LONDON (IT BOLTWISE) – Lululemon senkt seine Umsatz- und Gewinnprognosen und verliert damit schnell Vertrauen am Kapitalmarkt. Die Aktie fällt im Handel teils um bis zu 20 Prozent, nachdem ein bereinigter Gewinnbeitrag wesentlich aus einer einmaligen Zoll-Rückerstattung stammt. Für 2026 rechnet der Konzern nun mit rückläufigen Erlösen und einem deutlich niedrigeren Gewinn je Aktie als zuvor. Gleichzeitig verstärken Leggings-Schwäche in Nordamerika und Gegenwind in China den Druck auf das Management.

Beim Sportbekleidungshersteller Lululemon wirkt die jüngste Ergebnisstory auf den ersten Blick solide, bei genauerer Prüfung aber wie ein Lehrbeispiel dafür, wie stark Sondereffekte die Interpretation von Kennzahlen verzerren können. Das Unternehmen senkte seine Umsatz- und Gewinnprognosen für das laufende Geschäftsjahr, worauf die Aktie im nachbörslichen und vorbörslichen Handel um bis zu 20 Prozent einbrach. Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet Lululemon nun einen Umsatzrückgang von 5 bis 7 Prozent; zuvor war zumindest ein Szenario mit stagnierenden Erlösen in den Erwartungen enthalten. Beim Gewinn je Aktie liegt die Spanne mit 9,48 bis 9,73 Dollar deutlich unter dem vorher genannten Korridor von 10,95 bis 11,15 Dollar.
Der Kern der Anlegerverunsicherung liegt in der Aufschlüsselung des bereinigten Quartalsergebnisses: Zwar lag der bereinigte Gewinn bei 2,92 Dollar je Aktie und damit klar über der Analystenerwartung von rund 1,79 bis 1,82 Dollar. Doch ein großer Teil dieses Vorsprungs stammt aus einer einmaligen Rückerstattung zuvor gezahlter US-Einfuhrzölle in Höhe von 134,5 Millionen Dollar. Nach Abzug dieses Sondereffekts hätte der bereinigte Gewinn je Aktie laut Unternehmensdarstellung eher bei etwa 2,06 Dollar gelegen, also nahe an die ursprünglichen Erwartungen heran oder sogar darunter. Auch die Bruttomarge stieg zwar um 200 Basispunkte auf 60,5 Prozent, 560 dieser Basispunkte werden jedoch demselben Zolleffekt zugeschrieben – die operative Entwicklung bleibt damit offenbar schwächer, als die isolierte Marge vermuten lässt.
Damit verschiebt sich die Debatte von einem erwarteten operativen Turnaround hin zu einer Frage nach Nachhaltigkeit. Im zweiten Quartal sank der Umsatz um 4 Prozent auf 2,42 Milliarden Dollar und verfehlte damit die Konsensschätzung von 2,46 Milliarden Dollar. Besonders schmerzhaft war die Entwicklung in Nordamerika: Dort brachen die vergleichbaren Umsätze um 9 bis 12 Prozent ein, je nach Berechnungsmethode. Auf dem Analystencall räumte Interims-Co-CEO und Finanzchefin Meghan Frank ein, dass das Unternehmen eine stärkere als erwartete Abschwächung in zentralen Produktkategorien erlebt habe, insbesondere bei Leggings und Damen-Oberteilen. Dass gerade das traditionelle „Herzstück“ der Marke – die Leggings – im Quartal um rund 20 Prozent einbrach, wirkt wie ein Signal dafür, dass nicht nur Nachfrage volumenmäßig schwächer ausfällt, sondern auch das Produktmomentum.
Der Druck kommt zudem aus mehreren geografischen Richtungen gleichzeitig. In China zeigten sich laut Bericht zunehmende Gegenkräfte, wobei Umsatzausfälle maßgeblich mit einer Welle negativer Kommentare in sozialen Medien sowie einem schwächer als geplanten Tmall-618-Verkaufsevent zusammenhängen. Zusätzlich belastete die laufende Untersuchung zu sogenannten Ewigkeitschemikalien in der Kleidung, die dort intensive Debatten ausgelöst habe. In Regionen wie dem Nahen Osten, Europa und Afrika wirkt daneben der andauernde Nahost-Konflikt auf das Franchise-Geschäft sowie auf den europäischen Tourismus. Für ein Markenunternehmen ist eine solche Gemengelage besonders anspruchsvoll, weil Marketing- und Sortimentsentscheidungen in der Regel zwar schnelle Impulse geben können, aber die Akzeptanz im Markt langfristig von Konsistenz und Vertrauen abhängt.
Für Anleger ist vor allem die Signalfunktion der Guidance entscheidend: Es handelt sich bereits um die zweite Prognosesenkung innerhalb eines Jahres. Beim dritten Quartal erwartet das Management einen weiteren Umsatzrückgang von 10 bis 11 Prozent – deutlich höher als im zweiten Quartal – was auf eine länger anhaltende Abwärtsdynamik hindeutet, statt auf eine kurzfristige Gegenbewegung. Auch die Markdowns nahmen zu: Die Preisnachlässe zur Räumung von Lagerbeständen stiegen im Quartal um 70 Basispunkte und sollen im dritten Quartal angesichts saisonaler Überbestände weiterhin erhöht bleiben. Diese Kombination aus wachsendem Preisdruck und sinkender Nachfrage ist aus operativer Sicht typisch für Phasen, in denen die Werterosion im Bestand bereits eingepreist werden muss, um Liquidität und Tempo in den Abverkauf zu bringen.
Während die Zahlen den unmittelbaren Handlungsdruck zeigen, steht zugleich der Führungswechsel im Mittelpunkt: Heidi O’Neill soll kommende Woche ihr Amt als neue Vorstandschefin antreten, in einer Phase, die der Konzern als schwerste Krise seiner Firmengeschichte darstellt. O’Neill, zuvor Managerin bei Nike, muss sich in Nordamerika mit einer schwächelnden Nachfrage und zunehmender Konkurrenz auseinandersetzen. Genannt werden dabei aufstrebende Marken wie Alo Yoga und Vuori. Seit Jahresbeginn 2025 hat die Lululemon-Aktie fast 69 Prozent an Wert verloren – ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Markt nicht nur kurzfristige Schwankungen handelt, sondern strukturelle Probleme vermutet. Dass der Konzern zugleich einen Belastungsfaktor ausgeräumt hat, nämlich den Machtkampf um einen Vorstandssitz sowie eine Untersuchung zur Chemikalienverwendung der Marke, dürfte Investoren zwar entlasten; gleichzeitig bleiben Unsicherheiten, wie schnell O’Neill das operative Momentum zurückholen kann.
Auch die konkreten Maßnahmen zur Steuerung von Wachstum und Kapitalallokation unterstreichen, wie ernst das Management die Lage nimmt. Lululemon reduzierte sein Ziel für Neueröffnungen im laufenden Jahr von 40 auf rund 35 Filialen – ein Schritt, der auf diszipliniertere Investitionsentscheidungen und eine vorsichtiger abgestimmte Kapazitätsplanung hindeutet. Frank betonte im Call, es gebe zwar erste positive Signale bei neueren Produktlinien, etwa körperferner geschnittene Hosen für Frauen; dennoch bleibe die Performance über das gesamte Sortiment uneinheitlich. Damit verknüpft sich ein klassisches Dilemma: Neue Produktimpulse benötigen Nachfrage, aber gerade die Nachfrage ist unter Druck, weshalb die ersten Quartale mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Ringen um Abverkaufstempo und Sortimentstiefe zeigen werden.
Gleichzeitig existiert ein Boden für Hoffnung, weil die Bewertung bereits stark nachgegeben hat. Trotz des dramatischen Kurssturzes sehen manche Analysten vorsichtigen Optimismus: Die Aktie notiert inzwischen zum niedrigsten Kurs-Gewinn-Verhältnis der Firmengeschichte. Dafür sprechen aus Investorensicht mehrere Faktoren, die im Bericht ausdrücklich als vorhanden beschrieben werden: eine global anerkannte Premium-Marke, beachtliche Bruttomargen sowie ein etablierter Kundenstamm. Hinzu kommt eine Liquiditätsbasis von 1,39 Milliarden Dollar, die O’Neill beim Amtsantritt finanziellen Spielraum verschaffen kann. Ob diese Spielräume zu einer Trendwende führen, entscheidet sich allerdings in den kommenden Quartalen – und zwar in Regionen, in denen aktuell in praktisch jeder wichtigen Weltregion rückläufige vergleichbare Umsätze zu bewältigen sind. Genau dort wird sich zeigen, ob Lululemon die operative Marge ohne Zoll-Effekte stabilisieren, das Leggings-Problem lösen und die Markenhürden in China nachhaltig senken kann.
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