ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Reisen in die USA sind 2026 im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgegangen. In Deutschland sank die Nachfrage von Januar bis Juni um 14,2 Prozent, in der Schweiz um 16,5 Prozent. Als Gründe nennen der Deutsche Reiseverband und die Schweizer Reise-Vertretung vor allem die politische Lage, höhere Preise sowie den organisatorischen Aufwand rund um ESTA. Der Trend könnte die Zahl der US-Reisen aus der Schweiz 2026 auf das Niveau von 2007 drücken.

Die Buchungszahlen für Reisen in die USA liefern derzeit ein klares Signal: Schon in diesem Jahr geht es nach unten. Wie aus Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) hervorgeht, lagen die US-Reisen in Deutschland von Januar bis Juni bei minus 14,2 Prozent. Auch im Sommer bleibt der Druck laut der beschriebenen Entwicklung bestehen: Für den Juli wird von einer ähnlichen Tendenz berichtet. Damit entsteht ein Umfeld, in dem nicht nur einzelne Urlaubsformen betroffen sind, sondern die gesamte Nachfrage nach einem der wichtigsten Langstreckenreiserouten der europäischen Airlines.
In der Schweiz fällt der Rückgang sogar noch deutlicher aus: Von Januar bis Juni werden minus 16,5 Prozent genannt. Die Geschäftsführerin des Schweizer Reise-Verbands (SRV), Andrea Beffa, verbindet diese Entwicklung mit einer langfristigen Projektion. Wenn sich der Trend fortsetzt, könnte die Zahl der US-Reisen aus der Schweiz 2026 auf dem Niveau von 2007 liegen. Das wäre rechnerisch ein Minus um 25 Prozent seit Anfang 2025, als unter anderem der Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump erfolgt ist – ein Hinweis darauf, wie stark politische Rahmensignale und Reisepsychologie bei der Nachfrage wirken.
Technisch betrachtet sind die Gründe weniger „ein einzelner Schalter“, sondern ein Bündel aus steuerbaren und nicht steuerbaren Einflüssen. Der DRV nennt als einen zentralen Faktor die politische Lage in den USA. In einer repräsentativen Umfrage im Februar zählten laut den DRV-Angaben rund die Hälfte der etwa 2.000 Befragten die politische und gesellschaftliche Situation zu den relevanten Motiven für Zurückhaltung. Für Unternehmen und Airlines ist das vor allem deshalb relevant, weil solche Erwartungen kurzfristig Buchungen verschieben, auch wenn die tatsächliche Reisequalität vor Ort unverändert bleibt.
Daneben spielen Kosten und Einreisebedingungen eine spürbare Rolle. Der DRV nennt ausdrücklich Preise und die Einreisebestimmungen als Bremsfaktoren – unter anderem wegen des organisatorischen Aufwands rund um die elektronische Reisegenehmigung für die visumfreie Einreise (ESTA). Das Problem ist dabei weniger die Existenz einer Regel an sich, sondern die Summe aus Planungsschritten, Informationsbedarf und möglicher Unsicherheit im Vorfeld. Wenn Reisende aus Angst vor Aufwand oder steigenden Gesamtkosten auf günstigere Alternativen ausweichen, entsteht ein Nachfrageknick, der sich häufig nicht sofort mit Werbeaktionen glätten lässt.
Auch Großereignisse wirken laut DRV-Logik oft als indirekter Treiber für Ausweichbewegungen. Für die Saison 2026 wird im Kontext früherer Effekte erwähnt, dass Großveranstaltungen wie eine Fußballweltmeisterschaft in der Regel zu einem Rückgang touristischer Reisen führen. Der Hintergrund ist nachvollziehbar: Rund um große Termine verschiebt sich die Preis- und Kapazitätswahrnehmung, etwa durch höhere Preise, und dadurch wird das Timing im Urlaubsbereich unattraktiver. Torsten Schäfer, Leiter Kommunikation beim DRV, hebt in den Angaben zudem hervor, dass Touristen vor allem höhere Preise befürchten – ein Faktor, der Nachfrageelastizität in der Praxis schnell messbar macht.
Trotz des negativen Bildes bleibt die USA-Nachfrage im Kern attraktiv. Die Aussagen des DRV deuten darauf hin, dass die USA für deutsche Reisende trotz der Rückgänge gegenüber 2024 weiterhin ganz oben in der Beliebtheitsskala stehen. Schäfer betont, dass die USA 2025 insgesamt das beliebteste Fernreiseziel der Deutschen gewesen seien – und er erwartet auf Basis der aktuellen Buchungszahlen, dass dies auch 2026 voraussichtlich so bleibt. Für die Lufthansa und andere Anbieter bedeutet das: Selbst wenn absolute Nachfrage sinkt, kann sich die Struktur verschieben – etwa hin zu längeren Vorlaufzeiten, stärker preisgetriebenen Tarifen oder zu Zielregionen, die sich bei knapper werdendem Budget besser durchsetzen.
Aus Marktsicht lohnt jetzt vor allem der Blick auf die Kette zwischen Reiseentscheidung und Airline-Ertrag. Rückgänge bei US-Reisen wirken über die Auslastung von Langstreckenflügen, über die Auslastung in Ferienwochen und über die Preisgestaltung im Vertrieb. Gleichzeitig entstehen Chancen für den Wettbewerb: Wenn ein Teil der Kundschaft zurückhaltender wird, können Anbieter mit besserer Planbarkeit bei Kontingenten oder stärkerer Umfächerung auf alternative Ziele Marktanteile halten. Für 2026 wird entscheidend sein, ob sich die Faktoren „politische Stimmung“, „Einreiseaufwand“ und „Preisempfinden“ stabilisieren oder weiter hochschaukeln – denn genau diese drei Variablen bestimmen in den vorliegenden Angaben, wie stark Buchungen nach hinten rutschen.
Für den Alltag in Vertrieb und Planung heißt das: Unternehmen sollten stärker mit Szenarien arbeiten und nicht nur mit linearen Trends. Wenn politische und organisatorische Unsicherheiten kurzfristig die Buchungsbereitschaft drücken, kann eine feinere Segmentierung helfen – etwa nach Reiseanlass, Buchungsfenster und Informationsniveau beim ESTA-Prozess. Auch für KI-gestützte Prognosen (KI) ist das ein klarer Use Case: Modelle sollten nicht nur historischen Abverkauf fortschreiben, sondern Indikatoren für „Perceived Risk“ aus Umfragen und Regeländerungsnähe einbeziehen. So lassen sich Nachfrageverschiebungen früh erkennen, bevor sie sich über Auslastung und Erlöse auf den operativen Betrieb durchschlagen.
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