LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie identifiziert über 9.000 mögliche Abwehr- und Bewältigungsstrategien, die Frauen je nach Täterprofil und Ereignisphase unterschiedlich in Betracht ziehen. Besonders häufig nennen die Teilnehmenden soziale Verbündete als „Bodyguards“, während in der Prävention häufiger aggressive Abwehroptionen auftauchen. Nach einer bereits erlebten Gewalt stehen dagegen medizinische oder psychologische Unterstützung und das Management von Informationen im Vordergrund. Die Arbeit erstellt damit eine Kontext-Taxonomie – sie zeigt aber nicht, welche Strategien im echten Leben am wirksamsten sind.

Studie kartiert Abwehrstrategien gegen sexuelle Gewalt aus Sicht von Frauen
Studie kartiert Abwehrstrategien gegen sexuelle Gewalt aus Sicht von Frauen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Vorstellung, wie man sich gegen sexuelle Gewalt schützen kann, ist bei vielen Betroffenen nicht nur eine Frage der körperlichen Abwehr, sondern auch eine Entscheidung über Timing, Umfeld und soziale Dynamik. Genau hier setzt die aktuelle Forschung an: Statt nur vorgegebene Verhaltensmuster abzufragen, hat das Studiendesign Frauen 9.000+ mögliche Handlungswege ermitteln lassen, geordnet nach der Beziehung zur potenziellen Täterperson und danach, ob es um die Verhinderung eines Angriffs oder um das Umgehen mit den Folgen geht. Dass die Studienautoren dabei auf eine Kontext-sensible Einteilung setzen, ist methodisch entscheidend, weil sexuelle Gewalt in der Praxis häufig nicht durch Fremde ausgeht, sondern durch Bekanntschaften, Dates oder romantische Partner.

Hintergrund ist eine Lücke in der bisherigen Forschung: Viele Arbeiten haben sich auf einen festen Katalog an Strategien konzentriert, etwa das Meiden abgelegener Orte, das Mitnehmen anderer Personen oder den Einsatz eines Gegenstands zur Verteidigung. Die neue Studie argumentiert dagegen, dass solche Optionen bei bekannten potenziellen Tätern andere praktische und soziale Konsequenzen haben können. Selbst wenn eine Maßnahme „allgemein“ wirkt, kann sie im konkreten Kontext riskanter sein oder anders wahrgenommen werden. Die Forschung greift deshalb eine sexual conflict theory Perspektive auf und behandelt Frauen nicht als passives Empfängerprofil, sondern als Menschen, die aus Erfahrung, Lernprozessen oder entwicklungspsychologischen Mechanismen heraus unterschiedliche Reaktionsmuster entwickeln können.

Die Datengrundlage stammt aus zwei Studien mit klar unterscheidbaren Aufgabenstellungen. Studie 1 befragte 262 Frauen im Alter von 18 bis 75 (Durchschnitt 22 Jahre), rekrutiert zwischen August 2021 und Mai 2022 über das Teilnehmerpool-Umfeld der University of Texas at Austin, Social-Media-Aufrufe und Snowball-Sampling. In fünf zufällig präsentierten Szenarien sollten die Teilnehmenden jeweils drei bis sechs Handlungen nennen, etwa das Reisen durch einen gefährlichen Bereich, das Auftauchen eines Bekannten-„Verdächtigen“ auf einer Party, ein Treffen über eine Dating-App, der Umgang mit einem sexuell aggressiven romantischen Partner oder das Einbringen zusätzlicher Schutzideen allgemein. Daraus entstanden 4.467 Nennungen; anschließend wurden die Antworten zunächst in einem Codierschema organisiert, das Kategorien aus früheren Ansätzen mit Kategorien aus den eigenen Antworten der Teilnehmenden kombinierte, wobei Assistenzforschende ohne Kenntnis der Hypothesen unabhängig codierten.

Die Ergebnisse aus Studie 1 zeigen eine starke Dominanz sozialer Strategien. Am häufigsten wurden Lösungen genannt, die auf soziale Verbündete als eine Art „Bodyguards“ hinauslaufen: Dazu zählten das Informieren vertrauenswürdiger Personen über den Aufenthaltsort, feste Check-ins, Begleitung durch eine zweite Person sowie das Vorspielen, jemand anderes wisse, wo man sich befindet. Diese Kategorie machte fast 29% aller Antworten aus. Daneben spielten defensive Schritte mit Waffen- oder Pfefferspray-Planung mit rund 14% eine nennenswerte Rolle; weitere häufige Antworten waren das Meiden abgelegener Orte, unerwünschte Aufmerksamkeit vermeiden, das Unterlassen von Nachtwegen oder schlicht die Situation nicht betreten.

Interessant ist außerdem, dass die Teilnehmenden Strategien ergänzten, die in früheren Untersuchungen vergleichsweise weniger sichtbar gewesen seien: nüchtern bleiben, eine Beziehung beenden, aktiv Informationen über einen potenziellen Date-Partner recherchieren, Kleidung oder Körpersprache ändern, Schuhe tragen, die zum Laufen geeignet sind, sowie andere Frauen über informelle „whisper networks“ warnen. Gleichzeitig variierten die Nennungen deutlich zwischen den Szenarien: Nüchternheit wurde besonders stark dem Partyszenario mit einem Bekannten-„Verdächtigen“ zugeordnet, Informationssuche war vor Online-Dates besonders häufig, und das Beenden einer Beziehung oder eine verbale Zurückweisung konzentrierte sich vor allem auf das Szenario mit dem romantischen Partner. Studie 2 erweitert diese Perspektive, indem sie die Phase der Handlung stärker trennt: 301 Frauen (18 bis 26 Jahre), rekrutiert zwischen August 2023 und Mai 2024, wurden zufällig in eine Präventionsgruppe und eine Nachsorgegruppe eingeteilt. Die Präventionsgruppe (148) sollte Strategien gegen einen bevorstehenden Übergriff nennen, die Nachsorgegruppe (153) Strategien zur Absicherung nach einem bereits stattgefundenen Übergriff.

In Studie 2 lasen die Teilnehmenden zunächst eine explizite Definition von sexuellem Übergriff und bearbeiteten vier prompts in zufälliger Reihenfolge, die jeweils einen Kontext mit Fremder, Bekanntem, Date oder aktuellem romantischen Partner vorgaben. Sie nannten drei bis sechs Strategien pro Prompt; zusätzlich wurden biologische Geschlechtszuordnung, Gender, Ethnizität, Alter und eine Historie mit erlebter sexueller Gewalt erfasst. So entstanden 2.268 Präventionsstrategien und 2.350 Nachsorge-Strategien, wieder unabhängig codiert durch Teams von Assistenzforschenden. Das Bild ist zweigeteilt: Bei Prävention tauchen aggressive Abwehroptionen am häufigsten auf (33,2% der Nennungen), darunter das Tragen einer Waffe, das Erlernen von Selbstverteidigung oder das Gegenwehr-Element. Verbalen Strategien folgen mit 19,0%, soziale Verbündete mit 16,6%, Wachsamkeit mit 9,8% und Vermeidung mit 8,5%. Gegen Fremde wurden aggressive Abwehrideen häufiger genannt, während Vermeidung bei romantischen Partnern deutlich seltener vorkam als bei anderen Täterkategorien.

In der Nachsorge verschiebt sich die Priorität: Am häufigsten wurde das Suchen medizinischer oder psychologischer Unterstützung genannt (29,4% der Nennungen). Darüber hinaus nannten die Teilnehmenden unter anderem soziale Verbündete, das Vorbereiten auf die Abwehr künftiger Übergriffe, das Zurückziehen aus dem sozialen Umfeld, Aktivismus oder Ausdrucksformen, das Kontrollieren, wer nach einem Vorfall über das Geschehen erfährt, das Verfolgen rechtlicher Schritte, Selbstfürsorge sowie das Warnen anderer. Auffällig ist dabei, dass Nachsorge-Strategien insgesamt weniger abhängig von der Identität des potenziellen Täters sind, aber dennoch Muster zeigen: So wurde das Management von Informationen nach einem Übergriff durch Bekanntschaft vergleichsweise öfter genannt, verbale Grenzen bei romantischen Partnern waren häufiger, und Rückzug nach Übergriffen durch Partner taucht stärker als Reaktion auf als bei Fremd- oder Bekanntenkontexten.

Die Autoren kombinieren beide Studien zu einer vorläufigen Taxonomie mit mehr als 19 Oberkategorien und 48 konkreten Taktiken. Wichtig für die Interpretation: Die Taxonomie beschreibt, welche Strategien Frauen sich vorstellen können, nicht ob sie diese in realen Situationen tatsächlich anwenden, und auch nicht, welche Optionen sich in der Praxis als wirksamer erweisen. Veröffentlicht wurde die Arbeit unter dem Titel „Women’s Defenses Against Sexual Violence“ von Rebecka K. Hahnel-Peeters und David M. Buss in Evolutionary Psychological Science. Für den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs ist das dennoch relevant, weil das Ergebnis eine deutlich feinere Kontextauflösung liefert als die meisten bisherigen Untersuchungen und damit auch Anschlussfragen ermöglicht, etwa wie Unterstützungssysteme, Informationswege und Präventionsprogramme an unterschiedliche Beziehungs- und Phasenlogiken angepasst werden könnten.


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