BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach der angekündigten Schließung aller Goethe-Institute in Russland verlagert das Kulturinstitut den Austausch in digitale Angebote. Generalsekretärin Gitte Zschoch betont, dass das Interesse an Sprache und Kultur weiterbestehe. Als konkrete Option nennt sie digitale Formate und eine enge Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt. Gleichzeitig drohen vor Ort spürbare Lücken bei Bibliotheken, Fortbildungen und verlässlichen Informationen aus Deutschland.

Goethe-Institut nach Russland-Aus: Suche nach digitalen Wegen für Austausch
Goethe-Institut nach Russland-Aus: Suche nach digitalen Wegen für Austausch (Foto: IT BOLTWISE)
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Die angekündigte Schließung sämtlicher Goethe-Institute in Russland trifft nicht nur die lokale Präsenz deutscher Kulturarbeit, sondern auch die gewachsene Infrastruktur für Sprachlernen. Für das Goethe-Institut steht dabei weniger die Frage im Vordergrund, ob „irgendwie“ weiter kommuniziert werden kann, sondern wie sich der Alltag von Bibliothek, Kursangebot und Fortbildungsunterstützung funktional ersetzen lässt. In Berlin heißt es dazu, das Interesse an deutscher Sprache, Kultur und dem internationalen Austausch bleibe bestehen; der Fokus verlagert sich damit auf digitale Angebote, die den Kontakt über Distanz aufrechterhalten sollen.

Technisch betrachtet geht es bei dieser Umstellung vor allem um die Überführung physischer Angebote in skalierbare Online-Formate. Während eine Bibliothek oder eine Fortbildung vor Ort auf feste Räume und Zeitpläne angewiesen ist, lassen sich digitale Angebote so gestalten, dass sie zeitversetzt oder sogar vollständig asynchron nutzbar sind. Das Goethe-Institut verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass es sich eng mit dem Auswärtigen Amt abstimmt. Genau diese Abstimmung ist in der Praxis relevant, weil digitale Kanäle zwar Inhalte verteilen können, aber auch von politischen Rahmenbedingungen, Zugriffsrechten und der Stabilität von Kommunikationswegen abhängen. Für Lehrkräfte bedeutet das: Statt lokal verfügbarer Qualifizierung müssen künftig Lernmaterialien, Methodik-Module und Austauschformate so aufbereitet werden, dass sie ohne den bisherigen „Anlaufpunkt“ weiter funktionieren.

Die zeitliche Dimension unterstreicht die Dringlichkeit der Neuaufstellung. Laut Angaben, die sich auf eine Mitteilung des russischen Außenministeriums stützen, müssen die Mitarbeiter das Land spätestens bis zum 13. September verlassen. Betroffen seien dem Goethe-Institut zufolge die Goethe-Institute in Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk. Außerdem wird im gleichen Kontext genannt, dass zwei aus Deutschland entsandte Mitarbeiter betroffen sind. Für die betroffenen Standorte heißt das: Prozesse wie Ausleihe in Bibliotheken oder die Durchführung von Fortbildungen lassen sich nicht ohne Weiteres „umdrehen“, wenn Personal und Betriebsstrukturen abrupt enden. Zschoch beschreibt die Konsequenz daher de facto: Kein Buch könne mehr aus den Bibliotheken ausgeliehen werden, Fortbildungen fänden nicht mehr statt, und Deutschlehrkräfte verlören eine wichtige Anlaufstelle für Qualifizierung und Unterstützung.

Damit verändert sich auch die Qualität des Zugangs für Menschen in Russland. Sprach- und Kulturarbeit lebt nicht nur von Lehrinhalten, sondern auch von verlässlichen Informationswegen und von institutionellen Schnittstellen, über die Fragen geklärt, Materialien bereitgestellt und neue Formate ausprobiert werden können. Wenn diese Schnittstellen wegfallen, entsteht eine Lücke zwischen dem Wunsch nach Deutscher Sprache und dem tatsächlichen Zugang zu Kursen, Prüfungswegen, Lesestoffen und Beratung. Das Goethe-Institut formuliert entsprechend, dass der Zugang zu deutscher Sprache, Kultur und verlässlichen Informationen aus und über Deutschland weiter eingeschränkt werde. Vor dem Hintergrund der jüngsten Spannungen zwischen Berlin und Moskau wird zudem deutlich, dass Kulturarbeit in diesem Fall nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern in politische Konstellationen eingebettet ist.

Aus Markt- und Branchenperspektive ist die Lage dennoch nicht völlig neu: Digitale Kulturangebote gewinnen in Konfliktlagen oft dann an Bedeutung, wenn lokale Präsenz nicht mehr zuverlässig möglich ist. Vergleichbar ist hier weniger die konkrete Institution als das Grundmuster: Sobald physische Standorte wegfallen, müssen Organisationen ihre Inhalte, Community-Mechaniken und Lehrangebote in digitale Systeme überführen. Das umfasst auch die Frage, wie Nutzergruppen abgeholt werden, die zwar am Lernen interessiert sind, aber nicht zwingend über die gleiche IT-Ausstattung oder stabile Verbindungen verfügen. Gerade im Bereich Deutschunterricht spielt außerdem die didaktische Logik eine Rolle: Sprachnutzung ist stark prozessual, Lernen profitiert von Feedbackschleifen, und Lehrkräfte brauchen methodische Orientierung. Digitale Angebote müssen daher nicht nur „abrufbar“ sein, sondern pädagogisch so gestaltet werden, dass sie Interaktion ermöglichen, etwa über strukturierte Lernmodule, betreute Online-Formate oder digitale Bibliothekszugänge, soweit das realisierbar bleibt.

Für die nächsten Wochen und Monate wird entscheidend sein, wie schnell und wie differenziert das Goethe-Institut die digitalen Wege aufsetzt und welche Funktionen Priorität erhalten. Denn die genannten Einschränkungen betreffen mehrere Ebenen gleichzeitig: Bibliotheksnutzung, Fortbildungsangebote für Lehrkräfte sowie die Bereitstellung verlässlicher Informationen zu Deutschland. Die Ankündigung, sich eng mit dem Auswärtigen Amt abzustimmen, deutet darauf hin, dass neben der technischen Machbarkeit auch operative Fragen geklärt werden müssen, etwa welche Formate unter den gegebenen Bedingungen verantwortbar sind und wie sich Kommunikations- und Verbreitungswege absichern lassen. Für Lernende und Lehrkräfte kann eine gut orchestrierte digitale Übergangslösung dennoch einen spürbaren Teil der bisherigen Funktion übernehmen: Inhalte lassen sich bündeln, Lernpfade lassen sich klar strukturieren, und Austauschformate können auch dann stattfinden, wenn Reisen oder lokale Termine nicht mehr möglich sind.

Schließlich zeigt der Kontext auch, dass Kulturinstitutionen zunehmend als digitale Anbieter in Erscheinung treten müssen, selbst wenn sie historisch über lokale Räume definiert wurden. Die Bundesregierung macht Russland dem Text zufolge für einen versuchten Anschlag mit einer Sprengstoffdrohne auf den Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich und hat in einem Sanktionskatalog zudem die Schließung des russischen Konsulats in Bonn sowie des Russland-Hauses in Berlin angekündigt. Russland bestreitet laut Angaben kategorisch, etwas mit der Drohne zu tun zu haben, und schließt neben den Goethe-Instituten auch das deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg bis zum 18. September. In solchen Konstellationen wird digitale Kulturarbeit zur Überlebensstrategie – nicht als Werbeversprechen, sondern als pragmatischer Versuch, Kontinuität im Spracherwerb zu sichern. Für Entscheidungsträger, die Deutschunterricht oder Partnerschaften organisieren, bedeutet das: Die Planungen müssen stärker auf digitale Workflows ausgerichtet werden, damit der Unterricht nicht an organisatorischen Grenzen kollabiert.


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