LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung aus Schweden stellt die bisherige Deutung auf den Kopf: An anspruchsvollen, kindzentrierten Erziehungsbildern orientierte Menschen zeigen offenbar eher einen stärkeren Kinderwunsch. Die Ergebnisse wurden in einer Studie im Journal of Marriage and Family veröffentlicht. Statt die Gründung oder Erweiterung von Familien zu bremsen, geht das Ideal von intensiver Elternschaft mit dem Wunsch einher, selbst Eltern zu werden. Entscheidend sind dabei vor allem Haltungen, die als „Paket“ aus Wunsch und Erziehungsnormen zusammenhängen.

Die anhaltende Debatte um sinkende Geburtenraten bekommt durch eine neue Studie aus Schweden eine ungewohnte Gegenposition. Viele Modelle gehen davon aus, dass steigende Kosten sowie der hohe Zeit- und Erfüllungsdruck moderner Elternschaft Menschen abschrecken. „Intensive parenting“ ist genau diese kulturelle Leitidee: Kindererziehung wird dabei als emotional intensiv, arbeitsreich und finanziell anspruchsvoll verstanden, während Eltern die Bedürfnisse der Kinder über die eigenen stellen und dauerhaft anregende Aktivitäten organisieren sollen. Die Studie, veröffentlicht im Journal of Marriage and Family, prüft nun direkt, ob solche Vorstellungen tatsächlich als Bremse für den Kinderwunsch wirken – oder ob sie sich in der Praxis anders auswirken.
Zunächst lohnt sich ein Blick auf die Ausgangslage: In vielen einkommensstarken Ländern sinken die Geburtenraten seit Jahrzehnten. Für Schweden nennt die Forschung einen Tiefstand der zusammengefassten Geburtenziffer („total fertility rate“) von 1,45 Kindern pro Frau im Jahr 2023. Solche Werte passen scheinbar gut zu der Intuition, dass ein stärkerer Druck auf Familienentscheidungen wächst. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass „intensive parenting“ nicht automatisch bedeutet, dass Menschen sich deshalb gegen Kinder entscheiden. Vielmehr deutet das Ergebnis darauf hin, dass das Erziehungsideal stärker mit dem Willen zur Familiengründung gekoppelt ist, als es traditionelle ökonomische Erklärungen nahelegen.
Ungewöhnlich ist vor allem die Richtung der Zusammenhänge. Die Autorin Sunnee Billingsley, Professorin für Soziologie an der Stockholm University, ordnet das Problem in den Kontext der unerklärten Abnahme der Fertilität ein. In den Daten zeigt sich kein Muster, bei dem „intensive parenting“ Menschen vom Elternwerden fernhält. Stattdessen gilt: Wer intensive Erziehungsnormen stark oder zumindest moderat unterstützt, ist im Schnitt deutlich seltener entschlossen, dauerhaft kinderlos zu bleiben. Das Ergebnis ist konkret gemessen: Personen, die starke intensive parenting-Einstellungen haben, sind gegenüber der Gruppe, die diese Normen aktiv ablehnt, um 20 bis 26 absolute Prozentpunkte weniger wahrscheinlich, kinderfrei bleiben zu wollen. Selbst bei einer eher gemischten oder neutralen Haltung liegt die Neigung zum Kinderfrei-Bleiben unter der der Ablehner.
Das Bild setzt sich fort, wenn es nicht um „kinderlos oder nicht“, sondern um die Erweiterung der Familie geht. In der Stichprobe hatten Befragte bereits zwei oder mehr Kinder, und die Erwartung wäre, dass zusätzliche Anforderungen dann besonders abschreckend wirken. Tatsächlich zeigt sich aber ein gegenläufiger Effekt: Von den Befragten mit zwei oder mehr Kindern planten 86,8 %, keine weiteren Kinder zu bekommen. Entscheidend ist jedoch der Vergleich zwischen den Einstellungsgruppen: Befragte mit starken intensiven parenting-Überzeugungen waren 14 Prozentpunkte weniger wahrscheinlich, die Familienplanung mit „Stopp“ zu beenden als die Gruppe, die intensive parenting-Ideen ablehnt. Inhaltlich passt das dazu, dass das Ideal nicht primär als Überforderungsfaktor gelesen wird, sondern als Teil einer motivierenden Familienvision, die auch höhere-Ordnung-Geburten einschließen kann.
Weniger eindeutig ist die Rolle beim „Aufschieben“ von Elternschaft. Die Studie findet keinen konsistenten Zusammenhang zwischen intensiven parenting-Haltungen und der Absicht, den Zeitpunkt der Elternschaft lediglich zu verzögern. Bei kinderlosen Frauen zeigen die verschiedenen Einstellungsprofile statistisch keine klar unterschiedlichen Pläne zum Hinausschieben. Bei Männern gibt es zwar einen leichten Hinweis, dass stark eingestellte Personen weniger zur Verzögerung tendieren, aber insgesamt unterstützt das Muster die These nicht, intensive parenting mache Menschen vor allem „zeitlich unentschlossen“. Technisch betrachtet ist das relevant, weil es den Mechanismus verschiebt: Wenn Erziehungsnormen eher mit „ja zu Kindern“ als mit „später vielleicht“ gekoppelt sind, dann geht es weniger um kurzfristige Abwägungen unter Stress und mehr um eine grundsätzlichere Passung von Lebensentwurf und Normvorstellungen.
Wie kamen die Forschenden zu diesen Ergebnissen? Sie analysierten Daten aus der schwedischen „Generations and Gender Survey“ aus dem Jahr 2021. In die Auswertung gingen Antworten von 3.397 schwedischen Männern und Frauen ein; die Frauen waren zwischen 18 und 40 Jahre alt, die Männer zwischen 18 und 45. Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung schwanger waren, oder die berichteten, sie seien physisch nicht in der Lage, Kinder zu bekommen, wurden ausgeschlossen. Befragt wurde sowohl zu kurz- als auch langfristigen Kinderwünschen, etwa ob Menschen dauerhaft kinderlos bleiben, die Elternschaft aufschieben oder – falls sie bereits Eltern sind – weitere Kinder bekommen wollen. Zur Erfassung der Erziehungsnormen wurden sechs Items genutzt, unter anderem Aussagen wie, dass „die Bedürfnisse der Kinder vor den Bedürfnissen der Eltern kommen sollten“ und dass „Kindererziehung der anspruchsvollste Job der Welt ist“.
Methodisch gruppierten die Autor: innen die Teilnehmenden anschließend über eine statistische Technik in fünf Profile, je nachdem, wie stark sie intensive parenting insgesamt befürworten oder ablehnen. Diese Profile wurden dann den Kinderwunschplänen gegenübergestellt. Auffällig ist dabei, dass die Studie die Interpretation „Normen abschreckend“ gerade nicht bestätigt. Im Studiendesign steckt allerdings auch die Grenze der Aussage: Die Daten sind querschnittsbasiert und bilden damit einen Zeitpunkt ab. Die Forschenden können nicht zuverlässig bestimmen, ob eine Haltung die konkrete Familienplanung verursacht oder ob umgekehrt der Wunsch nach Kindern Menschen auch dazu bringt, die dominierenden Normen mit aufzunehmen. Genau diese Möglichkeit nennt Billingsley als mögliche Erklärung über „anticipatory socialization“: Wer ohnehin Kinder will, übernimmt typischerweise auch die gesellschaftlich prägenden Vorstellungen dazu, wie man „gute“ Elternschaft gestalten soll.
Auch weitere Deutungen bleiben im Raum. Eine mögliche Variante lautet, dass Kinder einen Weg eröffnen, sozialen Respekt zu gewinnen: Wenn das erfolgreiche Aufziehen eines Kindes als persönliches Leistungsziel und als Spiegel guter Moral gilt, könnten Menschen, die intensive Erziehung besonders schätzen, motivierter sein, Kinder zu bekommen. Gleichzeitig betont die Studie ihre Einordnungsmöglichkeiten und Einschränkungen. Die Stichprobe nutzte einen relativ niedrigen Rücklauf; zwar wurden statistische Gewichte verwendet, um unterrepräsentierte Gruppen zu berücksichtigen, dennoch könnte die Wahrnehmung der Gesamtbevölkerung verzerrt sein. Zudem erfasst das Messinstrument für intensive parenting nur sechs Aspekte, andere Dimensionen des Ideals bleiben außen vor. Und schließlich ist Schweden selbst ein Sonderfall: Mit subventionierter Kinderbetreuung sowie großzügigem bezahltem Elternurlaub für Mütter und Väter existieren institutionelle Stabilisatoren, die potenzielle Belastungen abfedern. Wenn solche sozialen Sicherheitsnetze fehlen, könnte sich das Verhältnis zwischen Erziehungsnormen und Fertilität anders darstellen. Genau deshalb planen die Autor: innen Folgestudien, die prüfen, ob die beobachtete Kopplung zwischen Einstellungen und realisierten Geburten auch über Ländergrenzen hinweg robust bleibt.
Für Entscheidungsträger und Arbeitgeber ist das Ergebnis vor allem deshalb relevant, weil es die Debatte um Demografie und Elternschaft stärker auf die psychologische und kulturelle Ebene zurückführt. „Intensive parenting“ wird darin weniger als reiner Kosten- oder Stressfaktor sichtbar, sondern als Teil eines Pakets aus Motivation und Normorientierung. Wer Familien in den Blick nimmt, sollte deshalb nicht nur über monetäre Unterstützung sprechen, sondern auch darüber, wie gesellschaftliche Leitbilder Elternhandeln formen. Gleichzeitig bleibt der praktische Wert der Studie klar: Sie zeigt, dass hohe Ansprüche und kindzentrierte Werte nicht zwangsläufig in Rückzug münden. Im Gegenteil – in den vorliegenden schwedischen Daten gehen anspruchsvolle Erziehungsideale mit einem stärkeren Wunsch nach Elternschaft einher.
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