LONDON (IT BOLTWISE) – Im US-E-Commerce liegt der Anteil 2026 laut Census Bureau bei 16,9 % und damit auf einem Rekordniveau. Gleichzeitig entfallen laut den zugrunde liegenden Auswertungen weiterhin mehr als vier Fünftel der Konsumausgaben auf physische Geschäfte. Die Zahlen sprechen damit gegen einen schnellen Komplettwechsel zum Online-Handel. Für Händler und Immobilieninvestoren wird entscheidend, wie stark sich Standorte als Erlebnis- und Aufenthaltsorte inszenieren lassen.

Der stationäre Handel steht trotz steigender Online-Quoten nicht vor dem Aus. Im Gegenteil: Im ersten Quartal 2026 erreichte der US-E-Commerce nach Daten des Census Bureau einen Rekordanteil von 16,9 % an den gesamten Einzelhandelsumsätzen. Laut der von JLL vorgenommenen Zusammenstellung zeigt sich dabei ein klares Bild: Der digitale Kanal wächst, aber er wächst innerhalb eines Gesamtmarkts, der weiterhin mehrheitlich offline stattfindet. Selbst bei dem genannten E-Commerce-Zuwachs entfallen nach wie vor über vier Fünftel der Konsumausgaben auf physische Geschäfte.
Diese Differenz wirkt in der Praxis wie eine Leitplanke für strategische Entscheidungen. Viele Verbraucher nutzen digitale Angebote vor allem dann, wenn sie Bequemlichkeit und eine breite Produktauswahl liefern können. Dennoch bleibt das stationäre Einkaufserlebnis für den größten Teil der Kundschaft entscheidend, vor allem wegen Aspekten, die sich online nur eingeschränkt simulieren lassen: direkte Interaktion, das Anprobieren sowie die sofortige Verfügbarkeit. Genau deshalb verpufft ein „Nur-Online“-Ansatz häufig im Alltag, während „Omnichannel“ als pragmatische Antwort auf Nachfrage realen Wettbewerbsvorteil schafft.
Technisch betrachtet ist das keine reine Marketingfrage, sondern ein Betriebskonzept entlang der Customer Journey. Online-Plattformen übernehmen zunehmend die Such- und Entscheidungsphase, etwa wenn Kundinnen und Kunden Varianten vergleichen, Lieferoptionen prüfen oder Bewertungen einordnen. Der stationäre Part spielt dann die Rolle der finalen Bestätigung und des unmittelbaren Ergebnisses: Kauf, Anprobe, Rückfragen an geschulte Mitarbeitende und die Möglichkeit, Produkte direkt mitzunehmen. Daraus folgt, dass Händler die Kanäle nicht als Gegenspieler behandeln sollten, sondern als gekoppelte Abläufe, in denen Verfügbarkeit, Retourenlogik und Informationskonsistenz zusammenpassen müssen.
Ein zweiter Hebel liegt in der Standortstrategie. Wenn physische Geschäfte weiterhin über 80 % der Ausgaben abbilden, verschiebt sich der Fokus weg von reinen Verkaufsflächen hin zu Immobilien, die Aufenthaltsqualität liefern. Das kann bedeuten, dass Grundrisse so gestaltet werden, dass sie eine bessere Orientierung ermöglichen, Bereiche für Beratung und Service stärker sichtbar sind oder Laufwege kürzer ausfallen. Ebenso gewinnt die Umgebung an Bedeutung, weil Einkauf längst mit sozialer Interaktion und dem Erlebnischarakter eines Besuchs verknüpft ist. Für Investoren und Entwickler heißt das: Modernisierung und Neukonzeption werden eher dort nachgefragt, wo sich aus Retail-Flächen ein funktionales Nutzungskonzept formen lässt, das auch ohne dauernden Preiskampf funktioniert.
Auch der Immobilienmarkt muss deshalb differenziert schauen. Die Nachfrage nach traditionellen reinen Verkaufsflächen kann sich zwar wandeln, aber sie verschwindet nicht automatisch. Stattdessen steigt das Interesse an Standorten, die über die reine Produktpräsentation hinaus Nutzen stiften und die Erwartungen der Konsumenten treffen: bessere Erreichbarkeit, ein überzeugendes Nutzungsmix-Angebot und eine klare Positionierung als Erlebniszentrum. In der Praxis entsteht dadurch eine höhere Komplexität in der Projektentwicklung, weil Vermietung, Umbau und Betrieb stärker voneinander abhängen als in früheren „Mieten-und-Fertig“-Szenarien.
Für die kommenden Monate ist besonders relevant, wie konsequent Händler ihre physischen Standorte in ein modernes Kundenerlebnis übersetzen. Nicht jedes Center oder jede Einzelhandelslage wird automatisch gewinnen; entscheidend ist, ob sie sich über Service, Beratung, Community und eine passende Ladengestaltung abheben. Wer digitale Touchpoints nutzt, um den stationären Besuch zu verbessern – etwa durch personalisierte Empfehlungen oder eine reibungslose Verfügbarkeitssicht – kann die Online-Wachstumsdynamik mit der offline dominierenden Nachfrage verknüpfen. KI und KI-gestützte Analyse spielen dabei eine Rolle, weil sie Daten aus digitalen und physischen Interaktionen zusammenführen können, um Nachfrage besser vorherzusehen und Sortimente gezielter zu planen.
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