OLIVE TJADEN HALL / LONDON (IT BOLTWISE) – In „taskscapes“ verknüpft die Cornell-MFA-Kandidatin Lilian Shtereva das Gestalten eines neuen Raums mit der Frage, wann aus Architektur ein Zuhause wird. Die Ausstellung zeigt eine bewusst unfertige Umgebung, in der Planken, Textilien und mobile Trennwände mehrere Teilräume innerhalb der Galerie erzeugen. Besonders prägnant sind dabei keramische „Tiere“, die wie aktive Mitspieler der Besuchserfahrung wirken. Das führt zur eigentlichen Klammer der Arbeit: Bedeutung entsteht beim Wahrnehmen instinktiv und individuell.

„Taskscapes“ macht aus Baustellenräumen persönliche Bedeutungsräume
„Taskscapes“ macht aus Baustellenräumen persönliche Bedeutungsräume (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in eine Galerie geht, erwartet meist ein fertiges Narrativ: ein klarer Bildanker, eine eindeutige Botschaft, ein Abschluss. Bei „taskscapes“ wird diese Erwartung bewusst unterlaufen. Lilian Shtereva, die als MFA-Studierende am Cornell-Kontext arbeitet, beschreibt als Kerngedanken den Moment, in dem eine architektonische Struktur zu einem lebendigen Wohnraum wird. Die Ausstellung übersetzt diese Idee in räumliche Entscheidungen, nicht in Texte: Sie startet mit dem „Dazwischen“ – einem Zustand, der noch nicht ganz zuhause ist, aber schon spürbar darauf zusteuert.

Technisch lässt sich diese Haltung als Prinzip der „wachsenden Systeme“ lesen: So wie Software in Iterationen entwickelt wird und mit jedem Durchlauf neue Nutzerpfade entstehen, baut die Ausstellung sukzessive Bedeutungen über Materialzustände auf. Bereits die Wahl der Umgebung spielt dabei eine Rolle. Eine frühere Arbeit zeigte offenbar den Prozess des Reparierens eines undichten Dachs in einem deutlich anderen, weniger fragmentierten Raum. In „taskscapes“ dagegen bekommt die Galerie eine modernere, stärker unterteilte Dramaturgie: Zwei bewegliche Wände trennen den großen Kontext in drei Abschnitte und erlauben so mehrere „Arbeitsmodi“ des Raums – vom noch unfertigen Eindruck bis zu gezielten Farbinseln. Für Besucher entsteht dadurch nicht nur ein Blick, sondern eine Abfolge aus Entscheidungen: Wo stehe ich? Welche Teilfläche betrete ich zuerst? Und was bedeutet es, dass etwas noch offen bleibt?

Bezeichnend ist, wie stark die Arbeit das Unfertige als Informationsquelle nutzt. Beim ersten Rundgang wirkt der Gesamtauftritt „unvollständig“, weil das Projekt laut dem Bericht erst eine Woche zuvor begonnen worden sein muss und ein Teil der Flächen noch leer ist. Links lehnen lange Holzplanken an Wänden und aneinander; das sieht wie Gerüstbau aus, bevor daraus Tragfähigkeit und Gestaltung werden. In einem anderen Bereich stapeln sich transparente Kunststoffboxen mit farbigen Textilien, die noch nicht ausgepackt sind. Genau hier wird die Brücke zu einem handfesten, alltäglichen Begriff von „Labor“ geschlagen: Arbeiten am Raum ist nicht nur Produktion, sondern auch das Andocken von Alltagserwartungen. Shterevas Aussageidee, einen fremden Zustand in ein Zuhause zu verwandeln, findet in der Präsentation einen direkten Gegenpart – denn statt „fertiger“ Atmosphäre zeigt die Arbeit bewusst den Weg dorthin.

Besonders interessant wird es, wenn man die räumliche Komposition als eine Art „Interaktionsschnittstelle“ begreift. In einem Bereich unter den ersten hölzernen Planken sitzt der Besucher buchstäblich im Nebenraum: durch eine Außenwand, eine der beweglichen Trennwände und zusätzlich ein instabil balanciertes Netz aus Planken entsteht eine Art Vorhangwirkung. Die Farbpalette reduziert sich dort auf Weiß, Grau und Braun – die Bareness macht den Zustand des Weiter-Arbeitens sichtbar. Doch direkt dahinter, hinter der zweiten Trennwand, ändert sich die Sensorik: Eine leuchtende Säule aus bunten Kissen und zwei Stühlen balanciert auf einem Hocker. Die gleiche Art von Objekten, die in einer früheren Arbeit als „Säule“ schon einmal eine Rolle spielte, bekommt in „taskscapes“ eine neue Funktion: Jetzt wirkt sie wie eine spielerische Nachahmung der Architektur – als freche Spiegelung der großen, grauen, starr wirkenden Betonfigur im Raum. So entsteht eine Spannung, die man als Koexistenz von Komfort und Entblößung interpretieren kann: Gemütlichkeit steht nicht am Ende der Arbeit, sondern taucht bereits mitten im Prozess auf.

Der zweite große Themenstrang der Ausstellung ist die Bedeutungserzeugung durch Menschen. Shtereva und der Bericht über das Gespräch stellen nicht die Suche nach einer einzigen „Kernbotschaft“ in den Mittelpunkt, sondern die Mechanik, wie Wahrnehmung Bedeutung formt. Jeder Besucher kommt mit eigenem Kontext in den Raum und findet daher unterschiedliche Lesarten in Anordnung, Material und Zustand. Der Bericht beschreibt diese Lesart als eher Gefühl als als klar formulierte These. Das passt zu einer etablierten Sicht in der Mensch-Computer-Interaktion: Bedeutungen entstehen in der Kopplung aus Umgebung, Handlungsanlass und persönlicher Erwartung. In „taskscapes“ ist diese Kopplung analog gebaut – der Besucher ist nicht passiver Betrachter, sondern Teil eines fortlaufenden „Story-Buildings“. Dass keramische Tiere als erzählerischer Kern wirken, liegt dabei nicht nur an ihrer Präsenz, sondern an dem Eindruck von Lebendigkeit, der von ihnen ausgeht. Der Besucher fragt instinktiv: Was machen sie hier? Und weil die Tiere scheinbar mitten in einem Handlungsablauf stehen – etwa beim Graben auf dem Fußweg – entsteht sofort eine kleine, eigene Dramaturgie.

Aus Perspektive der Industrie- und Produktentwicklung lässt sich daraus eine klare Lehre ableiten: Räume, Interfaces und Systeme müssen nicht immer „fertig erklärt“ werden, um wirksam zu sein. Ein gewisser Grad an Offenheit kann die Aufmerksamkeit stärker auf den Prozess lenken, statt sie in ein starres Ergebnis zu zwingen. Für Unternehmen, die mit KI-gestützter Automatisierung, digitalen Assistenten oder räumlichen Interfaces arbeiten, wäre die Analogie nicht „Kissen statt Code“, sondern die methodische Idee dahinter: Status, Übergänge und (Un-)Vollständigkeit sollten sichtbar sein, damit Nutzer die nächste Handlung überhaupt sinnvoll auswählen können. Genau das zeigt die Ausstellung über die Materialzustände: Planken und nicht ausgepackte Textilien markieren einen Systemzustand, die beweglichen Wände schaffen Kontextwechsel, und die farbigen Elemente funktionieren wie starke Feedbackpunkte im „User Journey“-Sinne. Wenn „taskscapes“ bis zum 17. September gezeigt wird, wird dieser Prozess außerdem selbst zum Zeitfaktor: Bedeutungsbildung ist hier nicht nur eine mentale Reaktion, sondern über die Dauer des Aufbaus mit dem Begriff des „darin Ankommen“ verknüpft. Für die Praxis heißt das: Wer ein neues Produkt oder einen neuen Service einführt, sollte nicht nur das Endbild liefern, sondern die frühen Phasen so gestalten, dass sie Orientierung geben – ähnlich wie in einer Werkstatt, in der schon Wärme entstehen kann, bevor alles fertig ist.


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