BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland landeten 2025 laut einer Analyse neun von zehn Hähnchen und Puten auf den Tellern aus heimischer Produktion. Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft rechnet jedoch damit, dass dieser Anteil in den kommenden Jahren deutlich sinken wird. Gleichzeitig steigt der Geflügelkonsum weiter: Pro Kopf lagen 14,7 Kilogramm in 2025, nach einem Plus von mehr als zwei Kilogramm seit 2022. Die Studie führt die wachsende Importabhängigkeit vor allem auf restriktive Genehmigungen, steigende Tierwohl- und Umweltauflagen sowie Tierseuchenrisiken zurück.

Geflügelmarkt in Deutschland: Anteil aus dem Ausland wächst trotz steigender Nachfrage
Geflügelmarkt in Deutschland: Anteil aus dem Ausland wächst trotz steigender Nachfrage (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Druck auf den deutschen Geflügelmarkt wächst, obwohl die Nachfrage ungebremst bleibt. Für 2025 geht eine gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Roland Berger erstellte Analyse davon aus, dass neun von zehn Hähnchen und Puten, die hierzulande auf den Tellern landeten, in Deutschland gemästet wurden. Genau dieser Inlandsanteil soll in den kommenden Jahren aber deutlich zurückgehen. Der Hintergrund ist weniger ein Nachfrageschock als ein Tempo-Problem: Der Konsum legt zu, während die Produktionskapazitäten inländischer Erzeuger nur deutlich langsamer nachziehen können.

Der Konsumverlauf liefert dafür den ökonomischen Rahmen. Zwischen 2022 und 2025 ist der Pro-Kopf-Verbrauch laut Angaben aus dem Bundesumfeld um mehr als zwei Kilogramm auf 14,7 Kilogramm gestiegen. Gleichzeitig wird das Wachstum über einen längeren Zeitraum sichtbar: Die Branche nennt für die Jahre 2010 bis 2025 einen Anstieg beim Verbrauch um 30 Prozent auf fast 1,9 Millionen Tonnen pro Jahr. Auch bis 2040 erwartet der Zentralverband ein jährliches Wachstum beim Konsum von 3,4 Prozent. Damit verschiebt sich die zentrale Frage von der „Wird gegessen?“ hin zu der „Wie wird geliefert?“, also zur Frage, ob heimische Strukturen die zusätzlich benötigten Mengen wirtschaftlich bereitstellen können.

Besonders auffällig ist die Verschiebung innerhalb der Tierarten. Hähnchenfleisch gilt als Wachstumstreiber: Zwischen 2010 und 2025 ist der Konsum dort um 65 Prozent gestiegen, während der Verbrauch von Putenfleisch um fast ein Viertel zurückgegangen ist. Solche Verschiebungen sind für die Produktionsplanung entscheidend, weil Stall- und Aufzuchtkapazitäten nicht beliebig zwischen Tierarten umgerüstet werden. Wenn zudem in der gleichen Phase das inländische Angebot nur gedämpft wächst, verstärkt sich die Bedeutung von Importen als Ausgleichsmechanismus. Dass der Verband vor diesem Hintergrund eine sinkende Herkunftsquote aus dem Inland erwartet, passt deshalb zur Logik von Angebot und Nachfrage: Wo heimische Kapazitäten nicht in der benötigten Größenordnung expandieren, füllt der Markt die Lücke durch Zukauf.

Auch die Produktionsseite zeigt die Engstelle klar. Zwar wurde im Jahr 2025 in Deutschland fast zehn Prozent mehr Geflügelfleisch produziert als 2010. Dennoch deckte die inländische Erzeugung damals den Verbrauch noch mehr als vollständig ab, inzwischen sind es laut Angaben nur noch 91 Prozent. Der Bericht stellt dabei nicht nur auf die Investitionsbereitschaft der Branche ab, sondern auf die tatsächliche Umsetzungsdauer von Erweiterungen. Der zentrale Engpass liegt in den „äußerst restriktiven Rahmenbedingungen“: Dazu zählen langwierige Genehmigungsverfahren für Stallbauten, wachsende Tierwohl- und Umweltanforderungen sowie umfangreiche Berichtspflichten. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eine Verlangsamung der sogenannten Lead Time zwischen Planung, Standortentscheidung und betriebsfähiger Kapazität.

Hinzu kommen externe Risiken, die die Planbarkeit zusätzlich erschweren. Der Bericht nennt Tierseuchen als Belastung für Halter, etwa die im Frühjahr in Brandenburg und Bayern festgestellte Newcastle-Krankheit oder das, was als „atypische Geflügelpest“ bezeichnet wird. Solche Ereignisse treffen nicht nur die betroffene Region, sondern wirken über Lieferketten und Vermarktungsfenster auch auf angrenzende Märkte, weil Bestände ausfallen und Anpassungen kurzfristig erfolgen müssen. Wer Kapazitäten aufbaut, muss deshalb nicht nur Genehmigungszeiten einpreisen, sondern auch mit biologischen Unsicherheiten in der Produktionskette rechnen. Genau deshalb geht es im nächsten Schritt weniger um generelle Investitionslust, sondern um die Frage, wie schnell Betriebe auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren können.

Der Zentralverband fordert vor diesem Hintergrund vor allem einen raschen Bürokratieabbau. Konkret sollten Planungs-, Bau-, Umwelt- und Immissionsschutzverfahren einfacher, digitaler und verlässlicher werden. Auch die Umnutzung leerstehender Ställe wird als Hebel genannt: Sie soll schneller möglich sein, damit vorhandene Infrastruktur schneller wieder in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden kann. Ergänzend sollen klare politische Leitlinien Kommunen und Behörden mehr Entscheidungssicherheit geben, damit Genehmigungen nicht in unterschiedlichen Auslegungen stecken bleiben. In der Praxis ist das für die Branche ein wichtiger Trade-off: Je klarer die Regeln und je kürzer die Durchlaufzeiten, desto eher lassen sich Investitionen als planbares Projekt mit kalkulierbarer Auslastung strukturieren statt als wiederkehrende Prozessrisikowette.

Für den Markt folgt daraus eine klare Implikation: Selbst wenn der Konsum in Deutschland weiter steigt, bleibt der Inlandsanteil politisch und administrativ herausgefordert, solange Genehmigungen und Auflagen die Kapazitätsausweitung bremsen. Der erwartete Rückgang von 91 Prozent auf niedrigere Herkunftsquoten würde dann nicht als „plötzliche Importoffensive“, sondern als schrittweise Kompensation wirken, weil Nachfrage kontinuierlich wächst. Unternehmen, die in Aufzucht, Schlachtung und Logistik entlang der Wertschöpfungskette investieren, müssen diese Dynamik bei Kapazitäts- und Beschaffungsstrategien berücksichtigen. Gleichzeitig entsteht damit ein Wettbewerb um Planungssicherheit: Wer Erweiterungen schneller realisieren kann, verbessert seine Position in stabilen Versorgungsfenstern, während andere verstärkt auf Fremdbezug angewiesen wären.

Bis 2040 dürfte sich der Trend noch stärker in der Marktstruktur abbilden, weil der Verband ein anhaltendes Wachstum von 3,4 Prozent pro Jahr beim Konsum erwartet. Gerade dann entscheidet sich, ob die Branche den Kapazitätsaufbau im selben Rhythmus schafft oder ob Importanteile weiter zunehmen. Die Mischung aus Konsumtrend, Tierartverschiebung und administrativen Bremsfaktoren liefert dafür bereits heute die technische Begründung: Kapazität entsteht nicht allein durch Willen, sondern durch genehmigungsfähige Bauvorhaben, belastbare Betriebskonzepte und eine Pandemie- wie Tierseuchenresilienz, die Schwankungen abfedern kann. Unterm Strich wird der Geflügelmarkt damit stärker zum Thema industrieller Prozessgeschwindigkeit und weniger zum Thema reiner Nachfrage.


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