht an langen Genehmigungs- und Förderprozessen scheitern dürfen – besonders dann, wenn F&E-Roadmaps mehrere Pilotphasen, Testserien und Validierungssteps umfassen. Auch bei Partnerschaften, etwa mit Universitäten oder Technologiezentren, wirkt eine schnelle, planbare Förderung wie ein Beschleuniger: Sie hilft, Projekte mit klaren Meilensteinen am Laufen zu halten und Forschungsteams zu binden.
Für Entscheider in Maschinen- und Anlagenbau-Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Managementaufgabe: Internationalisierung ja, aber mit bewusster Architektur. Wer F&E ins Ausland verlagert, sollte die Leitplanken so gestalten, dass Kernkompetenzen in Deutschland weiterhin sichtbar bleiben – etwa durch zentrale Architektur- und Prüfrollen, gemeinsame Datenmodelle und eine konsistente Entwicklungs- und Qualitätslogik. Andernfalls kann aus der international verteilten Innovation eine schwer steuerbare Portfolio-Aufteilung werden. Gleichzeitig zeigen die Erwartungen der befragten Firmen – Stichwort Auslandsanteile, die in fünf Jahren deutlich steigen sollen – dass sich die Verteilung von Know-how eher beschleunigt als verlangsamt. Entscheidend wird daher, ob Deutschland bei Investitionen und Innovationsbedingungen so schnell nachjustiert, dass Ingenieurwissen, Testinfrastruktur und Technologietransfer in der Breite im Land bleiben oder zumindest wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.
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