BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Zollstreit zwischen den USA und Kanada öffnet nach Einschätzung von DIHK und BGA neue Absatzmöglichkeiten für Deutschland und Europa. DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier rechnet damit, dass kanadische Firmen bei erschwertem US-Zugang stärker alternative Märkte ansteuern. Der Exportverband BGA verweist auf steigende kanadische Ausfuhren außerhalb der USA und nennt Deutschland als relevantes Zielland. Entscheidend ist nun, ob die EU über CETA ihre Handelsbeziehungen zusätzlich beschleunigen kann.

Der Konflikt zwischen den USA und Kanada ist auf den ersten Blick eine klassische Zoll- und Handelsstreitigkeit. Doch aus Sicht deutscher Wirtschaftsverbände verschiebt er auch die Marktlogik: Wenn sich der Zugang zum US-Markt für kanadische Anbieter spürbar verengt, kann das den Druck erhöhen, Absatzwege in anderen Regionen aufzubauen. Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK, bringt diesen Mechanismus auf den Punkt: Er erwartet, dass kanadische Unternehmen ihr Interesse an alternativen Exportmärkten steigern, und sieht damit auch eine reale Chance für Europa. Für Unternehmen in Deutschland bedeutet das vor allem eines: Lieferketten und Vertriebsstrategien sollten nicht nur unter dem Aspekt „Absatz in den USA“ betrachtet werden, sondern ebenso unter „Ersatzmärkte in der EU“.
Technisch betrachtet ist so ein Zollkonflikt weniger eine politische Abstraktion als eine Veränderung der relativen Kostenstruktur entlang der Wertschöpfung. Treier verweist in diesem Kontext auf das Handelsabkommen CETA, das mit dem vorläufigen Inkrafttreten bereits 2017 als Grundlage für den Ausbau der EU‑Kanada-Beziehungen dient. Laut seiner Darstellung ist der Warenhandel zwischen der EU und Kanada seitdem um 76 Prozent gewachsen, allerdings sei das Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Diese Aussage lässt sich wirtschaftlich übersetzen: CETA wirkt nicht nur als Handelsvereinbarung, sondern senkt für viele Produktkategorien die Reibung, die sonst durch Zölle und Wechselwirkungen in der Zollabwicklung entstehen würden. Gerade in Phasen erhöhter Marktvolatilität wird ein bestehender Abkommensrahmen häufig zum Hebel, weil Unternehmen schneller umsteuern können als bei vollkommen neuen Verhandlungsständen.
Im Marktteil untermauern der Exportverband BGA und Verweise auf Daten von Statistics Canada die Argumentation. Dirk Jandura, Präsident des BGA, sieht bereits „erste deutliche Anzeichen“ dafür, dass Kanada seine Exporte stärker auf Ziele außerhalb der USA ausrichtet. Nach Angaben von Statistics Canada seien die kanadischen Exporte in Länder außerhalb der USA im Juli den dritten Monat in Folge gestiegen und hätten mit 25,6 Milliarden kanadischen Dollar einen Rekordwert erreicht; Deutschland zählt dabei zu den wichtigsten Zielländern. Entscheidend ist: Diese Bewegung zeigt, dass Unternehmen nicht erst reagieren, wenn die Eskalation vollständig durchschlägt, sondern bereits parallel Märkte diversifizieren. Für deutsche Entscheider heißt das, dass Marktanteile nicht nur durch neue Zölle entstehen, sondern auch durch vorherige Anpassungen im Vertrieb, in der Logistikplanung und in den Produktmischungen.
Während Verbände die Chance betonen, steigt gleichzeitig die operative Belastung durch den konkreten Zollmechanismus. Die USA kündigten Einfuhrverbote für bestimmte Produkte aus Kanada an, darunter einige Molkereiprodukte, alkoholische Getränke und Motorräder, die ab dem 29. September nicht mehr eingeführt werden dürfen. Bereits zuvor traten kanadische Gegenzölle auf US-Importe in Kraft. Betroffen sind laut Angaben Produkte aus Bereichen wie Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Zellstoff und Papier sowie Elektronik. In der Summe geht es dabei um Aufschläge von bis zu 50 Prozent auf US-Einfuhren; das ist eine Dimension, die in vielen Geschäftsmodellen unmittelbar auf Preis, Nachfrage und Lieferpläne durchschlägt. Für Unternehmen zählt deshalb weniger die politische Schlagzeile, sondern die Frage, welche Produktkategorien, Ursprungsregeln und Zolltarife konkret betroffen sind.
Auch bei den Gesprächen gibt es eine wichtige Zwischenlage: Die Handelsgespräche zwischen den USA und Kanada waren zuvor gescheitert, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Unternehmen in der Zeit bis zu einer möglichen Entspannung mit „neuen Normalwerten“ rechnen müssen. Treier argumentiert deshalb für eine strategische Weiterentwicklung der Beziehungen zu Kanada – und zwar nicht nur als Handelsfrage. Er ordnet die Perspektive explizit breiter ein: Europa und Kanada seien Partner bei Innovation, kritischen Rohstoffen, wirtschaftlicher Sicherheit und resilienten Wertschöpfungsketten. Für die Praxis heißt das, dass die Chancen nicht ausschließlich im kurzfristigen Warenexport liegen, sondern auch in der Planung langfristiger Beschaffungs- und Kooperationsmodelle, etwa wenn Rohstoffströme, Vorprodukte oder Produktionskapazitäten neu ausbalanciert werden müssen.
Für Deutschland lässt sich daraus eine klare Handlungslogik ableiten: Die Exportchancen entstehen im Kern dadurch, dass Nachfrage und Lieferangebote in Bewegung kommen. Wenn kanadische Lieferanten den US‑Fokus verlieren oder zumindest relativ weniger attraktiv finden, verschieben sich Verhandlungen und Ausschreibungen – und europäische Abnehmer können sich mitunter günstiger positionieren, etwa bei Konditionen, Lieferzeiten oder Zahlungsmodellen. Gleichzeitig sollten Unternehmen die Nebenwirkungen ernst nehmen: Gegenzölle können Wertschöpfungsketten zwar internationaler machen, aber auch die Komplexität erhöhen, weil unterschiedliche Zolltarife, Umsprungsnachweise und Verpackungs- oder Handelsdokumente neu abgestimmt werden müssen. Die nächsten Wochen werden daher weniger eine „Entweder‑Oder“-Entscheidung sein, sondern eher eine Phase, in der Marktteilnehmer ihre Produktlinien, Zielmärkte und Logistikpfade feinjustieren.
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