LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Kupferpreis hat an der Londoner Metallbörse ein neues Rekordhoch erreicht und steigt weiter. Als Haupttreiber gelten Zollsorgen der USA, die Käufer dazu bringen, raffiniertes Kupfer in US-Lagerhäusern zu horten. Gleichzeitig drücken eine seit Wochen angespannte Versorgungslage und die saisonal anziehende Nachfrage aus China auf die Bestände. Für die weitere Preisrichtung bleibt entscheidend, wann eine US-Zollentscheidung konkret wird.

Der Kupfermarkt liefert aktuell ein Lehrbeispiel dafür, wie schnell sich Erwartungen am Terminhandel in reale Lieferketten übersetzen. An der London Metal Exchange kletterte der Preis für den Terminkontrakt auf bis zu 14.617 US-Dollar je Tonne und markierte damit ein neues Rekordhoch. Auffällig ist vor allem die Dynamik über mehrere Handelstage: Der Anstieg setzt sich fort, während das Plus seit Jahresbeginn bei rund 17 Prozent liegt. Für Industrie und Beschaffung bedeutet das weniger nur „teureres Metall“, sondern vor allem teurere und schwerer planbare Vorlaufzeiten, weil Marktteilnehmer auf Knappheit und politische Eingriffe gleichzeitig reagieren.
Im Zentrum steht dabei eine logistische Verschiebung von raffiniertem Kupfer Richtung USA. Berichten zufolge zielen viele Käufer auf die Absicherung gegen mögliche Zölle, indem sie Kupfer in amerikanische Lagerhäuser umlenken. Genau dieser Abfluss schlägt sich unmittelbar in den Beständen nieder: Die Bestände in den Londoner Lagerhäusern schrumpften spürbar, und parallel wurde die Terminkurve deutlich steiler. Fachlich wird das als Backwardation beschrieben, also als Konstellation, in der der Markt für kurzfristige Lieferungen stärker „prämierte“ Preise fordert als weiter entfernte Termine. Solche Kurvenverläufe sind typischerweise ein Signal für akute Kurzfristknappheit, nicht nur für einen langfristigen Trend.
Neben der Zollkomponente wirkt auch die Nachfrageseite über eine zweite Schwachstelle: China bleibt der dominante Käufer, und dort zieht die Nachfrage saisonal an. Konkret werden Lagerbestände an der Shanghai Futures Exchange als zuletzt auf den niedrigsten Stand seit 2024 beschrieben. Wenn Lagerstände sinken, entsteht häufig ein enges Zusammenspiel aus physischer Nachfrage und der Absicherung über den Terminmarkt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Preisbewegungen nicht nur durch „Papierpositionen“ getragen werden, sondern dass sie auch physisch anschwingen: Wer heute einkauft, will nicht nur Future-Absicherung, sondern möglichst schnell verfügbares Material.
Die Angebotslage bekommt zusätzlich eine harte Prägung durch Ereignisse, die inzwischen ein Jahr zurückliegen, aber noch nicht verdaut sind. Genau heute jährt sich der Einbruch von rund 800.000 Tonnen nassen Materials in die Grasberg-Mine in Indonesien, bei dem zwei Arbeiter starben. Solche Störungen haben oft eine zweistufige Wirkung: Erst kommt die unmittelbare Produktionsunterbrechung, danach folgt häufig eine verlängerte Wiederanlauf- und Ramp-up-Phase. In diesem Fall hat Freeport-McMoRan die Produktionsprognose für 2026 für die Anlage um rund ein Drittel gekappt, und eine vollständige Erholung wird frühestens 2027 oder 2028 erwartet. Das erklärt, warum „knapp“ nicht nur ein kurzfristiges Gefühl bleibt, sondern sich in die Angebotsplanung der Abnehmer fortschreiben kann.
Am Terminmarkt spiegeln sich diese Kräfte in der Erwartungshaltung wider. Eine Marktmeinung nennt für das Jahresende Kursmarken um 15.000 US-Dollar je Tonne; im Szenario einer noch stärkeren Nachfrage aus KI-Infrastruktur oder einer deutlichen Industrieerholung werden sogar Werte bis 17.000 US-Dollar genannt. Entscheidend ist jedoch weniger die genaue Zahl, sondern die Frage, welche Variable gerade die größte Volatilität erzeugt: Zölle und die damit verbundene Lager- und Transportentscheidung. Offen bleibt der Prozess, weil die Frist des US-Handelsministeriums für eine Zoll-Empfehlung auf raffiniertes Kupfer bereits am 30. Juni verstrichen ist und die Entscheidung weiterhin aussteht. Bis dahin dürfte der „Wettlauf“ um US-Lagerbestände die Preisdynamik stärker treiben als reine Angebotskennzahlen.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem Handlungsdruck in drei Bereichen. Erstens müssen Einkaufsteams die eigene Materialplanung enger mit der Logistik koppeln: Wenn Backwardation und schrumpfende Lagerbestände gleichzeitig auftreten, kann ein „später bestellen“ teurer werden, als es in einer normalen Marktphase wäre. Zweitens lohnt sich die Überprüfung von Lieferquellen und Vertragsmodellen, etwa bezüglich Abrufzeiten und der Frage, ob physische Lieferung oder Preisabsicherung im Vordergrund stehen sollte. Drittens sollten Controller und Nachhaltigkeitsverantwortliche den Preis nicht losgelöst betrachten: Kupfer ist ein zentraler Baustein in Stromnetzen, Infrastruktur und Anlagenbau, und damit wirken Preisbewegungen oft indirekt auf Projektkalkulationen und Liefertermine. Der Markt kann zwar jederzeit wieder in eine ruhigere Struktur kippen, doch solange Zollentscheidungen ausstehen und die physische Versorgung angespannt bleibt, bleibt die Preisfindung schwer vorhersehbar.
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