BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Bahn zwingt Reisende im Fernverkehr zwischen Nordrhein-Westfalen und Berlin ab Oktober für rund 14 Monate in eine Umleitungsroute. Betroffen sind alle Fernzüge zwischen Berlin und Hannover, die laut neuem Konzept über Braunschweig und Magdeburg fahren. Dadurch verlängert sich die Fahrzeit den Angaben zufolge um etwa 80 Minuten. Gleichzeitig verschiebt sich die Elektrifizierung einer Ausweichstrecke deutlich bis Dezember 2027.

Für viele Verbindungen zwischen Nordrhein-Westfalen und Berlin ändert sich ab Oktober 2026 kurzfristig vor allem eines: die geplante Reisezeit. Die Deutsche Bahn will im Rahmen einer Generalsanierung auf der Strecke Berlin-Lehrte Fernzüge nicht wie gewohnt zwischen Berlin und Hannover durchfahren lassen, sondern sie über Umleitungsstrecken führen. Dadurch müssen Reisende in der Zeit bis Ende 2027 deutlich mehr Fahrzeit einplanen. Konkret betrifft das die Verbindungen, die bisher über Hannover laufen; sie sollen künftig über Braunschweig und Magdeburg umgeleitet werden, wie der bundeseigene Konzern erste Details zum Konzept bekanntgab.
Im neuen Muster entsteht so eine klassische „Netz-Substitution“: Die direkte Achse wird vorübergehend außer Betrieb gesetzt, während alternative Korridore die Nachfrage abfangen. Von 2. Oktober an bis Dezember des kommenden Jahres sollen demnach sämtliche Fernzüge zwischen Berlin und Hannover über die genannten Umleitungsrouten fahren. Am Tag sollen dabei jeweils pro Zwei-Stunden-Zeitraum drei Fernzüge pro Richtung unterwegs sein. Für den Alltag bedeutet das nicht nur längere Zeiten, sondern auch eine andere taktliche Verteilung im Fahrplan: Wer bisher einen bestimmten Anschluss- und Umsteigeplan entlang der Hannover-Schiene hatte, muss diese Geometrie ab Oktober neu kalkulieren.
Der zweite Engpass liegt nach Angaben der Bahn in der Elektrobetriebsfähigkeit der vorgesehenen Alternativen. Eigentlich hätte es bereits ab dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember einen Teil der Fernzüge wieder auf direktem Weg zwischen Berlin und Hannover geben sollen, und zwar eingleisig über die parallel zur Schnellfahrstrecke verlaufende „Stammbahn“. Doch die derzeit laufende Elektrifizierung dieser Ausweichstrecke verzögert sich erheblich; sie soll ebenfalls bis Dezember 2027 dauern, also ein Jahr länger als ursprünglich geplant. Damit verschiebt sich die Hoffnung vieler Pendler und Fernreisender, mittelfristig wieder näher an die ursprüngliche Route heranzukommen, weiter nach hinten.
Unklar bleibt vorerst zudem, wie die betroffenen Halte Stendal und Wolfsburg in der Umbauphase bedient werden. Halteoptionen würden derzeit geprüft, teilte die Bahn mit. Das ist aus Fahrgastsicht relevant, weil Halte nicht nur die Reisezeit, sondern auch die Erreichbarkeit ganzer Regionen verändern können. Gleichzeitig laufen die Arbeiten auf der rund 227 Kilometer langen Strecke Berlin-Lehrte auf ein komplettes Sanierungsfenster zu: Zwischen Oktober dieses Jahres und Dezember 2027 soll die Strecke umfassend saniert und vollständig gesperrt werden. Erneuert werden dabei Weichen, Gleise und Oberleitungen – also genau die Komponenten, die bei hochbelasteten Korridoren über Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit entscheiden.
Für Reisende heißt das bis zum Ende der Sperrung erhebliche Einschränkungen, nicht nur im Fernverkehr. Die Bahn plant laut eigenen Angaben ein „verl ässliches Grundangebot“ und will dort, wo keine Züge fahren können, leistungsfähige Ersatzverkehre mit Bussen organisieren. Ziel ist es, die Auswirkungen der notwendigen Fahrplananpassungen möglichst gering zu halten. Die Züge sollen demnach zudem „möglichst nah an den gesperrten Streckenabschnitt herangeführt“ werden, was in der Praxis meist bedeutet: Umsteigewege werden verkürzt, aber eine echte Voll-Parallelisierung des Fernverkehrs über die Umleitungsachsen gelingt selten vollständig.
Auch der Güterverkehr wird nicht im Status quo bleiben. Die Bahn will ihn ebenfalls über Braunschweig und Magdeburg umleiten und die Strecke in den kommenden Wochen entsprechend auf die höhere Auslastung vorbereiten. Für einen späteren Zeitpunkt kündigt der Konzern an, dass ab Ende Januar 2027 für Güterzüge eine zusätzliche zweite Umleitungsstrecke über Halle –Eichenberg zur Verfügung steht. Diese Strecke werde derzeit modernisiert und ausgebaut; dafür verschiebe die Bahn außerdem Bauarbeiten, die ursprünglich für den Sommer 2027 geplant waren. Damit zeigt sich ein typisches Dilemma großer Infrastrukturprojekte: Ressourcen im Gleis- und Stromsystem müssen so verteilt werden, dass der Regelbetrieb nicht nur „irgendwie“, sondern netzverträglich weiterlaufen kann – auch wenn einzelne Zeitfenster kollidieren.
Hinter der konkreten Umleitungsmaßnahme steckt ein größerer Sanierungsfahrplan der Deutschen Bahn: Mit den Generalsanierungen will der Konzern bis Mitte der 30er Jahre mehr als 40 stark ausgelastete Streckenkorridore umfassend erneuern. Nach Verzögerungen und Problemen bei zuletzt zwei solcher Projekte will Bahnchefin Evelyn Palla das Konzept überprüfen und Zeitpläne anpassen. Für Unternehmen und Reisende ist das mehr als ein lokales Bauvorhaben, denn Änderungen im Fern- und Güterverkehr schlagen oft unmittelbar auf Lieferketten, Terminplanung und Personalauslastung durch. Wer in den betroffenen Korridoren plant, sollte daher nicht nur die reine Fahrzeitsteigerung von rund 80 Minuten im Blick behalten, sondern auch die voraussichtlichen Folgen für Anschlüsse, Umsteigeverkehre und die spätere Verfügbarkeit elektrifizierter Alternativen bis Dezember 2027.
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